In früheren Kriegseinsätzen hat die US-Armee ihre Gegner gerne Mal stundenlang mit Metallica beschallt, um sie zur Aufgabe zu zwingen. Beim jüngsten Feldzug gegen Saddam setzten sie dagegen Gerüchten zufolge auf eine andere Wunderwaffe: Einige aus Deutschland mitgebrachte Aufnahmen des Hauptstadtradios 104.6 RTL (104.6rtl.com). Schon nach einer einzigen „Arno und die Morgen-Crew“-Sendung war die Moral der irakischen Truppen so was von in den Keller gesunken, dass die Amerikaner Bagdad weitestgehend kampflos einnehmen konnten. Dummerweise dachten einige Iraker, dass ihnen Arno jetzt jeden Tag drohen würde. Mit dem Widerstand gegen diese Medien-Invasion haben die GIs auch mehr als ein Jahr später noch zu kämpfen …

Okay, ich geb’s zu: Diese Geschichte ist erstunken und erlogen. Habe ich mir mal eben so ausgedacht. Vorstellbar wär es aber schon – schließlich wissen wir alle aus leidlicher Erfahrung, dass der ewige Einheitsbrei aus Hits der Siebziger, Achtziger, Neunziger und der verdächtig nach Psychopharmaka-Missbrauch klingenden Fröhlichkeit überdrehter Moderatoren deutscher Formatradios allzu oft an Folter grenzt. Im letzten Sommer machte deshalb eine Initiative auf sich aufmerksam, die medienwirksam ein Rotationsverbot (rotationsverbot.de) forderte. Eine typisch deutsche Idee: Heavy Rotation ist böse, also müssen wir sie verbieten. Doch Qualität über statistische Formeln zu garantieren, das ist, als wolle man mit Kernspaltung gegen Atomkraftwerke vorgehen.

Gutes Radio braucht mehr als eine einfach berechenbare Zauberformel. Diese Erfahrung durfte ich in Los Angeles machen, wo der Äther voll ist mit Müll, der Arno und Konsorten geradezu progressiv aussehen lässt. Hier wurde Heavy Rotation erfunden, und bis heute ist man darin unübertroffen. Wie im ganzen Land gehören auch in Los Angeles die meisten Radiosender zwei bis drei großen Medienkonzernen. Diese überlassen die Programmgestaltung dem Computer. Moderatoren sind nur noch dazu da, Anrufer mit Tickets und CDs abzuspeisen und in den Werbepausen Autos, Matrazen und Fitnessstudios anzupreisen.

Wie in Deutschland hat dies auch in den USA zu deutlicher Unzufriedenheit geführt. Die Kritik konzentrierte sich dabei schnell auf den Medienriesen Clear Channel (clearchannel.com). Das Unternehmen reagierte darauf im letzten Jahr mit einem ungewöhnlichen Experiment. Gemeinsam mit einem Latino-Radiobetreiber startete man in Los Angeles einen Sender namens Indie 103.1 (indie1031.fm).

Indie 103.1 spielte tatsächlich von Anfang an Musik, die nicht auf anderen Stationen Platz findet. Radiohead, Modest Mouse, The Postal Service. B-Seiten von Morrissey und Bad Religion. Nirvana-Songs, die man tatsächlich seit Jahren nicht mehr gehört hatte. Der Sender verzichtete zudem komplett auf blödelnde Moderatoren. Statt dessen Indie 103.1 auf ein nur durch die obligatorischen Werbeblöcke unterbrochenes Nonstop-Programm, das klang wie die Random-Playlist eines gar nicht so schlecht sortierten iPods.

Keine Frage: Indie 103.1 war toll. Ein paar Tage jedenfalls. Dann begann das Programm zu langweilen. Trotz seines selbst auferlegten Rotationsverbots berechenbar zu werden. Beim eigenen iPod kann man wenigstens skippen. Bei 103.1 war man dagegen in einer endlosen Indie-Beliebigkeits-Schlaufe gefangen.

Offenbar hat der Sender seine Lektion gelernt: Gutes Radio lebt von Persönlichkeit. Am besten gleich im Plural. Moderatoren, Redakteure und DJs, die ihre Zuhörer mit unerwarteter Musik überraschen. Menschen, deren Leidenschaft Musik ist, und die auch darüber reden können. Leute wie Alan Bangs, John Peel (bbc.co.uk), Klaus Fiehe (einslive.de) und Gudrun Gut (oceanclub.de), um nur einige meiner persönlichen Hörfunk-Helden zu nennen. Oder Rodney Bingenheimer (rodney-b.com).

Rodney Bingenheimer ist einer der letzten Heroen der Radiowelt von Los Angeles. Er machte die USA mit den Sex Pistols, Sonic Youth, Nina Hagen und Oasis bekannt. Rodney zählt David Bowie zu seinen Freunden, blödelte in den TV-Shows der Monkeys rum und nahm eine Single mit Thurston Moore auf. Der Mann war so einflussreich für die Westküsten-Pop-Szene, dass man sein Leben jetzt sogar in einem Dokumentarfilm verewigt hat. Der bezeichnende Titel des äußerst sehenswerten Streifens: „The Mayor of the Sunset Strip.“

Der Film portraitiert Bingenheimer als kleinwüchsigen Sonderling mit viel zu engen Hosen. Als Musik-Nerd, dem die Stars zu Füßen liegen – und der dennoch einsam und verkannt ist. Bingenheimer ist keine sonnengebräunte, schwerreiche Pop-Legende – sondern ein tragisches Beispiel für die Kehrseiten des Formatradios. Sein Arbeitgeber K-ROQ (kroq.com) hat Rodneys Sendung wegen Inkompatibilität mit seinem Rockradio-Format nach und nach auf immer unattraktivere Sendeplätze verlegt. Mittlerweile muss der einstige Star des Senders Sonntags von Mitternacht bis drei Uhr morgens ans Mikrofon.

Doch es gibt auch gute Nachrichten. LA’s Indie 103.1 hat jetzt endlich eingesehen, dass der iPod konkurrenzlos gut ist und ein paar namhafte DJs eingestellt. Mit dabei: Steve Jones von den Sex Pistols und der gute alte Henry Rollins. Gerüchten zufolge haben sie sogar Bingenheimer einen Sendeplatz angeboten. Man darf gespannt sein.

Ach ja, Indie 103.1 besitzt übrigens auch einen Internet-Stream, um sich von der Ferne aus ins Programm einzuklinken. Da kann man dann hören, wie Jones in sympathischer Altrocker-Senilität seine CDs im Studio verliert, Rollins markant wie immer den Alleinunterhalter raushängen lässt – und dabei lernen: Radio braucht kein Rotationsverbot. Gegen ein Dummbatz-Verbot wär dagegen überhaupt nichts einzuwenden. Sorry, Arno.

Janko Röttgers lebt und arbeitet als freier Journalist in Los Angeles.