„Hip-Hop-Clowns und Partyrapper“ – nicht nur, dass viele frühere Idole dem Genre den Rücken zukehren, die die es nicht tun vergehen sich zusätzlich am eigenen Erbe.

Vielleicht sind diese Hamburger Nachwuchsmusiker die millionenschweren Popstars von morgen“ – hieß es im noch scherzhaft im Intro des ersten Fettes Brot-Albums „Auf einem Auge Blöd“. Seit dem ersten Langspieler der drei Elbstädter sind nun mittlerweile 14 Jahre vergangen und der eigentlich schelmische Spruch hat sich längst in die solide Wahrheit verwandelt: Fettes Brot sind Superstars. Dieser Tage veröffentlichen die Mitbegründer des deutschen Sprechgesangs ihre neue (alte) Single „Falsche Entscheidung“ und zeichnen ein trauriges Bild: „Wisst ihr was mit Hip-Hop abgeht? Der ist voll krank.


In den Neunziger Jahren entwickelte sich der deutsche Hip-Hop langsam zu einer ausgewachsenen Subkultur und schaffte, mittels „Freestyle“ über VIVA und „Fett MTV“, sogar den Sprung ins heimische Wohnzimmer. MC’s und DJ’s schossen in beinahe jeder deutschen Stadt wie Pilze aus dem Boden. In Stuttgart erhob sich, neben den Gründervätern Fanta 4, die Kolchose Clique um Freundeskreis, Afrob und den Massiven Tönen. In Hamburg traten die Mongos mit Tobi und Bo, den (damals noch Absoluten) Beginnern und Eins Zwo auf den Plan. In München, mit enger Verbindung nach Österreich, die Kaleidoskop Clique um Blumentopf und Unmengen weitere Crews und Artists quer durch die ganze Republik. Ein Fest war es für jeden, der Teil dieser „neuen“ Bewegung war, oder es zumindest sein wollte. Ebenso schnell wie der Hype aber aufkam, verschwand er auch wieder, oder wurde zumindest in andere Kanäle umgelenkt: Rapper wurden zu Sängern, DJ’s, Funk-Pionieren oder Elektropunkern. Während sich die ehemaligen Stars der Rap-Szene langsam zu A-Promis in der breiten Öffentlichkeit entwickelten, verschob sich der Hip-Hop medienwirksam in das Gangster-Rap-Segment. Besonders Berlin, mit seinem „Arm aber sexy“-Image, bot dafür die perfekte Bühne: Rapper besangen die Neue Deutsche Härte und ihren Block, führten im Videoclip den Kampfhund um die Grafitti-gebombten Häuserecken und wedelten mit ihren Plastikgoldketten. Was textlich fast durchgehend die Intelligenz eines Drive-By-Shoots in einer Sackgasse aufwies, dem wurde durch die Medien der Street-Credibillity-Ritterschlag propagiert. Endlich war das Genre, nach amerikanischem Vorbild, böse geworden. Was viele Jugendliche erst an die Musikrichtung heranführte, schreckte frühere Fans scharenweise ab und lies den omnipräsenten Satz „Ich hab deutschen Hip-Hop noch gehört als er gut war“ zur Phrase verkommen.

Torch feat. Toni L – “Wir waren mal Stars”

Doch was ist übrig geblieben von den Stars aus den „guten Tagen“? Dem Zulu-King Torch, der durch Africa Bambaataa zum Propheten des deutschen Hip Hop ernannt wurde, war ihm der Verfall der Szene schon bei seinem Track „Wir waren mal Stars“ vor Augen. Der Heidelberger, der mit Advanced Chemistry die Musikrichtung in den Achtzigern nach Deutschland transferierte und als erster bei Jams auf Deutsch rappte, tritt heute nur noch als DJ auf. Vormalige Wegbereiter haben, in anderen Musikstilen Unterschlupf gefunden. Bereits im Winter berichtete motor.de über den Zerfall des deutschen Hip Hops in Songwriter und „Diskoclowns“.

Trotz vieler Abgänger in der Szene, gab es aber auch genügend Sitzenbleiber, die ihre Musik weiterhin unter dem Banner „Deutsch-Rap“ veröffentlichten. Ganz vorn dabei waren immer die Fantastischen Vier. Für den Umstand, dass sie den den Sprechgesang in der Bundesrepublik salongfähig gemacht haben, lassen sich die vier Stuttgarter noch heute bei jeder Gelegenheit auf die Schulter klopfen. Durchaus verständlich bis zu einem gewissen Punkt, aber nun auch noch den Pausenfüller bei Pro 7 abzugeben? Zudem mit einem Song, der die subversive Kraft eines Bausparvertrages hat? Damit vergraulen sich die Schwaben hoffentlich auch die letzten Fans, die ihnen bis hierhin noch die Stange gehalten haben.

Medienprofis sind mittlerweile auch die „Brote“ aus Hamburg geworden. Das Doppelalbum „Fettes/Brot“ wurde selbst bei der Presse in akribischer Kleinarbeit nach dem Apple-Prinzip angeteased. Zuerst gab es kleine mysteriöse Päckchen in Blau und Orange. Eine Homepage ohne Inhalt, dafür aber mit Newsletter-Sign-In. Ausgefeilt bis ins Detail ließen die drei Herren zusätzlich ihre Fans, unterteilt in Blau und Orange, online gegeneinander antreten, um zusätzliche Gimmicks zu erspielen. Nach und nach wurde dann bekannt, dass es sich bei der Markencampagne „lediglich“ um nicht ein, nein zwei Live-Alben handelte. Das nennt man Kundenbindung. Genau da liegt aber auch der Kern der Problematik, scheinbar sehen die Norddeuschen ihre Fans nur als Kunden an. Peinlichst genau zur WM wurde dann am 01.07. das neue Video zu „Falsche Entscheidung“ – zur Information: Ein Video zu einem Song, von einem Live-Album, welcher ursprünglich schon vor fünf Jahren released wurde – veröffentlicht und wie könnte es anders sein, die Herren treten im Clip als Schiedsrichter bei einem fingierten Fußballspiel auf. Na wer da mal die Parallelen zur verpfiffenen Fussball-Weltmeisterschaft nicht sieht – ein Schenkelklopfer, der ungefähr in der selben Liga wie die Fantas spielt. Das König Boris, Doktor Renz und Björn Beton dabei textlich wie visuell auf Fips-Asmussen-Niveau unterwegs sind, wird die Mitdreißiger wenig stören, ihre heutigen  Fans werden sich sicher mit Freude auf die nächste Single stürzen – können sie auch nicht verpassen, bekommen ja den Newsletter.

Fettes Brot – “Falsche Entscheidung”

Aber es gibt noch immer Hoffnung: Beweise dafür, dass man sich selbst und seinen Fans gegenüber treu bleiben kann, ohne auf der Stelle treten zu müssen, gibt es durchaus: Dendemann hat im April sein aktuelles Album „Vom Vintage verweht“ herausgebracht. Mit „reibeiserner Stimme“ rappt sich der Hanseat dabei über Garagen-Beats und hält dem Zuhörer mit gewohnt qualitativ-hochwertigen Lyrics den Spiegel vor. Sehr schön auch sein Interview bei MTV Home: Auf die Frage welche TV-Sendungen er sich gern anschaut, wo er doch so viele Serien in seinem Video zu „Stumpf ist Trumpf“ verarbeitet hat, die flapsige Antwort: „Seitdem Samy Werbung für die GEZ macht, hab ich keinen Fernseher mehr.“ . Selbst Weggefährten scheinen enttäuscht von der Medienverliebtheit ihrer Kollegen.

Die interessanteste Entwicklung aber durchlebt die Berliner Hip-Hop-Szene. Was Sido vorgemacht hat, als er das Ghetto-Image ins Ironische verkehrte, ist seit geraumer Zeit gängige Praxis. Das macht den Rap der Hauptstadt auch für diejenigen interessant, die nicht ständig darauf achten wollen, dass beim Feiern der Tunes die 9mm in der Hosentasche losgeht. Mit Spaß und Wortwitz wird die Gangster-Rap in ihre Einzelteile zerlegt. „Erzähl mir nichts von Ghetto, komm erstmal klar in meinem Bad“, rappen die Ostberliner Schwergewichte Hammer & Zirkel und führen mit Zeilen über die Klickzahlen ihrer MySpace-Seite die Szene gänzlich ad absurdum: „Deutscher Rap schrieb sich Ghetto auf sein Kuschelkissen“. Auch K.I.Z., die bei Konzerten auch gern mal im Motörhead-Shirt auftreten, sind auf Grund ihrer schwarzhumorigen Haltung schon seit längerem die Lieblinge des Feuilleton. Mit spitzer Zunge und dem Album „Sexismus gegen Rechts“ haben die drei Berliner längst einen Namen außerhalb der hauptstädtischen Grenzen gemacht. Übrigen haben K.I.Z mit „Biergarten Eden“ wohl einen der besten WM-Songs dieses Jahr abgeliefert. Bitterböse singen sich Tarek, Maxim und Niko durch die Klischees-Landschaft Deutschland: „Wir reiten auf den Schäferhunden Richtung Horizont. Er leuchtet Schwarz Rot Gold…“ Es passiert also doch noch was an der Frontlinie des deutschen Rap.

K.I.Z – “Biergarten Eden”

Vielleicht muss man sich einfach damit abfinden, dass die alten Helden erwachsen geworden sind. Die Jungs von Fettes Brot müssen mittlerweile schließlich auch als Familienväter ein Auge darauf haben, dass die Kasse stimmt. Dass sie dabei „Optimal Geschmacksneutral“ geworden sind, müssen sie sich dennoch ankreiden lassen. Sich als ehemaliger Fan deshalb gänzlich dem Genre zu verschließen, wäre eindeutig die wirklich „Falsche Entscheidung“.

Christoph Berger