ADIEU SWEET BAHNHOF

Zündende Gedanken auf Befehl zu haben ist natürlich eine schwierige Angelegenheit. Eine Band gründen, sich auf gemeinsame Ebenen einigen, tatsächlich in den Proberaum gehen, Songs schreiben: Das ist ja schon einmal kein Pappenstiel. Irgendwann sitzt man dann in der heimischen Küche und muss all diese Ideen in den griffigsten Bandnamen des einundzwanzigsten Jahrhunderts verwandeln. Eine harte Nuss ist das. Aber zum Glück hängt da dieses Foto an der Wand. Da ist ein Hund drauf, der am Strand herumliegt. Pragmatismus hallo: Diese Band heisst ab sofort HUND AM STRAND.

Fabian Schwinger, Tina Mamczur und Martin Thomas haben ein Faible für diese kleinen, scheinbar einfachen Lösungen, die in letzter Sekunde das Puzzle komplettieren. Trägt sich durch die ganze Bandgeschichte hindurch. Erst verbringen Fabian und Tina ein ganzes Semester an der Uni nebeneinander sitzend und finden sich sympathisch. Und erst am allerletzten Tag des Seminars reden sie dann auch einmal miteinander. Sofortiges Resultat: Bandgründung. Wenn schon, dann kann man das ja auch gleich richtig machen. Später kommt Schlagzeuger Martin dazu. Mit Martin wird alles gerade, direkt. Klar, der bleibt. HUND AM STRAND vermeiden Schnörkel, die machen einfach. Im Gespräch sitzen die drei ganz offen da, trockener Humor, es gibt nichts, was sich nicht in zwei Sätzen erläutern liesse. In der Garage Pankow ist einer der ersten Übungsräume, da kann man dann auch mal in dieser Berliner Indie Kaderschmiede auftreten. So trifft man dann natürlich auch Tobias Siebert von Klez.e & Delbo, der mal ein paar Songs aufnimmt. Die kommen auf die Website, dort hört sie das Bielefelder Label Tenstaag und schon ist er da, der Plattenvertrag. Man nimmt das Album auf und auf einmal ist Motor mit im Boot, der Indie, der programmatisch die Flagge für deutschsprachige Musik immer noch am höchsten hisst. So schnell geht das.

Wenn sich neben renommierten Labeln auch noch Medien und Käufer ohne Anlaufschwierigkeiten begeistern lassen: Umso besser. Die altehrwürdige Spex adelt HUND AM STRAND nicht nur mit durchaus euphorischer Rezension sondern lädt die Band auch sofort zur großen Indiesause „Monsters of Spex“ ein. Die jungen Bundesbürger rennen in der Zwischenzeit in die Plattenläden, reissen in nur vier Wochen die Erstauflage aus den Regalen und halten das Thema seit Veröffentlichung konstant in den Top 200 der Amazon Charts. All das ohne teure Videos, von Marketing- und Promotionetats soll nicht einmal die Rede sein. Alles ganz einfach.

Das schöne an HUND AM STRAND ist, daß sich diese Einfachheit auf dem Debüt „Adieu Sweet Bahnhof“ gekonnt locker fortsetzt. Die Songs dauern so lang, wie sie dauern müssen, auf Intros und Outros wird nahezu komplett verzichtet. Die angezerrte Gittare legt Teppiche, die durch eine klassische Rhythmusfraktion gestärkt werden. Das einzelne Instrument spielt im positiven Sinne autoritär, banddienlich, trocken. Darüber der beseelte Gesang von Fabian Schwinger. Sind das die Pixies, die alte Blumfeld Stücke covern? Das verschollene deutschsprachige The Jam Album? Irgendwie ein wenig von alldem, aber beileibe nicht alles. Der Opener „Vier Akkorde“ macht mit ebendiesen die Tür ganz weit auf, erklärt kurz die Formel und bricht sie dann textlich und musikalisch in Stücke. Toll. Der wahre Hit der Platte, “Jungen Mädchen” ist so gerade und direkt nach vorne heraus, daß man die Ironie hinter der Aufforderung “Jungen, Mädchen, zieht eure T-Shirts aus” auf den ersten Blick gar nicht bemerkt. Sie erschliesst sich aber spätestens beim Blick auf die Band: Die drei lassen ihre T-Shirts an. Welchen Sinn auch würde es machen, sich angesichts stürmischer Zeiten von seiner verletzlichen Seite zu zeigen? Tanzen ist aber durchaus okay.
Und bitte: Tanzen ist bei diesem Song neben jedem Subtext genau das, was man machen möchte. Klappt in den Indieclubs auch schon sehr gut.

Richtig langsam lassen HUND AM STRAND es nie werden. In jeder Passage wird die Präsenz, der Druck nach vorne gehalten. Die Band will nicht Hintergrund sein, die wollen nicht nur spielen, die wollen mitreissen. Und wenn es dann wie auf „Erklär mir die Welt“ eine Spur ruhiger wird, dann bricht der Refrain umso härter aus. So ein Song klingt dann wirklich nach den Hochzeiten des deutschen Indies circa „L’Etat est moi“, aber eben nicht nach B-Seite, sondern nach Hitsingle. So segelt es sich durch eine extrem kurzweilige Platte auf der Fabian, in „4711“ fragt: „Doch langsam geht mir der Text aus, das Singen und Spielen verlangt soviel ab, was willst Du tun, wenn ich keine Kraft mehr hab?“ Damit will ich mich nicht beschäftigen. HUND AM STRAND, passiert das sowieso nicht. Ganz klar, ganz einfach.

TRACKLISTING:
4 Akkorde
4711
Jungen Mädchen
Neues Lied
Zeit zu Trauern
Frühling
in der Mitte
Erklär mir die Welt
Eine Sache
G

Hund am Strand:
Fabian Schwinger/Gitarre & Gesang
Martin Thomas / Schlagzeug
Tina Mamczur / Bass