Fast war es ein wenig still geworden um Helge Schneider, doch mit Beginn des neuen Jahres ist der Komiker, Jazz-Musiker und Alleskönner so präsent und umtriebig wie nie. Die neue CD „I Brake Together“ erscheint demnächst, auf einjährige Tournee hat er sich soeben auch begeben und ab dem 11.1. startet auch noch „Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“. In der Komödie von Dani Levy spielt Schneider ausgerechnet eben jenen titelgebenden Diktator. Wir trafen ihn aus diesem Anlass zum Interview.


Als Dani Levy Ihnen angeboten hat, Adolf Hitler zu spielen, haben Sie da gedacht, er sei komplett verrückt geworden?
Nö. Ich habe eigentlich erst einmal drüber nachgedacht, ob ich dafür überhaupt Zeit habe. Also ich habe das schon sofort ernst genommen und mir das Drehbuch schicken lassen. Das habe ich dann mit Mühe und Not gelesen und war eigentlich nur entsetzt, wie viel es da auswendig zu lernen gab. Wir haben dann telefoniert und darüber geredet und ich bin schließlich zu so einem Vorsprechtermin gefahren. Da habe ich einen Bart angeklebt gekriegt, einen Scheitel gemacht und sollte also den Adolf Hitler spielen. So habe ich erstmal zugesagt, und, obwohl ich zunächst nicht ganz sicher war, es dann auch bei der Zusage belassen. Die Idee mit dem Haare abschneiden und der Maske kam erst später.

Und warum waren Sie zunächst nicht ganz sicher?
Zunächst mal war da wirklich die Frage, ob ich dafür Zeit habe. Außerdem habe ich überlegt, ob das nicht vielleicht ein grottenschlechter Film wird, wenn ich Adolf Hitler spiele – weil ich ja nicht selber die Regie gemacht habe. Aber schließlich habe ich gedacht: Komm, ich mache das einfach mal. Es gab einmal noch einen Moment, als ich überlegt habe abzusagen: als mich eine Freundin fragte, ob ich das nötig hätte. Natürlich habe ich das nicht nötig, so eine Rolle zu spielen, aber genau das war dann auch der Grund, es eben doch zu tun. Weil ich es nicht nötig hatte.

Wie groß war denn Ihr Respekt vor dieser Figur?
Sie meinen vor Adolf Hitler? Ich habe überhaupt keinen Respekt vor solchen Leuten… Aber Sie meinen vermutlich den Respekt davor, so eine Person zu spielen, wegen der Öffentlichkeit. Oder wegen der vielen Kinder, die mich dann sehen und denken, ich wäre ein böser Mann. Da hatte ich überhaupt keine Bedenken. Ich fand ganz gut, dass Dani Levy an mich gedacht hat, weil ich wusste, dass ich den ganz gut spielen könnte. Und dann habe ich es eben einfach gemacht. Dass ich den Hitler so gut spielen kann, ist übrigens auch ein Resultat meines Lebens. Und zwar meines fotografischen – oder annähernd fotografischen – Gedächtnisses, das mich dazu befähigt, Sachen, die ich vor 20 Jahren mal gesehen habe, zu analysieren und zu erkennen, wie die gemacht werden. Als ich wusste, dass ich Adolf Hitler spiele, waren da deshalb erst einmal der Gang, die Bewegungen, die Haltung, das Gucken und solche Dinge. Dann kam lange gar nichts und erst dann die Sprache – und danach komme dann nur noch ich. Ich bin das dann, und aus der Maske gucken meine Äuglein. Daher ist das im Film natürlich ein Zwitterwesen: ein Adolf Hitler, der mit meinen Augen ganz ernsthaft versucht, Adolf Hitler zu sein.

Kann man denn Hitler ernsthaft spielen?
Entschuldigung, dass ich da lachen muss. Ich glaube, man kann Hitler nicht ernst spielen, das geht nicht. Selbst wenn man es noch so ernsthaft versucht. Das liegt aber nicht daran, dass er einfach nur eine Witzfigur ist, sondern an der eigenen Ernsthaftigkeit, mit der man das tun möchte. Da ist dann so ein Kribbeln des Gleich-Lachen-Wollens, das auch etwas mit peinlichen Situationen zu tun hat. Vielleicht erinnert sich jemand daran, wie er als Fünfjähriger auf der Beerdigung der Oma lachen musste, weil alle Leute so komisch aussahen. Das ist die gleiche Situation.

Aber das mit Lachen über Hitler ist ja so eine Sache. Hat man damit hierzulande noch ein Problem?
Das ist mir zu platt, zu sagen: Deutschland hat ein Problem, über Hitler zu lachen. Wir Deutschen sind nun einmal größtenteils so aufgewachsen: mit einer Hand in der Tasche und darin das Gefühl der Schuld. In anderen Ländern ist das eben nicht so, und deswegen können die von vornherein über einen solchen Film ganz anders sprechen. Eine Schweizer Reporterin hat das heute gar nicht verstanden, warum bei uns überhaupt fragt, ob man über so etwas lachen darf. Natürlich darf man darüber lachen. Ich als Kosmopolit lache da selbstverständlich drüber – und jeder Deutsche darf das. Aber das Gefühl, mit dieser Schuld aufgewachsen zu sein, kenne ich natürlich. Ich kann für mich persönlich sagen, dass ich verstehe, wenn man das hat, und ich verstehe auch, wenn man nichts damit zu tun haben und das gerne loswerden will. Noch mehr verstehe ich allerdings Freiheit. Und die bedeutet, dass man einen Film machen kann, und zwar vor allen Dingen einen Film zum Lachen. Es wird sich hier ja über kein Volk oder ähnliches lustig gemacht. Ganz abgesehen davon wurde ja auch schon im Dritten Reich über Hitler gelacht, nur eben ganz heimlich im Kämmerlein und hinterm Zaun.


Hatten Sie also gar keine Angst, man könnte das Thema vielleicht verharmlosen, wenn man sich über Hitler lustig macht?
Nein, im Gegenteil. Außerdem weiß ich gar nicht, ob der Film sich über jemanden lustig macht. Ich weiß natürlich, was Sie meinen. In dem Moment, wo etwas lustig wird, wird es amüsant, schmackhaft und man fängt an, sich zu identifizieren oder sogar eine Figur zu lieben. Natürlich hat man mit dem Adolf Hitler im Film Mitleid. Man will den eigentlich in den Arm nehmen, weil es dem ja ach so dreckig geht. Aber genau darauf zielt das ab. Und sich über etwas lustig machen, ist eine ganz andere Geschichte. Deswegen kann man hier auch nicht von Verharmlosung sprechen. Verharmlosung ist eigentlich, wenn über etwas nicht redet. Oder wenn man etwas durch Gesetze kaltstellt und den Menschen verbietet, darüber nachzudenken oder zu lachen.

Was halten Sie überhaupt von dem Begriff „Vergangenheitsbewältigung“?
Ein sehr gewaltiges Wort, ne? Bewältigung hat ja schon gleich etwas mit Gewalt zu tun. Es ist ja nun mal so: es gibt die Vergangenheit, gute wie schlechte. „Vergangenheitsbewältigung“ klingt für mich dann immer so, als sollte das Schlechte ausgestochen und das Gute behalten werden. Und das finde ich nicht gut. Ich kenne das Wort also eigentlich nicht. Meine Vergangenheit ist mein Leben, nur die muss ich bewältigen. Mit allem davor habe ich eigentlich nichts zu tun. Nur meine Menschlichkeit hat damit zu tun, und deswegen möchte ich sehr viel darüber wissen und das für die heutige Zeit verwenden können. Aber ich muss sie nicht aktiv bewältigen, wenn ich 1955 geboren wurde!


Noch eine letzte Frage zum Film direkt: Konnten Sie eigene Ideen einbringen – etwa die Sache mit der Heimorgel?
Nö, auch das war die Idee von Dani Levy. Also habe ich eben Orgel gespielt. Wobei er wahrscheinlich nichts dagegen gesagt hätte, wenn ich besser gespielt hätte. Meine Idee war dabei natürlich, so schlecht zu spielen wie der vielleicht gespielt hätte. Das müssen Sie sich mal vorstellen, darüber mache ich mir Gedanken! Wie Hitler vielleicht Orgel gespielt hätte, wenn er zwei Unterricht gehabt hätte, in einer Orgelschule oder so…

Patrick Heidmann