In der Regel funktionieren, wenn wir mal ehrlich sind, die meisten Filme nach relativ ähnlichen Grundschemata: ein oder mehrer sympathische Protagonisten (gerne auch Helden genannt) geraten in außergewöhnliche Situationen, die mit der Routine des Alltags nicht viel zu tun haben. Eine solche Konstellation macht natürlich nicht automatisch einen guten Film, aber als Basisplot reicht sie meist schon aus, um das Interesse des Publikums zu wecken. Denn der Trostlosigkeit des normalen Lebens will man im Kino schließlich gerade entfliehen – außer man ist weltgrößter Andreas Dresen-Fan.

Diese Woche liefert gleich eine ganze Reihe von Paradebeispielen den Beweis dafür, dass das Kino tatsächlich am liebsten mit Erlebnissen arbeitet, mit denen man in der Realität höchstwahrscheinlich nie konfrontiert wird. Den Anfang macht dabei Milla Jovovich, die gleich im doppelten Sinne in anderen Umständen ist, wie sie uns hier im Interview erzählt. Während sie also auf die Geburt des Töchterchens wartet, können wir uns die Zeit mit „Resident Evil: Extinction“ vertreiben. Das ist übrigens bei weitem nicht der schlechteste dritte Teil dieses Jahres, schon allein weil Heerscharen blutrünstiger Zombies (so viel zu den außergewöhnlichen Situationen) momentan wieder viel Spaß machen. Auch Milla selbst ist übrigens in mehrfacher Ausführung am Start, was ebenfalls nicht verkehrt ist. So oft, wie sie mittlerweile als schwer bewaffnete Actiontussi besetzt wird, kann ein wenig Verstärkung jedenfalls nicht schaden.

Ganz alleine durchschlagen muss sich in „Die Fremde in dir“ dagegen Jodie Foster, die in letzter Zeit ebenfalls für die immer gleichen Rollen besetzt zu werden scheint. Wehrhafte Frauen in Notlagen, könnte man diese Figuren wohl nennen. Dieses Mal muss sie mit ansehen, wie ihr Verlobter im Central Park ermordet wird – und geht auf Rachefeldzug. Definitiv möchte man nicht in ihrer Haut stecken, auch wenn es dem Film nie so ganz gelingt nachvollziehbar zu machen, wie in Windeseile aus dem Opfer eine Täterin werden kann. Und spätestens das Finale dieses ansonsten sehr sehenswerten Films trifft dann nicht mehr wirklich den beabsichtigten reflektierten Tonfall.

Noch besser, aber auch noch durchkonstruierter was Zufälle und erstaunliche Ereignisse angeht, ist Fatih Akins neuer Film „Auf der anderen Seite“. In zwei Handlungssträngen erzählt er die miteinander verwobenen Geschichten von sechs Personen, sorgfältig aufgebaut mit Spiegelungen und Parallelen verschiedenster Art. Die thematische Bandbreite ist groß: es geht um Familie und Liebe, Terrorismus und Homosexualität, das deutsche Asylrecht und das türkische Patriarchat. Aber Akin und seine tollen Schauspieler verlieren nie den Überblick und schaffen ein bewegendes Meisterwerk, das man gesehen haben sollte.

Von „Chuck und Larry – Wie Feuer und Flamme“ kann man dasselbe leider nicht behaupten. Schon die Ausgangskonstellation hört sich selbst für anspruchslose Adam Sandler-Fans nicht besonders komisch an: zwei Feuerwehrmänner (neben Sandler noch der langweilige Dicke aus „King of Queens“) tun als seien sie schwul und wollten heiraten, um sich auf diesem Wege die Rente zu erschleichen. Viele lahme Gags später sind natürlich alle brav heterosexuell, aber man tut trotzdem so, als hätte man der Homo-Ehe einen Dienst erwiesen. Schön wär’s!

Noch unglaubwürdiger, aber dafür mit einer tatsächlichen Liebesgeschichte kommt „Leroy“ daher. Wer den zugehörigen Kurzfilm mal im Internet gesehen hat, weiß schon, worum es geht: Teenager Leroy, schwarz und mit riesigem Afro, entdeckt die Liebe für sich – und sucht sich dafür ausgerechnet das Mädel mit den Nazibrüdern aus. Dabei ist ein nett-harmloses Komödchen aus Berlin geworden, in dem allzu viel gute Botschaften und zu wenig Bissigkeit stecken. Aber Hauptdarsteller Alain Morel sollte man auf jeden Fall im Auge behalten – während Afrob, der hier mal in der ungewohnten Position des Schauspielers zu erleben ist, vermutlich keine große Kinozukunft vor sich hat.

Womit wir beim Stichwort Zukunft auch schon bei der Vergangenheit wären. Genau dorthin verschlägt es nämlich den jungen Protagonisten in „Kreuzzug in Jeans“, der Titel lässt es erahnen. Vor Zeitreisefilmen sei an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich gewarnt, aber für ein wirklich junges Publikum – und an genau das richtet sich diese merkwürdige Koproduktion aus Holland, Deutschland, Amerika, England, Belgien und Ungarn – ahnt vermutlich noch nicht, dass es manchmal eben gerade die ungewöhnliche und sehr alltagsferne Ausgangssituation ist, die für das größte Ungemach sorgt.

Text: Patrick Heidmann