Als wir im Januar 1994 Motor gründeten, waren wir ratlos. Wie in Gottesnamen sollte das Label heißen, dem wir von nun an unsere Energie und Zeit widmen wollten. Es war schwieriger als bei jedem Kind. Ich spreche aus Erfahrung. Ich hab zwei Töchter und mich nach anfänglichen Schwierigkeiten (bei der Ersten schlug ich Pebbles und bei der zweiten Bilitis Elektra vor) noch jedes Mal schnell mit der dazugehörigen Mutter einigen können. Bei Motor war das anders. Irgendeiner legte immer sein Veto ein. Da wir keinen Vorschlag hatten, legte uns die Leitung des PolyGram Konzerns, die den Laden ja schließlich auch finanzieren sollte, eine Liste der Markennamen, die sie bereits geschützt hatte, vor. Das passte natürlich alles gar nicht. Einzige Ausnahme: Factory. Tony Wilson, der Fernsehjournalist, bei dem die Sex Pistols ihren ersten TV Auftritt hatten, hatte es 1978 in Manchester begründet. Der Tod von Joy Divisions Sänger Ian Curtis, durch den „Love Will Tear Us Apart“ zur immer gültigen Hymne wurde, hatte es finanziert.

Mit Bands wie A Certain Ratioo, The Durutti Colum und nicht zuletzt den unter dem neuen Namen New Order angetretenen Resten von Joy Division hatte man bei Factory nie so recht Geld verdient. Wie auch, wenn man sich für einen Jahrhundert-Hit wie „Blue Monday“ ein Cover von Labelgrafiker Peter Saville entwerfen lässt, was die Platte 20 Cent teurer als den Listenpreis für den Handel werden lässt. Mit den Happy Mondays hatte man in Folge zwar gleich noch eine Jahrhundert-Band, aber die brachte mit durch Drogen angeheizter Unzuverlässigkeit das Label endgültig zum kollabieren. Im Film „24 Hour Partypeople“ wird das aufs Schönste nachgestellt. 1992 gingen dann jedoch die Lichter aus. PolyGram übernahm den Katalog und so kam der Name auf die Liste.

Uns erschien das alles schwer sympathisch. Nicht nur aus musikalischen Gründen. 1994 tobte noch der Rave, wenn auch nicht der Manchester Rave, durch Deutschland und man konnte sehr gut nachvollziehen, was damals um die Happy Mondays abgegangen war. Und auch wir hatten unseren Peter Saville. Er hieß Dirk Rudolph und hatte beim ersten Auftrag von Phillip Boa auch noch keine Arbeitsproben vorzuweisen. Dafür bastelte er Cover von unglaublicher Schönheit und Rafinesse. Das bei uns erschienene und von ihm gestaltete Album „Hispanola“ wurde in Schulungen für Lehrlinge der PolyGram als Anschauungsobjekt genutzt: Auf dem Cover befanden sich weder Künstlername noch Albumtitel, dafür war die Verpackung so aufwendig, dass man in der Herstellung bereits umgerechnet 3,85 Euro aufwenden musste. Damit spielten wir bereits in der „Blue Monday“ Liga.

Kurz bevor wir zur Eintragung der Marke „Factory Deutschland“ schreiten wollten, meldete sich Dirk Rudolph bei uns. Angespornt von dem internen Wettbewerb (für einen guten Labelnamen hatten wir eine Kiste Bier ausgeschrieben), war ihm etwas eingefallen. Motor sei international, etwas eignes und das Logo was er mal eben dazu entworfen hätte, sähe sowohl wie zwei Mikrophone als auch wie ein alter Kühler aus. Erstmals waren sich alle Beteiligten einig. Das war besser, als sich an die Idee eines Dritten anzuhängen. Eine Kiste Bier ging nach Bochum zu Dirk.

Alle Dinge die Tony Wilson anschob, bekamen eine Factory Katalognummer. So auch der Club Hacienda (FAC 051) oder die Drybar (FAC 201). Auch der Sarg, in dem er mit 57 Jahren nach langer Krankheit (Nierenkrebs) verstorben letzte Woche beerdigt wurde, hatte eine (welche ist leider nicht überliefert). In Manchester gingen die Flaggen am Rathaus auf Halbmast und ein Tony Wilson Way ist bereits vom Stadtrat beschlossen worden.

Foto: Kevin Cummins