Wie weit muss man eigentlich reisen, damit nicht die Blöden die Lufthoheit über den Plattenteller innehaben? In Kambodscha mögen Pol Pot und die Rote Khmer Geschichte sein, was Musikgeschmack und Clubkultur angeht, hängt das Land jedoch noch tief in der Zeit deren Spätphase fest.

“It’s a holiday in Cambodia, where people dress in black. It’s a holiday in Cambodia, where you’ll kiss ass or crack. Pol Pot, Pol Pot, Pol Pot, Pol Pot”, hämmern die Dead Kennedys in meinem Gehirn, während ich selbiges im Rhythmus zu Inner Circles “Alalalalalong” gegen die Kacheln schlage. Was um Himmelswillen mache ich hier? Warum stehe ich um drei Uhr morgens auf dem Klo eines Clubs in Phnom Penh, höre beschissene Musik und verzweifle an der Menschheit? “Auch das muss man mögen”, meinte meine Zimmergenossin Flic noch vor zwei Minuten, als meine Abneigung langsam offensichtlich wurde, und der Name des Clubs, in dem ich mich befand, sich deutlich in den Zügen meines Gesichts wiederspiegelte – “Heart Of Darkness”. Muss man? Ich bin da nicht so sicher.

Wenn es ganz schlimm wird, dann hilft nur nach Hause gehen oder Entspannung. Da ich mir mit den zwei Bekanntschaften, die mich hierher geschleift hatten, allerdings ein Gefährt für den Rückweg teilen musste, hing ich hier erst mal fest. Also Entspannung. Nur dass mein “Heuwägelchen, Heuwägelchen”-Mantra gegen ein “Pol Pot, Pol Pot, Pol Pot” eingetauscht wurde. Seit meiner Ankunft in Kambodscha habe ich diesen einen Ohrwurm: 24 Stunden “Holiday in Cambodia”, dem Umstand zum Trotz, dass die Zeilen, 1980 geschrieben, nicht mehr den aktuellen Bezug aufweisen, über den sie schon damals hinausgingen. Brother Number One – Pol Pot – ist seit 1998 tot, und die immer noch bitterarmen Nachfahren der Generation S-21 haben es längst verstanden, das blutige Erbe seiner Diktatur in einen florierenden Wirtschaftszweig zu verwandeln. An jeder zweiten Ecke des Landes stehen Stände, die einen mit Sachbüchern und Videos über die Roten Khmer und Tatsachenberichten der Überlebenden der vierjährigen Schreckensherrschaft geradezu erschlagen. Wobei eine gewisse Sensibilität für die Vergangenheit bei den Einheimischen schmerzlich vermisst wird. Der Monolog “Hey Mister. You wan book abou Pol Pot? No? You wan Weed? Ecstasy?”, zeugt von erstaunlicher Abgeklärtheit. Auch der Fahrer, der mich zu den Killing Fields vor den Toren der Stadt brachte, fand es völlig normal, zu fragen, ob ich nach dem Besuch der Massengräber nicht noch zum nahegelegenen Schiessstand wolle. “AK47, M16, cheap, cheap.” Der Siegeszug des internationalen Kapitalismus hat auch vor Kambodscha nicht haltgemacht. Sogar die Geldautomaten der Staatsbank spucken hier amerikanische Dollars aus.

Mein Unterbewusstsein ignoriert das. Dort ist immer noch 1980. Dass ich mir jederzeit die Erinnerung an Jello Biafras Geschrei und scheppernde Gitarren mental herunterladen kann, hat allerdings auch Vorteile. Gerade jetzt und hier, als ich versuche, dem Treiben auf der Tanzfläche zu entkommen. Eine Weile machte ich gute Miene zum bösen Spiel. Ignorierte die albernen Kontrollen der Privatarmee vor der Tür, Bierpreise, die im Verhältnis zum Einkommen der Durchschnittsbevölkerung ein Hohn sind und bei denen ich mich fragte, wie das überwiegend einheimische Publikum selbiges bezahlte, dass mir knapp bekleidete Asiatinnen an den Hintern packen und bierbäuchige Männer eben jene mit ungelenken Zappelbewegungen beeindrucken wollen, doch die Musikauswahl des DJs brachte das Fass schließlich zum Überlaufen. Acid, gefolgt von Achtziger-Pop und gekrönt von Eurotrash der Marke The Omen. Geht’s noch?

Es ist mir ein Rätsel, um mal auf den Kerngedanken dieser Kolumne zu kommen, warum der größte Müll, den der westliche Kulturbetrieb in atomuhrenpräziser Regelmäßigkeit so verbricht, im Osten der Welt immer noch Jahre nach seiner Veröffentlichung mit solch offenen Armen empfangen wird. Dass solche Sachen zu Hause in den Charts landen – schlimm genug. Aber wer sich im Ausland in Clubs begibt, muss sich zwangsläufig mit der Frage auseinandersetzen, ob die Blöden überall in der Mehrheit sind.

Dafür sind nicht mal weite Reisen nötig. Wer einmal in Prag den Versuch unternahm, tanzen zu gehen und dann mit einem auf Großleinwände projiziertem “Baby, Don’t Hurt Me” skandierenden Haddaway konfrontiert wurde, wird das bestätigen. Es kann nicht die Liebe zum Trash sein, die seine und des Bäckermeisters DJ Bobos Erfolge dort auch noch im 21. Jahrhundert erklärt. Das ironiefreie und frenetische Abfeiern der ollsten Kamellen, die schon bei ihrem Erscheinen ignoriert gehörten, machen diesen Schluss unmöglich. Nun mag eingewandt werden, dass die gemeinsame Subsummierung Tschechiens und Kambodschas unter dem Begriff “Osten” ein reichlich freies Verständnis von Geographie und Kulturgeschichte verlangt, aber die Fakten geben mir doch recht. Ob Prag, Kairo, Bangkok, Saigon oder Phnom Penh, wenn sich die Discokugel dreht, verschwimmt jeder Unterschied zu Sölden, El Arenal oder Ibiza vor zehn Jahren. Überall reagiert der feiernde Mob auf den größten Quark mit der besten Laune. Das muss ein Naturgesetz sein, denn mit mangelnden Nachschubwegen oder einem Informationsdefizit lässt sich die Sache ebenfalls nicht erklären. Eine professionell organisierte Raubkopiermafia und das Internet, über das alles und jeder Song inzwischen weltweit verfügbar ist, schließen auch das aus.

Nach einer Weile gebe ich den Versuch auf, Erklärungen zu finden, da meine Ideen mit zunehmendem Unverständnis in überhebliche Höhen und misanthropische Tiefen abschweifen, die mir unheimlich werden. Doch soll ich, was hier um mich herum geschieht und was ich zu Hause schon zum Kotzen finde, nur gut finden, weil ich in der Fremde bin?

“Man muss auch dass mögen”, waren Flics Worte, bevor sie grinsend in der Menge verschwand. Muss man? Nein, beim besten Willen nicht! Und die Frage, wie weit man reisen muss, um dem zu entgehen? Keine Ahnung. Je näher ich der Datumsgrenze komme, desto größer werden die Zweifel, ob es diesen Ort überhaupt gibt. Wir werden sehen.

Text: Moritz Honert