Über die Jahre hat man gelernt, nicht alles für bare Münze zu nehmen, was – flankiert von jeder Menge Lob des NME – über den Ärmelkanal von der britischen Insel zu uns exportiert wird. Hochtrabende Schlagzeilen kopulieren mit nicht weniger exzentrisch formulierten Selbsteinschätzungen der Band, die den obligatorisch verlangten Narzissmus natürlich mit militant anmutendem Größenwahn zwischen den Zeilen frönt. Unterhaltsam, zweifelsohne, doch zu oft schon entpuppte sich das im Voraus vielgepriesene und mit Lorbeeren übersäte Werk, um welches sich mindestens drei große Plattenfirmen stritten, als Strohfeuer. Analog dazu jetzt die Londoner Razorlight? Selbstverliebt. Selbstbewusst. Aber wohl wissend, wie unverschämt gut das eigene Debüt ‘Up All Night’ geworden ist.

Bezeichnend dafür eine der ‘Rock’n’Roll Lies’-Strophen, die der 22-jährige Johnny Borrell singt: “Here comes your man, baby, he’s a winner, yeah! He’s a gunslinger.” Auch in den anderen elf Stücken des Albums wird das Moment von Liebe, Leid und Hoffnung immer wieder zum Inhalt. Teenage Angst. Vermutlich biographisch, im Kontext von ‘Rock’n’Roll Lies’ aber wohl mehr von Selbstironie als Größenwahn durchzogen. An Hohn mangelt es in den eigenen Reihen ohnehin nicht. Während Gitarrist Björn Agren über seine ganz persönliche Karriere nach Razorlight philosophiert, “etwas Neues zwischen The Cure und Kraftwerk zu kreieren”, bekommt er von seinem schwedischen Mitstreiter am Bass und von dem jüngst erst zum Razorlight-Drummer bestimmten Andy unter Gelächter klar zu verstehen, wie sie über seine Pläne denken. Borrell, ganz Gentleman-like, bleibt im Hintergrund. Er, bereits da, wo Gitarrist Agren hin will, muss wohl 2001 in seiner Zeit als temporärer Libertines-Bassist den Drang verspürt haben, dem Schattendasein neben Barât & Doherty zu entkommen. Kommerziell betrachtet bekam er mit Razorlights ‘Up All Night’-Einstieg auf Platz 3 der englischen Albumcharts bereits Recht. Ein objektiver Blick auf das, was Johnnys Band mit jeder Menge Herzblut, so scheint es jedenfalls, zwischen den Libertines und den Strokes zusammengespielt hat, kommentiert man indes nüchtern. “Die Platte ist durch das Leben in London inspiriert und zeigt unsere Liebe zu all den Sixties-Pop und Seventies-Rock-Bands. Wir lieben wohl alle gute Melodien und Rhythmen.” Widergespiegelt so auch auf ‘In The City’: “Johnny’s shadow’s getting long but he keeps on singing: And I was looking for you, looking for you in the city last night.” Und ja, er wird uns finden.

Text: Manuel Möglich