Mit der Flasche in der Hand torkelte der besoffene Adam Green gestern Abend bei Stefan Raab die Studiotreppe hinunter, sang dazu die Sugababes und begann sein Interview mit einer lallenden Tirade an unsinnigen Statements. Er habe keine Lust mehr, mit Black Sabbath zu spielen und unterrichte in Deutschland nun einen Kurs über das erfolgreiche Erlangen guten Atems. Und quasi zur Begründung: “I get criticized a lot in the press. For my good music”. Sprach’s und nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche. Als ihm nichts mehr einfiel, verteilte er an Raab Küsschen und Kopfnuss, sprach auf dessen Schoß sitzend über die Erwärmung seines Penis und seine Erfahrung, mit der Band Hanson im Irak-Krieg zu kämpfen. Sein leider etwas inkonsequenter Versuch, den Moderator auf den Mund zu küssen, hätte eine Szene für die Ewigkeit werden können – das biergeschwängerte Pendant zum Madonna-Britney-Kuss von 2003. Doch einem gelernten Metzger wie Raab ging das natürlich zu weit. Statt dessen verliefen sich beide in zusammenhangslosem Unsinn während Green sein Mikrofon ruinierte.

Adam Green im Interview (live bei TV Total)

Die mit Abstand bizarrste Szene jedoch spielte sich etwa zur Mitte des Gesprächs ab. Als Vorschlag zur Übersetzung der Vokabel “komischer Kauz” nennt ein Zuschauer der ersten Reihe Adam Green einen “Freak”. Als Antwort segelt Greens Bierflasche durch das Studio und zerspringt vor den Füßen der entgeisterten Aufnahmeleiterin. In diesem Augenblick offenbart sich Raabs genervte Hilflosigkeit über den seinerseits genervt und deprimiert wirkenden Gast. Niemand im Saal weiß mehr so recht, was man dazu sagen soll. Green selbst richtet sich nun in seinem Sessel auf und rezitiert fehlerfrei: “Blaukraut bleibt Blaukraut und Brautkleid bleibt Brautkleid”. Pause, dann Applaus.

Diese Szene war so etwas, wie Adams Greens Kernaussage. Klar, er war besoffen. Doch “Alkohol ist die Stiefmutter der Wahrheit” sagte meine Ur-Oma immer – lassen wir diesen Einwand also heute einmal nicht gelten. Adam Green zeigte hier nicht weniger als einen Ausdruck der Verachtung seiner selbst und des Publikums gleichzeitig. Sein Statement: “Seht her, ich bin so gut, ich kann hier machen was ich will und ihr findet es geil. Selbst für den allerletzten Unsinn kassiere ich hier noch Kohle und Applaus, denn so sind die Spielregeln. Scheiß Business.” Wenn man als gehypter aber intelligenter Künstler zu dieser Einsicht gelangt ist, bleiben einem außer dem Alkohol nicht mehr viele Alternativen übrig. Und seien wir mal ehrlich: Selbst wenn “Sixes & Sevens” eine schlechte Platte geworden wäre (ist sie aber Gott sei Dank nicht), hätte sie sich in Deutschland wahrscheinlich trotzdem blendend verkauft. Green gilt bei uns als der verlorene Sohn der Cordjacketts und Feuilletonisten. Den muss man gut finden, sonst ist man zu blöd für gute Musik. Der Antipol zu Tokio Hotel und trotzdem keine Volksmusik. “Antifolk? Cool!”.
Unsterblichkeit ist für einen kreativen Geist tödlich. Ich glaube, etwas ähnliches meint Liam Gallagher, wenn er sich bei Oasis-Konzerten sein Tambourin als stilisierten Mix aus Heiligenschein und Dornenkrone auf den Kopf setzt, um sich stumm und starr mit verschränkten Armen minutenlang vom Publikum anjubeln zu lassen. Niemand wirft dann eine Flasche zurück. Niemand pfeift. Da vorn steht schließlich eine Art Jesus – mindestens. Und der darf machen, was er will. Wir jubeln.

Adam Green: Morning After Midnight (live bei TV Total)

Die abschließende Aufführung Adam Greens von “Morning After Midnight” bei TV Total wird zur Farce. Green stolpert albern hüpfend durch die Studioband und singt so schlecht, als würde er seinen eigenen Song in einer Karaokebar zum besten geben. Mit der Eleganz eines alternden Harald Juhnkes hält Green weder Takt noch Gleichgewicht und scheint dabei unangreifbar ob des eigenen Genies. Zum Abschied torkelt er auf der Suche nach dem Ausgang noch eine Weile durch die Dekoration. Nach einem letzten vergewissernden Blick, ob denn Green auch wirklich endlich weg ist, merkt man Raab die Erleichterung deutlich an. Jesus ist endlich raus hier. Ich glaube, jemand hätte ihm eine Flasche hinterher werfen sollen. Es hätte ihm und uns gut getan.