Diese Band aus Liverpool orientiert sich weniger an Merseybeat und Pilzkopf-Tradition, sondern verbindet eine Vielzahl von Einflüssen zu einem äußerst unterhaltsamen Gesamtwerk. Alle 13 auf dem selbstbetitelten Debüt enthaltenen Songs, spiegeln in eindrucksvoller Weise die musikalische Sozialisation der einzelnen Mitglieder wider. Stile wie Dub, Punk, und Ska werden so kombiniert, dass sie am Ende nahtlos harmonieren, und der Band so ihren ganz eigenen Charakter verleihen. Diese Jungs scheinen genau zu wissen, worauf es ihnen bei einem guten Song ankommt. Dass sie fähig sind, dieses Ideal dann auch live umzusetzen, bewiesen The Dead Sixties kürzlich bei einem Showcase im Berliner Postbahnhof.

Matt McManamon, Ben Gordon, Charlie Turner und Bryan Johnson wuchsen alle in der gleichen Gegend auf. Sie gingen in die gleichen Schulen und hatten zumindest ähnliche Freundeskreise. Schon früh entdeckte jeder für sich seine Begeisterung für Musik und das Zusammenspiel in einer Band. Glaubt man Frontmann Matt, so sollte man diesen ersten Gehversuchen aber keine große Bedeutung im Hinblick auf die Gegenwart zukommen lassen:
“Jeder von uns hat schon in unzähligen Combos gespielt. Gruppen, die man alle paar Wochen wechselt, und deren Namen sich mindestens ebenso oft ändern. Der einzige Vorteil daran ist, dass man in so einer Phase genug Zeit hat, um sich auszuprobieren. Irgendwann kamen wir schließlich an einen Punkt, an dem wir entschieden, die Sache von nun an ernsthaft zu verfolgen. Wenn man so will, war das die perfekte Ausgangslage, um eine gute Band zu gründen.”

Trotz der dargebotenen Vielfalt überrascht die Band live wie auf Platte durch einen eigenen Sound und einen höchst eingängigen Wiedererkennungswert.
Natürlich könnte man kritisch anmerken, dass es sich dabei nicht unbedingt um etwas gänzlich Neues handelt. Natürlich klingen die Songs hier und da wie eine klassische Clash-Hommage. Nach wenigen Durchläufen erkennt man dann aber doch, dass es sich bei diesem Debüt nicht um vier Kids handelt, die ihren Helden Tribut zollen, sondern dass man es hier mit vier jungen Herren zu tun hat, denen es gelingt, all ihre Einflüsse zu vermischen, um am Ende mit etwas höchst Eigenständigem aufzuwarten. Vielleicht ein Resultat der Konsequenz, mit der McManamon und Co. ihr Ziel von Anfang an verfolgten:
” Nach der Schule hielten wir uns mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Viel wichtiger als eine konventionelle Karriere war uns regelmäßiges Proben. Alles in allem ließen wir uns eine ganze Menge Zeit. Wir arbeiteten hart an den Songs, und entschieden uns erst nach neun oder zehn Monaten vor Publikum zu spielen. Ich denke, es bringt nichts, den Leuten schlecht arrangierte Songs zu präsentieren. Das geht meistens nach hinten los”
Bis hierhin klingt die Bandbiographie dann auch wie eine klassische Rock´n´Roll-Laufbahn mit all seinen Höhen und Tiefen. Wäre da nicht ein renommiertes Label Namens ‘Deltasonic’.

Alan Willis, seines Zeichens Chef der Firma, wurde schon sehr früh auf die Jungs aufmerksam und besuchte sie regelmäßig im Proberaum. Was er hörte und sah schien ihm zu gefallen, und so kam es nur knapp ein Jahr nach Gründung der Band zum ersten Plattenvertrag. Bassist Charlie erinnert sich: “Allan war oft da, und hat sich unsere Proben angesehen. Irgendwann hielt er uns dann einen stundenlangen Vortrag über das Wesen der Musikindustrie. Kurze Zeit später bot er uns einen Vertrag an. Das war in sofern komisch, da wir zu diesem Zeitpunkt noch kein einziges, richtiges Konzert gespielt hatten. Supportjobs und Tourneen folgten erst im Anschluss.”

Auch der Rest der jungen Laufbahn erinnert eher an ein klassisches Hollywood-Märchen als an harte, englische Realitäten. Schon ihre zweite Single wurde von der Kultgazette NME zum Song der Woche gekrönt. Mit dem gleichen Stück schaffte der Vierer auch den Sprung in die oberen Rotations- Reihen des amerikanischen Alternative Radios. Supporttouren für Größen wie Morrissey oder Garbage ließen ebenfalls nicht lange auf sich warten. Bleibt die Frage, ob man bei so viel Wind nicht irgendwann den Sinn für´ s Wesentliche verliert? Charlie kontert: “Nein, natürlich nicht. Wir hätten uns nie erträumt, dass alles so schnell geht. Aber unsere Musik scheint den Leuten nun mal zu gefallen. Für uns ist die Platte nach wie vor ein ganz persönlicher Soundtrack über Liverpool. Zurzeit geht ein Traum in Erfüllung, und wir arbeiten hart daran, dass das auch noch eine ganze Weile so bleibt.”

Im Anschluss liefert Matt auch gleich eine plausible Erklärung für den momentanen England-Hype: “Ich denke, die Leute sind einfach gelangweilt von Sparten wie New-Metal und New-Rock. Auch wenn all diese neuen Bands in sich verschieden sind, so teilen sie eine Gemeinsamkeit. Sie machen etwas Frisches und Aufregendes. Ich denke, darin liegt die Ursache, dass englische Musik zurzeit so erfolgreich ist.”

Bei soviel Potenzial gelten die im Herbst anstehenden Konzerte natürlich schon jetzt als unumgänglicher Pflichttermin. Respekt!

Text: Benedikt Dominik

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