Es gibt Dinge die tut man, obwohl man genau weiss, dass sie einem nicht gut tun. Bis zum Umfallen auf guten Parties trinken gehört genauso dazu, wie Fastfood-Essen und das zwanghafte Anschauen des Eurovision Songcontest. Doch während das ausgelassene und ausschweifende Feiern wenigstens noch was geselliges hat, Fastfood teilweise wirklich gut schmeckt, ist das Gucken des Grandprix einfach nur mit permanenten ärgern verbunden.
Damit wir uns nicht falsch verstehen, ich möchte nicht in das Weh und Ach des deutschen Medien über die Russenmafia, die sich angeblich die Stimmen von Millionen Handybesitzern so lange kauft, bis der im Den Haager Knast verstorbene Slobodan Milosovic (schrieb der sich so – hmmm ein Massenmörder dessen Namen man sogar sofort wieder vergisst, ist schon ein armer Wicht) durch eine wie Harry Potter dreinschauende Lesbe seine späte Satisfaktion über den Westen bekommt, einstimmen. Ich bin auch Manns genug um mir einzugestehen, dass das was da passiert kulturell völlig irrelevant und extrem geschmacksbefreit ist, was mich ärgert sind die westeuropäischen Titel und die Berichterstattung darüber.
Bei fast jedem Punkt den Cicero bekam wurde Kommentator Peter Urban euphorisch, und sei es nur ein einziger aus Malta gewesen. Die deutschen Medien, allen voran die Bild wurden nicht müde, Ciceros Performance über den grünen Klee zu loben. Da war ein Mann am Start auf den sich plötzlich scheinbar die ganze Nation einigen konnte. Und ach, was hatte er technisch perfekt gesungen…. Aber genau hier liegt das Problem, genau da zeigt sich die Gefahr einer durch DSDS und ähnliches gebrainwashten Journallie, eines in Sachen Musik in die Irre geführten Volks. Musik ist kein Handwerk, Musik ist Kunst und deshalb geht es weniger um Technik denn um Idee, Haltung und Identität. Selbst beim Grandprix Eurovision.
Wenn die Mutanten aus der Ukraine über die Bühne springen hat das was von unfreiwilliger, später Tschernobyl Tragik, wenn technisch versierte, aber völlig Charisma- und inhaltsfreie Stimmen wie die von Studiosängern wie Joy Flemming (Deutschlands schlechtestes Songcontest abschneiden aller Zeiten), der Sängerin von Texas Lightning (eine Gesangslehrerin, katastrophales Endergebnis in Tallin) und Cicero jeden Ton treffen, dann ist das so spannend als würde man einem guten Malermeister beim Verputzen einer Wand zuschauen. Wenn die Ukraine Transen auf Deutsch „Sieben, acht – tanzen!!“ brüllen, dann hat das was interessantes, wenn man sich überlegt, dass wahrscheinlich noch kein Land je in einem Krieg so verwüstet wurde wie eben gerade die Ukraine von erst einfallenden und dann abmarschierenden deutschen Truppen. Wenn Joy Flemming einen Blues, Texas Lightning Country und Cicero Swing zum Besten geben, dann hat das mit diesem Land, seiner Geschichte, seiner Kultur schlichtweg nichts zu tun. Erstaunlich, dass diese Tendenz zur absoluten Selbstverleugnung auch noch von anderen kopiert wird: Franzosen versuchen sich plötzlich in Sachen Ska-Pop und das Mutterland des Pop mit Eurotrash. Das ist unglaubwürdig und gehört bestraft, genauso wie die Deutsche pseudo-Qualitäts Scheisse.
Nur eine Tageszeitung, der Berliner Tagesspiegel traute sich im nationalen Wuttaumel nachzurechnen. Was wäre den passiert, wenn der Osten hätte gar nicht abstimmen dürfen? Die Serben wären genauso Platz eins gewesen, die Ukrainer dito auf der Zwei, nur die russische Nuttenpop wäre von den Türken auf Platz vier verdrängt worden. Unser Roger hingegen wäre gerade mal auf Platz 14 gekommen. Super… Wie kann sich auch das Land welches Europa in seinem Sangeswettbewerb die Fake-Mongolen von Dschingis Khan und Guildo Horn mit „Piep, piep ich hab Dich lieb“ schenkte (und weil das so authentisch, beknackt Deutsch ist, mit beiden sogar sehr gut abschnitt) überhaupt über die Osteuropäer mokieren. Statt die ewige Angst vor Osten zu schüren, sollten Urban und Bildzeitung endlich nach der eigenen Identität suchen. Wenn wir endlich mal wieder gewinnen wollen müssen wir Bands wie die Leipziger Krieger mit dem Song „Heimat“ ins Rennen schicken. Versprochen, ich rede mit ihrem Management und schreibe bei Zusage auch nie wieder über den Grandprix an dieser Stelle. Versprochen!