Allmählich neigt sich das Jahr dem Ende zu, und ein wenig ernüchtert blickt man zurück auf die Filme des Jahres 2007, durchaus froh, all die Piraten, Oger und Jackie Chans endlich hinter sich gelassen zu haben. Wie gut tut da plötzlich eine Kinowoche wie diese: denn statt wieder einmal nur Altbewährtes zu zeigen, warten die neu anlaufenden Filme mit einigen handfesten Überraschungen auf.

Die größte und aufregendste ist dabei mit Sicherheit „Ex-Drummer“, vom belgischen Regisseur Koen Mortier (im motor.de Interview). Seine Geschichte von der Metalband, dem zynischen Schriftsteller und dem Abschaum menschlicher Existenz ist brutal, erschreckend, beinahe unerträglich – und visuell bemerkenswert erzählt. Dass Kino heutzutage noch so provozierend, mutig und radikal sein kann, hätte man gar nicht mehr zu hoffen gewagt.

Wie beinahe zahm wirkt dagegen „American Gangster“, obwohl an sich auch diese Gangstergeschichte aus dem New York der Siebziger Jahre nicht gerade gewaltfrei ist. Überraschend ist bei Regisseur Ridley Scott aber vor allem die Besetzung: den Aufstieg zum Mafiaboss macht nämlich der sonst meist so distinguierte Denzel Washington, während als sittentreuer Cop ausgerechnet bad boy Russell Crowe zu sehen ist.

Auch Michael Douglas weiß zu Abwechslung mal zu verblüffen. In „King of California“ bringt er, frisch aus der Klapse entlassen, mit einer ausgefallenen Schatzsuche das Leben seiner Tochter (Evan Rachel Wood alias „Mrs. Marilyn Manson“) durcheinander – und kommt dabei so zauselig, ungepflegt und komödiantisch daher, wie man ihn sonst selten erlebt.

Derweil entpuppt sich „Die Legende von Beowulf“ , wie es sich für die Verfilmung einer alten Heldensage gehört, als actionreiches Fantasy-Epos. Doch wer hätte gedacht, dass Robert Zemeckis, nach den eher durchwachsenen Erfahrungen beim „Polarexpress“, noch einmal auf Motion-Capture-Technik setzt und seine Schauspieler also in Computeranimationen verwandelt? Immerhin ist es Angelina Jolie so angeblich weniger peinlich, nackt aufzutreten.

Peinlich ist dann leider auch ein gutes Stichwort für „Free Rainer – Dein Fernseher lügt“, denn längst nicht alle Überraschungen dieser Woche sind positiver Art. Hans Weingartner hat mit „Das weiße Rauschen“ und „Die fetten Jahre sind vorbei“ zwei mehr als anständige Filme vorgelegt, doch seine vermeintliche Mediensatire mit Moritz Bleibtreu ist jetzt nur plumpes, penetrantes und vor allem höchst unwitziges Weltverbessererkino. Man möchte ihm ja gerne zustimmen, dass der Quotendruck mitunter für ziemlich dummes Fernsehprogramm sorgt. Aber muss man solche Binsenweisheiten derart Klischee beladen und unironisch an den Mann bringen? Wirklich schwer erträglich – und das ist, anders als bei „Ex-Drummer“, dieses Mal kein Lob.

Da ist man mit „Wir sagen du! Schatz“ sicherlich besser bedient. Auch dies ein deutscher Film, der sich irgendwo zwischen Sozialdrama und Komödie bewegt. Aber immerhin will die Geschichte von Oliver, der sich eine Familie kidnappt, ihrem Publikum nicht mit Holzhammer und Zeigefinger auch noch eine Botschaft unterjubeln.

Es soll allerdings auch nicht verschwiegen werden, dass natürlich auch in dieser Woche ein paar Filme am Start sind, die gänzlich überraschungsfrei daherkommen. „Der Kindergarten Daddy 2“ ist beispielsweise ein weiterer von unzähligen Versuchen Cuba Gooding jrs. zu beweisen, dass man nach dem Gewinn eines Oscars (für „Jerry Maguire“, lange ist es her) ein ganzes Leben lang schlechte Filme drehen kann.

Und dass durch die Umwelt-Dokumentation „11th Hour – 5 vor 12“ niemand Geringeres als Leonardo DiCaprio führt, versteht sich irgendwie auch von selbst. Da könnte man es höchstens als Überraschung werten, dass von Hollywoods anderem engagierten Öko- und Weltfriedenkämpfer, George Clooney, ausnahmsweise jede Spur fehlt.

Text: Patrick Heidmann