Seit mehr als zehn Jahren schenken uns die schwedischen Hellacopters die Quintessenz des Rock. Anfangs noch ein wenig ruppig, das Debüt ‘Supershitty To The Max!’ wurde in 26 Stunden rausgedroschen, türmen sich im zunehmenden Alters- und Plattenlauf die Querverweise zu den Unsterblichen: Stones, MC5, Kiss, Lynyrd Skynyrd. So geschehen auch auf ihrem neuesten Album, welches als lustiges ironisches Kontrastprogramm ‘Rock’n’Roll Is Dead’ betitelt wurde. Chefpilot Nicke Royale und Bassist Kenny scheint der Leichenschmaus allerdings bestens zu munden, auch wenn das aussterbende Interesse für musikalische Wurzelkunde durchaus ein Kondolenzthema darstellt.

Doch dazu kommen wir später. Erfreuen wir uns doch lieber noch ein wenig an der neuen Copters-Scheibe, die demnächst in jedem guten Rock-Haushalt dauerrotieren sollte. Verglichen mit dem Stadion-liebäugelnden Vorgänger ‘By The Grace Of God’ geht es hier wieder schnörkellos rund und zur Sache, was einem bereits der Chuck Berry-/frühe Beach Boys-inspirierte Opener ‘Before The Fall’ unmissverständlich in Melodierezeptoren und Tanzbein jagt. “Die neue Platte ist eben mehr so, wie wir wirklich klingen”, erklärt Nicke. “Für uns war das letzte Album schon fast zu einschnürend, weil wir so viele Sachen im Studio überarbeitet haben. Wir sind nun mal schlampig und nachlässig, und das kommt diesmal auch raus”, beschreibt Nicke selbst den Unterschied. Und eine gesunde Portion schlacksige Schludrigkeit hat dem Rock’n’Roll ja bekanntlich noch nie geschadet. Deshalb sehen die Jungs auch keinen Sinn darin, jahrzehntelang im Studio zu werkeln. “Was gibt es da zu perfektionieren? Wenn du es live spielst, klingt es eh anders”, so Nicke, worauf Kenny ergänzt: “Die allerersten Blues-Aufnahmen aus den Zwanzigern sind in einem Take entstanden. Da gab es nichts weiter zu tun.” Nickes “da gab es ja auch nur ein Mikro!”-Einwurf soll hier als Erklärungshilfe und Randnotiz zur Geschichte der Studiotechnik reichen.

Viel interessanter gestaltet sich nämlich die Frage, wie die Band selbst die Veränderungen in ihrem, über die Jahre an musikalischer Qualität gewachsenen Sound sieht. Gab es da jemals so was wie ein Gefälligkeitszugeständnis, wie böse Zungen spätestens seit ‘High Visibility’ behaupten? Dazu Nicke: “Auf der ersten Platte konnten wir nicht mal richtig spielen. Jetzt sind wir eben ein bisschen besser. Und das will man dann auch nicht mehr hinter noisigen Verzerren verstecken. Aber die Songs sind eigentlich ziemlich gleich geblieben.” Von Kommerzialisierung kann man in pekuniärer Hinsicht sowieso nicht sprechen, die Millionärsdichte innerhalb der Band ist weiterhin ziemlich gering. Dafür hat man aber einiges an Kredibilität auf der hohen Kante. “Vielleicht mussten wir mal einen Flug eher nehmen, aber in die Musik lassen wir uns nicht reinreden. Niemals. Wir spielen den Kram, weil wir ihn spielen wollen”, erklärt Nicke und gleichzeitig das Geheimnis der markanten Hellacopterschen Klangnote: “Es gibt viele Bands, die ich sehr mag, die versuchen nach etwas zu klingen, das sie eigentlich nicht sind. Und das macht es immer erst interessant. Das ist so, als würden die Stones versuchen, wie ein paar Delta Blues-Jungs zu klingen. Es klingt nicht wirklich so, aber dafür sehr gut! Ich mag es, wenn solche abgefuckten Versionen dabei rauskommen. Egal, wie sehr wir uns auch anstrengen, wir werden eh nie so klingen wie die Leute, die uns beeinflusst haben. Das ist das Gute an Musik.” Deshalb kann Tausendsassa Nicke – aktiv und passiv- auch niemals genug von ebendieser kriegen, wie sein überaus erfolgreiches Soul-Seitenprojekt The Solution kürzlich noch belegte.

Überhaupt ist der passionierte Soul-Plattensammler mit folgender Taktik ständig auf musikalischer Entdeckungsreise: “Wenn ich in der Stadt bin, gehe ich natürlich in die Läden und kaufe auch mal Scheißplatten für einen Euro. Nach dem Motto: ‘Die haben Gitarren, die Platte ist von 1978 – gekauft’. Da findet man manchmal wirklich gute Sachen und es kostet dich nicht viel. Selbst wenn da nur ein guter Song drauf ist – für einen Euro hörst du etwas, was dir sonst entgangen wäre.” Da kann iTunes wohl nicht mithalten. Warum also Nicke, ist bei all dieser spürbaren Leidenschaft der Rock’n’roll tot? “Ein 14-Jähriger hat heute keine Ahnung mehr, wer Chuck Berry ist. Selbst die älteren mit 25 haben keinen Blassen. Die Stones kennen sie vielleicht noch, aber die Small Faces? Nope. Yardbirds? Fehlanzeige. Ich will ja jetzt auch nicht, dass jeder anfängt wie Chuck Berry zu spielen. Aber was schmerzt ist, dass halt überhaupt kein Chuck Berry mehr in der heutigen Musik zu finden ist. Es gab sogar Zeiten, in denen du selbst bei Metal-Bands Spuren davon finden konntest. Ist Chuck Berry in der Musik von Hammerfall? Nicht wirklich. Aber es gab Chuck Berry im Sound von Accept! Wenn auch nur wenig, aber sie standen wenigstens noch in dieser Tradition.” Ebenjene bewahren zumindest die Hellacopters in ihren Herzen und Songs. “Es geht um drei Akkorde, es macht dich glücklich und du willst einfach nur abtanzen, ohne dir einen Kopf zu machen. Das ist das Ding, das schon seit langer Zeit ausgestorben ist”, bringt Kenny die desolate Lage auf den Punkt. Doch anstatt, wie schon zu Beginn erwähnt, dem guten alten Rock’n’Roll letztlich den Totenschein auszustellen, kommt spätestens bei ausgiebigen Genuss von ‘Rock’n’Roll Is Dead’ rechtzeitig die revidierende und erlösende Diagnose: scheintot. Glück gehabt. Wir, Chuck Berry, die Hellacopters und natürlich der alte 51-jährige Sack, der uns hoffentlich alle überleben wird. Klingelt’s?

Text: Frank Thießies