It’s Not Punk Anymore – It’s Now New Wave

Zweimal im Leben laufen einem die musikalischen Helden der Adoleszenz über den Weg. Beim ersten Mal ist der Moment magisch. Der Held nistet sich in unsere Herzen ein und von da ab spielt er uns immer und immer wieder die Lieder vor, die uns am Ende ein wenig zu dem machen, was wir heute sind. Beim zweiten Mal sind meist schon einige Jahre vergangen. Der Held ist nicht mehr er selbst. Er mag seine alten Lieder nicht mehr singen und kaschiert die Traurigkeit seines Daseins mit unangemessener Arroganz und schlecht gespieltem Ego.

Seit nunmehr 20 Jahren macht Phillip Boa Musik. Mehr als Hälfte dieser Zeit nutze er, um Meisterliches zu produzieren und sich damit in die persönlichen Geschichtsbücher unzähliger Menschen zu schreiben. Den anschließenden Rest betrieb er öffentliche musikalische Identitätssuche auf schlechten Konzerten und bestenfalls ‘ordentlichen’ Platten. Er kündigte das private und musikalische Verhältnis zu seiner Partnerin Pia Lund, sein Talent verblasste und seine Musik wurde einfach unwichtig.Jetzt, im Jahr 2005 klopft das ehemalige ‘Arschloch der Nation’ zum dritten Mal an unsere Biografie und möchte reingelassen werden.

Phillip Boa hat den Voodooclub wieder zusammengetrommelt, sich mit seiner Muse und Chanteuse Pia versöhnt (zumindest musikalisch), einen Tourbus gemietet und sich auf den Weg nach Mama Deutschland gemacht. Im Berliner Frannz-Club spielt er uns neue und alte Lieder vor. Drei Tage, drei Konzerte, ausverkauft!

Das Konzertplakat klingt wie eine Drohung: ’20 Years of Indie Cult’. Man fühlt sich an den unsäglichen Leslie Mandoki und seine ‘Legends of Rock’-Geschmacklosigkeiten erinnert. Und das Ganze auch noch im ‘Kult-Format’! So wie Guildo Horn? War der nicht auch Kult? Es ist der letzte von drei Konzerttagen in Berlin, und man munkelt, der erste Tag sei furchtbar gewesen, der zweite so okay. Alle Zeichen stehen dagegen, dass dieser Tag ein gutes Ende nehmen wird. Das Motto scheint offensichtlich: “Kill Your Ideals”. Dann der erste Ton des Voodooclubs, eine kurze Elektrisierung des Publikums und die Erkenntnis, dass ich nun für meine berechtigten Zweifel bestraft werde. Und zwar hart und über anderthalb Stunden lang.

Phillip Boa & The Voodooclub im Jahre 2005 sind gut. Nichts ist hier peinlich, nichts langweilt, alles scheint da zu sein wo es hingehört. Die Band ist konzentriert und voller Kraft, Pia Lund entspannt wie eine Ikone auf der Couch daheim und der Meister voller Wirkung und Charisma. “Als nächstes kommt ein Song, den Pia geschrieben hat.” Schon früh wird das Stück ‘Himmel’ aus Pia Lunds Solo-Werk gegeben. Ein Zeichen der Versöhnung, dass die Fans verstehen und honorieren, aber nicht darüber hinwegtäuscht, dass sich Boa und Lund, auf und hinter der Bühne ganz offensichtlich aus dem Weg gehen.

“Ich höre jetzt mal auf zu reden, ich bin ja nicht Thomas Gottschalk.” Boa kommuniziert locker mit dem Publikum und ist zeitweise geradezu komisch. Mit Pia Lund und dem Voodooclub spricht er nicht. ‘It’s Not Punk Anymore, It’s Now New Wave’, singt der im maltesischen Exil lebende Dortmunder und da hat er Recht. Punk war Boa nie. Wave schon eher und Indie gerade mehr denn je.

Den Deal bei der großen Plattenfirma hat er verloren und sein aktuelles Label ‘Motor’ ist im Moment eher ein Aufbauprojekt als ein Schallplatten-Großhändler. Dann die erste neue Nummer! Hätte man es nicht gewusst, hätte man es nicht gemerkt. Schick! Boa ist gut gelaunt und lächelt vergnügt in sein Publikum. Nach ‘Fine Art In Silver’ wünscht sich ein Gast, das Tempo doch ein wenig anzuziehen. Boa weiß es Besser: “Schnell ist auch nicht alles!”. Danach: ‘Making Noise Since ’85’, offenbar ein weiteres Stück aktuelleren Baujahrs. Plötzlich wird deutlich, wie weit sich Phillip Boa schon aus der Übermacht seiner eigenen Geschichte befreit hat. Selbstironisch betrachtet er sich und sein Schaffen von außerhalb, spielt mit seinem Image und emanzipiert sich von eitlem Anspruch. Wahrscheinlich lacht er sogar über sein eigenes Tourplakat.

Wohlweißlich, dass es gleich von der Foyerwand gerissen und in der Jackentasche eines Fans verschwinden wird, um dann sein unverdientes Gnadenbrot in der Küche eines 36-jährigen Kreuzberges zu finden. Es sind auch einige 20-Jährige hier, aber die klauen keine Plakate. Die saugen sich heute Nacht noch ‘Container Love’ aus dem Netz. Bei ‘Love On Sale’ steht das Publikum dicht gedrängt, Gänsehaut an Gänsehaut vor dessen Schöpfer, das Großmaul Boa kleinmaulig wie beim Zahnarzt und sichtlich gerührt vor seinen Gästen. “Ich weiß, das klingt jetzt wie so eine Spinal Tap – Ansage aus dem Entertainment-Handbuch, aber ich schwöre BEIM LEBEN DES BVB: Ich war gerade sehr glücklich, als ich hier in eure glücklichen Gesichter geschaut habe.” Was anschließend folgt, ist der Rest einer absolut bemerkenswerten Single-Collection deutscher Musikgeschichte. ‘This Is Michael’, ‘And Then She Kissed Her’, ‘Kill Your Ideals’, ‘I Dedicate My Soul To You’ und ‘Container Love’. Phillip Boa will unterhalten; das hat Größe und wirkt keineswegs anbiedernd. Auch zu zwei Velvet Underground-Coverversionen lässt man sich hinreißen. Pia Lund singt deren ‘Femme Fatal’ ganz zauberhaft und erinnert unabsichtlich daran, dass Velvet Underground-Sängerin Nico von ihrer Band genauso wenig gelitten war wie Sie von ihrer Ex-Liebe Boa. Allein die Kunst fordert ihr Recht.

Während der zweiten Zugaben tippe ich einen Satz in mein Mobiltelefon: “Phillip Boa & the Voodooclub haben heute Charakter bewiesen, Menschen mit aufrichtigen Mitteln emotionalisiert und vor allem: ihre Relevanz manifestiert.”

Ich hatte Phillip Boa aus den Entwürfen meiner Autobiografie gestrichen. Ich nehme das hiermit zurück. Ich streiche stattdessen ‘The Sisters of Mercy’.

Text: Yessica Yeti