Nach der Veröffentlichung von Mark Ronsons erstem Album ‚Here Comes The Fuzz’ hätte niemand gedacht, dass er dem HipHop den Rücken kehren würde. Der Topproduzent (u.a. Lily Allen, Robbie Williams, Christina Aguilera, Amy Winehouse) und DJ bringt dieser Tage sein zweites Album ‚Version’ auf dem Markt, das – aufgepasst – nur Coverversionen drauf hat.

Aber was für welche. Da interpretiert Lily Allen den Kaiser Chiefs-Smasher ‚Oh My God’ neu. Da verleiht Amy Winehouse dem Zutons-Hit ‚Valerie’ ein neues Gesicht und Robbie Williams singt endlich wieder Hits. Diesmal den alten Charlatans Hit ‚The Only One I Know’. ‚Version’ ist ein Fest für alle Indie-Liebhaber. Der neue smoothe Funkstil sitzt bei den überarbietten Songs wie angegossen und die wohl feinste Coverversion auf diesem Album ist das Remake des alten The Smiths-Hit ‚Stop Me If You Think You’ve Heard This One Before’.

In England schoss das Album bereits von der Null auf die Zwei in den Albencharts. In Deutschland steht dem Album ähnliches bevor. Der in London geborene nunmehr in New York ansässige Produzent überwindet musikalisch die Chinesische Mauer und ist ein wirklicher Musik-Nerd, wie sich im folgenden Interview herausstellt. Der in einem wohl situierten Umfeld aufgewachsene Mark Ronson – sein Stiefvater ist Gitarrist Mike Jones von Foreigner – lümmelt flegelhaft im gut klimatisierten Zigarrenraum des Hotels herum, während er freimütig ohne Punkt und Komma über Emotionsausbrüche im Motown-Museum erzählt.

Dein Album ist in England von Null auf die Eins geschossen. Ist das nicht komisch für dich? Hättest du mit solch einem Erfolg gerechnet?

Mark: Es ist alles sehr komisch. Als ich angefangen habe an der Platte zu arbeiten, hatte ich nicht einmal einen Plattenvertrag. Ich habe einfach nur mit Songs gearbeitet die ich mag. Ich habe Songs aufgenommen, wo ich mir sicher war, dass das Publikum, für das ich normalerweise auflege, sie mögen würden. Ich war zu diesem Zeitpunkt so gelangweilt von der Musik die veröffentlicht wurde. Viele Leute machen Remixe von alten Songs, packen sie mit anderen Songs zusammen. Ich bin aber so ein Nerd, dass das mir keinen Spaß gemacht hätte. Ich habe die Songs bis auf die Struktur runter gerissen, sie neu aufgenommen, Bläser addiert. Als ich das Radiohead-Cover gemacht habe, wurde ich sehr inspiriert. Damals war ich nicht sehr begeistert von den Sachen, die ich gemacht habe. Das Radiohead-Cover war aber total heiß. Ich habe angefangen es immer wieder in den Clubs aufzulegen und habe mitbekommen, wie die HipHop Leute die Indie Leute wie auch die Funk-Leute es genießen. In England wurde es von den unterschiedlichsten Radio-DJs in ihren Shows gespielt.

Sogar Rockstationen spielen dein doch eher RnB/Funklastiges The Smith Cover.

Mark: In seiner Essenz sind die Lieder ja auch keine Rocksongs. Die Songs haben alle einen Funk-Stil. Wenn ich die Lieder alle auf einen Nenner bringen müsste, dann wäre der Funk das Bindeglied. Die Leute von einem Rocksender könnten auch sagen, dass das ihnen viel zu weich ist.

Die Leute scheinen derzeit aber auch offener für die Vermischung verschiedene Stile zu sein. Indiebands interessieren sich auf einmal für Dance-Musik, HipHop-Künstler wie du interpretieren auf einmal Indie-Stücke neu.
Mark: Franz Ferdinand haben gerade ein Cover eines LCD Soundsystem Songs gemacht. Und diese beiden Bands sind klanglich weit voneinander entfernt. Ich habe zum Beispiel ein Cover für die Klaxons gemacht. Ich habe die Jungs dann vor kurzem beim Coachella Festival getroffen und mich nicht vorgestellt, falls sie mein Cover nicht mögen. Als wir dann doch vorgestellt wurden sagte mir einer, dass er das Cover mag. Ein anderer mochte es nicht. Es ist immer interessant, deinen Song in einem neuen Gewand zu sehen. Dance-Musik ist per Definition Musik, zu der du tanzen kannst. Eine zeitlang haben die Leute gedacht, dass zur Dance-Musik diese Über-DJs gehören. Jetzt gibt es Leute wie Justice, LCD und mich, die Grenzen übertreten. Ich kann vor einem HipHop Publikum spielen und am Abend darauf ein ganz ähnliches Set für ein Indie-Publikum spielen. Deshalb habe ich angefangen als DJ zu arbeiten. Als ich anfing, habe ich Sachen wie Grandmaster Flash aufgelegt. Zu diesem Zeitpunkt hat man alles aufgelegt, was einen guten Beat hatte. Dann wurden die Leute engstirniger und es wurde dir genau vorgegeben, wie sich HipHop-Musik oder auch Rock-Musik anzuhören hat. Zwischendurch hatte man dann langweilige DMX/Limp Bizkit Zusammenarbeiten, um die Stile zu vereinen. Heute unterwirft man sich nicht mehr diesen Reglements. Es ist eine sehr gute Zeit, um ein Album wie ‚Version’ zu veröffentlichen. Die Leute sind bereit für neue Sachen.“

Mark Ronson – Oh My God


Wenn man sich dein Album anhört, dann fühlt man sich sehr an Motown-Produktionen erinnert.

Mark: Ich liebe Motown, da ich den Sound der Funk Brothers liebe. Als ich in Detroit war, habe ich das alte Haus besucht, wo das Studio und das Büro drin war. Ich war eine Nacht in Detroit um aufzulegen und bin vom Flughafen aus sofort zu diesem Haus gefahren. Ich kam zehn Minuten vor der Schließung des Museums an und sie wollten mich eigentlich nicht mehr reinlassen. Nach Betteln durfte ich doch noch rein und bei der letzten Führung teilnehmen. Überall hängen Fotos von den Künstlern im Haus. Als ich im Studio ankam, fing ich sofort an zu weinen. Es war mir egal, dass all die japanischen Touristen um mich rum standen. Viele Leute mögen Motown nicht, weil sie der Meinung sind, dass Berry Gordon Soulmusik für die Weißen umarrangiert hat. Aber wie kann man so was sagen? Die Songs sind so umwerfend. Marvin Gaye und Smokey Robinson sind so talentierte Musiker. Ich finde immer wieder die Basslinien in all den Motown-Stücken faszinierend. Motown hat nachhaltig die Musikszene geprägt. Ich schäme mich auch nicht dafür zu sagen, dass ich Pop-Musik liebe. All die Lieder auf meiner Platte sind Indie-Songs mit einem großen Pop-Potential. Mein Lieblingscover stammt von Stevie Wonder. Sein Beatles-Cover von ‚We Can Work It Out’ ist eines der besten Coverstücke, das ich jemals gehört habe. Genau das mache ich jetzt auch auf meiner Platte. Ich nehme britische Pop-Songs und verwandele sie in ein RnB-Stück.“

Als Du angefangen hast das Album zu produzieren, hattest du überhaupt gar keinen Plattenvertrag. Sprich hast du anfangs versucht, alles alleine zu stemmen?
Mark: Anfangs habe ich fast alle Instrumente alleine gespielt, da es am Anfang nur eine Spielerei für mich war. Ich habe mit den Basslinien angefangen. Für viele ist der Bass nur eine Simplifizierung der Gitarre. Für mich nicht. Ich habe versucht ähnliche Basslinie wie all die großen Motown-Musiker und Komponisten zu schreiben. Als ich damit fertig war, kamen die Bläser hinzu. Ich hatte kein Budget und darum fragte ich Freunde, ob sie die Vocals singen könnten. Da ich gerade an Lilys Album gearbeitet habe, hat sie neben Daniel Merriweather die ersten Tracks für mich eingesungen. Dann kam meine Plattenfirma Columbia an Bord und ich konnte noch Streicher hinzufügen. Stücke die ich erst später aufgenommen habe wurden dadurch durchdachter aufgenommen. Im Großen und Ganzen war es aber nur ich und ein paar Freunde, die Songs neu aufgenommen haben die ich sehr gerne mag. Anfangshabe ich die ganze Musik arrangiert und erst danach habe ich mir überlegt, wer die Stücke singen könnte.

Hattest du anfangs eine Wunschliste an Künstlern, die die Tracks neu einsingen sollten?

Mark: Alle Künstler die ich gefragt habe ein bestimmtes Stück zu singen, haben eingewilligt. Paul Smith von Maxïmo Park bildet die Ausnahme, da er sein eigenes Stück noch einmal neu eingesungen hat.

Letztes Wochenende habt ihr eure ersten Live-Auftritte absolviert. Musstet ihr dafür viel proben?

Mark: Wir haben bis zu zehn Stunden pro Tag geprobt. Der Rest der Band ist super und hätte die Stücke auch in fünf Tagen drauf gehabt. Ich brauchte noch einmal fünf Tage drauf, damit das Set wirklich stimmig und perfekt ist. Ich spiele nicht jeden Tag Gitarre und Piano. Alex Greenwald ist mit dabei, Daniel Merriweather und Kenna stand bei einigen Shows auch mit auf der Bühne.

War es dir von Anfang an klar, dass du dieses Album einmal live performen möchtest?

Mark: Auf meinem ersten Album waren so viele große Gaststars vertreten. Ich hatte damals auch eine große Plattenfirma im Rücken und konnte mir alle möglichen Leute wünschen. Das war alles kein Problem. Bei diesem Album saß das Geld nicht so locker. Ich musste alles alleine bestreiten. Als ich das erste Album betourt habe, waren nur ich und ein MC unterwegs. Wir haben in Europa im Vorprogramm von Justin Timberlake vor bis zu 15.000 Mann gespielt. Die Leute hatten Spaß, aber ich bin nicht der Typ, der hinter dem DJ-Pult steht und ein bisschen scratcht. Auch wenn die Leute Spaß hatten, dann haben sie sich das Album im Nachhinein nicht geholt. Mir wurde dort klar, dass wenn ich jemals ein zweites Album aufnehme würde, dieses live besser umsetzbar sein muss. Es müssen Lieder sein, die man mit einer Band performen kann. Ich brauche nicht all diese Special Guest Stars, die auf Tour eh nicht dabei sein können. Ich hole mir einfach meine Freunde ins Studio, die mich dann auch anschließend live auf der Bühne unterstützen können. Lily ist mittlerweile durch die Decke gegangen. Bei Amy ist es genau das gleiche. Mittlerweile sind sie demnach auch wieder Special Stars auf meiner Platte, aber am Anfang waren sie einfach nur Freunde, die auch Musik machen.

Nebenbei bemerkt – Amys Lied passt so gut zu ihr.

Mark: Ich habe Amys komplettes Album mit einer New Yorker Band aufgenommen. Amy hatte diese Band nie getroffen, da die Musik in New York aufgenommen wurde, während Amy wieder in England war. Als sie abermals nach New York kam bat ich sie ein Stück mit mir für mein Album aufzunehmen. Als wir ‚Valerie’ aufgenommen haben, hat Amy das erste Mal die Band ihres Albums kennen gelernt. Zu diesem Zeitpunkt stand ihr Album an der Spitze der englischen Charts. Amys Song war wie ein Weihnachtsgeschenk. Wir haben zwei Takes gebraucht, um den Song in den Kasten zu kriegen. Nachdem ich schon über ein Jahr an dem Album gearbeitet habe, war das ein sehr großes Geschenk für mich. Amy war auch die einzige, die sich ein Lied aussuchen durfte.

Das Cover von Britney Spears hat übrigens noch mehr Sexappeal als das Original. Dein Remake ist wie ein Table Dance.
Mark: (lacht) Nein, Britneyss Version ist wie Table Dancing und meine Version ist wie ein richtig perverser, ekliger Strip.

Text u. Interview: Tanja Hellmig