„Wir sind wie Boxer. Wir betreten den Ring, hauen den Zuhörer einmal kräftig in den Magen, lassen in aufstehen, hauen dann noch einmal zu und klettern gemütlich aus dem Ring. Der schnelle Angriff ist unsere Spezialität.“ Inwieweit der neue Vierer aus Leicester diesem Bild gerecht wird, bleibt zu klären. Klar ist jetzt aber schon, dass Kasabian einen mit ihrer Großmäuligkeit gewaltig beeindrucken können. Aussprüche wie “We’re a Wake-Up Call to British Music” wirken gewaltig und schlagen binnen Sekunden die Brücke zu den Oasis-Brüdern. Wunderbar. Wenn das kein Lächeln wert ist.

Aber nicht nur durch ihr ausgeprägtes Selbstbewusstsein imponieren Tom Meighan, Sergio Dizzorno, Christopher Karloff und Chris Edwards. Vielmehr bietet ihre Musik die Legitimation für den Titel ‘Großmaul des Monats’. Von Null auf Hundert lautet die Devise. Die Band verschwendet keine Zeit, sondern ballert dem Hörer auf dem selbstbetitelten Debüt-Album ein Gewirr aus manischen Elektro-Beats und klassischen Rockelementen um die Ohren. Zurück bleibt der verdutzt dreinschauende Hörer, der sich langsam wieder vom Boden aufrappelt und die Fetzen seiner Selbst aufsammelt.

Referenzpunkte sind die Stone Roses, die Happy Mondays und Primal Scream. Die britische Presse jubelt und Kasabian zeigt ihnen den Mittelfinger. Denn das Erbe dieser Bands wollen sie nicht antreten: „Zum einen können wir das nicht leisten und zum anderen ist es eine vorgefertigte Meinung. Nichts, was irgendwie unserer Wirklichkeit als Band aus einem kleinen Ort in England nahe käme.“

Ausgangspunkt des Quartetts ist Leicester. Leicester liegt irgendwo in der Mitte Englands und ist heutzutage mit bekannt dafür, dass hier die ersten Hardcore-Raves stattgefunden haben. Diese elektronische Ausrichtung aus House und HipHop fand nie ihren Weg in die breite Masse. Aber in Kasabians Musik. Gestartet als klassische Rockband ist Tom Meighan, Sergio Dizzorno, Christopher Karloff und Chris Edwards schnell klar gewesen, dass mehr Spielerei Einzug in ihre Musik erhalten muss. Und so kommt das eine zum anderen. Heute erinnert ihr Sound an Manchester. Endachtziger-Einflüsse ziehen sich durch das selbstbetitelte Album Kasabians. Kasabian bedienen die verschiedensten Eckpunkte und vereinen vom treibenden ‘Club Foot’ bis hin zum vor sich hin wabernden ‘L.S.F (Lost Souls Forever)’ die verschiedensten Ausrichtungen. Sogar ein psychedelisch anmutenden Stück wie ‘Test Transmission’ findet da noch seinen Platz auf dem Album. Welches aber nie ins Uferlose abdriftet, denn darauf stehen die Jungs überhaupt nicht: „Zum Anfang hatten wir zwölf Minuten lange Tracks. Diese haben wir uns dann noch einmal vorgenommen und die besten Teile rausgefiltert. Darum ist keines unserer Stücke länger als fünf Minuten. Wir brauchen keinen unnötigen Firlefanz, wir kommen lieber schnell auf den Punkt.“

Auf den Punkt kommen ist ein gutes Stichwort und zweiseitig auslegbar. Zum einen machen Kasabian kein Hehl daraus, das sie die derzeitige britische Musikszene zum Gähnen langweilig finden und zum anderen schlagen sie wie bereits erwähnt gefährlich und wahllos mit ihren musikalischen Attacken durch die Gegend. Als eine Art Bewegung sehen sie sich selbst. The Kasabian Movement. Und darum lautet die wenig schüchtern wirkende Devise auch ‘Start Recute Now. Your Kasabian needs you’. Und während all dies voll im Gange ist, schaut dich eine vermummte Person herausfordernd von der Frontseite der Platte aus an. Das bringt die Presse zum Jauchzen und Bands wie Keane zum Heulen. Die Kommentare erstrecken sich von „Like a bunch of football hooligans fighting. Brilliant” (The Face) bis hin zu “Stunning, I wish I was eighteen again. Heaven.“ (The Times). Da dampft die Hypermaschinerie aber mal wieder kräftig, mag der ein oder andere sich dabei denken. Aber ohne Übertreibung kann man sich diesmal getrost diesen Meinungen anschließen. Hier passiert was und Kasabian werden diesen Lobesausschüttungen gerecht. In ihrer Musik liegt Kraft, Aggressivität und die Laid Back Attitüde des Sängers Tom Meighan setzt dem ganzen die Krone auf. Ein junger Bobby Gillespie (Primal Scream) scheint in ihm zu verweilen. So manch eine Textzeile presst er förmlich zwischen seinen Zähnen hervor und bildlich kann man sich vorstellen, wie er mit leicht geschlossenen Lidern die Augen darunter rollt.

Toll ist das. Und auch wenn Kasabian mit ihrer Musik jetzt nicht das Rad neu erfunden haben, so überzeugen sie doch durch ihren Enthusiasmus. Schon lange gab es keine Band mehr, die gleichzeitig so gewaltig auf den Sack gehauen hat und dabei auch noch wirklich was getaugt hat. Der Erfolg gibt ihnen Recht. Das auf einer Farm aufgenommene Debüt schoss im UK sofort auch Platz vier, Kasabian haben in diesem Jahr vor 20.000 Leuten das legendäre Glastonbury Festival eröffnet und hatten in Japan einen Nummer-Eins-Hit mit ‘Club Foot’. Da stößt es keinem bitter auf, dass die Jungs des Öfteren den Mund zu voll nehmen – bei solch einem mit guten Ideen gespickten Album.

Text: Tanja Hellmig