Vincenz Kokot ist ein Träumer. Ein stiller Phantast. Sein neustes Hirngespinst: Die Schwester namens Grenadine, die Botschaften auf Zettel kritzelt und in Streichholzschachteln versteckt. Die in Bäumen sitzt und mit den Füßen baumelt. Die ihn immer daran erinnert, nicht zuviel Kaffee zu trinken. Die niemals da ist und doch immer. In jedem Akkord, den der Berliner Musiker auf seiner Klampfe anschlägt. In jeder fehlenden Hookline der kleinen Akustik-Wunderwerke. In jedem Ton der glasklaren Tagtraum-Stimme ihres großen Bruders.

Vincenz Kokot hat schon früh entschieden, Musiker auf Lebenszeit zu werden. Demnach frickelt er in mehreren Projekten gleichzeitig. Ist der Mann an den dünnen Saiten der Berliner Free-Pop-Postrock-Band Polaroid Liquide. Dass es noch leiser geht, beweist er bereits als eine Hälfte des Gitarren-Akustik-Duos Kashu. Doch erst als Bruder des imaginierten Mädchens mit dem Granatapfelsaft-Namen kommt er der Stille auf wunderbare Weise so nah wie nie zuvor. „Weit weg von gängiger Lagerfeuerklampferei orientiert er sich an Großen wie Nick Drake und Jose Gonzales“, lobpudelt Intro das, was der beinah stumme Instrumentalist seit dem Sommer 2007 ins Mikro säuselt. Im Gepäck: Ukelele, Gitarre und Porzellanstimme. Kein Dümpel-Bass, keine Bongos. Einzig das flaue Gefühl in der Magengegend füllt die solo vorgetragenen Saitenkunstwerke des Hauptstädters.

„So fordert ‚Shine In The Dark’ dazu heraus, mal endlich wieder zuzuhören. Und wenn man das tut, entdeckt man handwerklich geradezu beängstigend gut gemachte Gitarrenmusik“, übt sich die TAZ in Superlativen zum Erstling, der im Juli 2008 als eines der Produkte der aufkeimenden Berliner Folk-Bewegung die Plattenläden ziert. Daneben, die Scheibe der deutsch-amerikanischen Familienbande Crazy For Jane, deren Bandname ebenfalls einer Protagonistin gewidmet ist, die sich in nicht wenigen Songs des Geschwisterpaares als Phantasterei zu erkennen gibt. Im schizophrenen Kollektiv leiht man der filmischen Liebeserklärung an die Hauptstadt und ihre Musikerszene „Berlin Song“ seine Stimme. Anschließend tourt der Mann für die Moll-Akkorde mit seinen Oden an die leisen Töne unter dem Arm durch Polen, Frankreich und die Schweiz. „Live waren die ersten Konzerte schon komisch, plötzlich ganz allein dort oben zu stehen“, gesteht Kokot gewohnt kleinlaut und schlägt dennoch einsam seine Schlachten. Allein die Klampfe gibt ihm Deckung. Und Grenadine. Die auf seinen Schultern sitzt.

Jennifer Beck