Als Deutscher im Ausland hat man es dank dem Mist, den unsere Großväter vor inzwischen auch mehr als 60 Jahren anrichteten, nicht leicht. In Ägypten wurde ich mit “Heil Hitler” begrüßt, in Indien hieß es “Oh, you a German? Hitla, hihi!”, und nachdem ich letzen Monat im mittelamerikanischen Urwald Rammstein-Texte mitsamt ihrer geschichtlich aufgeladenen Mehrdeutigkeit ins Spanische übersetzen musste, sehe ich mich plötzlich 4.000 Kilometer weiter nördlich damit konfrontiert, einem Elfjährigen zu erklären, dass die SS nur selten Ballett getanzt hat. Und wer ist schuld an so einem Quark? Mal wieder das Fernsehen.

“You can’t depend on no miracle

You can’t depend on the air

You can’t depend on a wise man

You can’t find ’em because they’re not there”
– Lou Reed – 1989 –

“I want to be a part of it, New York, New York”
– Fred Ebb – 1977 –

Das einzig vernünftige Fortbewegungsmittel in den Vereinigten Staaten ist das Auto. Punkt. Da hilft weder Umweltbewusstsein, noch der Hass auf Bequemlichkeit, noch der Versuch, das Geld beisammen zu halten. Ohne geht es einfach nicht. Dass es die paar gesparten Dollar nicht wert ist, wird mir einmal mehr schmerzhaft bewusst, als ich nach sechs Stunden Fahrt im New Yorker Port Authority Terminal aus dem Bus falle. Sechs Stunden, die ich eingequetscht zwischen einem schmierigen Fenster und einer grantigen Frau verbrachte, die die besten Chancen hätte, eine Millionen-Klage gegen die Whopper-Industrie zu gewinnen. Dazu Kopfschmerzen vor dem Herrn. New York, da bin ich.

Lou Reeds Misanthropenhymne “Busload Of Faith” sei der beste Song über die Stadt, erzählte mir einmal der Mensch, bei dem ich hier ein paar Tage auf dem Sofa schlafen kann. “Busload Of Faith, ja? Busload of dicke, doofe Menschen”, würde ich sagen, passt besser. Ihm das zu erzählen, dazu komme ich aber erst einmal nicht. Er geht nämlich nicht an sein Handy.

Reifen quietschen, Menschen drängeln. Nur raus hier. Ich brauche Platz, irgendwas gegen diese unglaublichen Kopfschmerzen und Ruhe. Doch dafür bin ich wohl in der falschen Stadt. Gut, nicht für Aspirin. Die finde ich im Drugstore – den Fünfhunderterpack zu fünf Dollar. Aber Ruhe und Platz? Vergiss es. Das Terminal ist ähnlich verstopft wie der Greyhound, der mich herbrachte, überall sind Menschen und alles macht Krach und blinkt. “I want to wake up in the city, that never sleeps”, sang Frank Sinatra. Oh, welch wahre Worte. Fürs erste wäre ich aber froh, wenn ich in der Stadt zunächst mal einschlafen könnte.

Da sich auch unter der zweiten Telefonnummer niemand meldet, mache ich mich auf gut Glück auf zur Adresse, wo meine Couch stehen soll. Endlose, weißgekachelte unterirdische Tunnels führen zum Bahnsteig. Geht das nicht schneller? Die Linie C rauf nach Harlem hat es nicht eilig. An jeder Station wird Pause gemacht. Trotzdem ist die Fahrt unterhaltsam, erfüllt sie doch alle Klischees, die über die Stadt der Städte kursieren. Der zahnlose Jesusspinner im Missionierungswahn, der geschniegelte Yuppie, die Gangster in ihren Baseballkleidchen, die Models in Prada und Gummistiefeln, alle sind sie da.

 Harlem selbst wirkt dagegen ruhig. Daran, dass diese Straßen nach dem zweiten Weltkrieg selbst mal so was wie ein Kriegsschauplatz (Stichwort: Rassenunruhen) waren, erinnert heute wenig. Rote Backsteinhäuser, wohlgenährte puertoricanische Familien, die auf dem Bürgersteig grillen, an jeder Ecke steht ein vergilbter Drugstore, breite Straßen, ein paar junge Familien. Nett, aber es steht außer Frage: das hippe Williamsburg drüben in Brooklyn ist weit weg. Wenn nur die Kopfschmerzen aufhören würden. Die amerikanischen Tabletten müssen geringer dosiert sein als die Originale.

Schnitzälsauerkrrraut
Eine Hand an der Schläfe, den Stadtplan in der anderen, finde ich nach ein paar Blocks mein Ziel. Ein kleines Reihenhaus, eingequetscht zwischen einer Kirche und noch mehr Reihenhäusern. Ich habe Glück. Es ist jemand zu Hause. Nach nur einem Klingeln wird mir geöffnet und die Frau meines Gastgebers bittet mich herein. Ihr Mann sei noch nicht zurück, erzählt mir die Dame des Hauses, ich könne aber gerne mit fernsehen und mich erst mal ausruhen. Der Sohnemann ist da, zwei Nachbarinnen, zwei Hunde und im Fernsehen schreit gerade jemand. Irgendwas verwirrt mich. Ach, ja, durch das Pulsieren hinter meine Stirn erkenne ich, dass das Gebrüll Deutsch ist. Und wie soll es anders sein? Wenn in amerikanischen Filmen jemand Deutsch redet, ist eine Hakenkreuz-Armbinde nicht weit. “Ach, das ist ja lustig. Du bist ja Deutscher”, fällt meinen Gastgebern gerade auf.

Was ein Empfang. Vielen Dank. Diesmal handelt es sich um die Komödienfassung der allgemeinen Kolportage, der gemeine Deutsche schreie generell nur herum, sei latent gewalttätig und schaffe es nur, sein faschistisches Gedankengut in den Griff zu bekommen, in dem er sich Ordnungsliebe und Disziplinwahn ergibt. Ich bin in “The Producers” gelandet, Mel Brooks Remake seines gleichnamigen Broadway-Stückes aus dem Jahre 2001, welches wiederum auf seinem gleichnamigen Film von 1968 beruht.
Der Plot: New York, Fünfzigerjahre. Zwei Produzenten haben vor, einen Musical-Flop zu produzieren. Gelingt ihnen das, können sie dank obskurer Vertragsklauseln all das zur Produktion geliehene Geld behalten und sich damit verlustieren. Den Reinfall garantieren soll das Werk “Springtime for Hitler”. Eine Ode an den “Führer” aus der Feder eines untergetauchten Nazis. Nur entwickelt sich das Stück dummerweise zu einem Renner, und alles geht drunter und drüber. Das Ganze ein überdrehtes Singspiel in bonbonrosa. “Heil Hitler” hier, “Schnitzälsauerkrrrautzackzack” da. Aus dem 68er Original haben U2 übrigens ihren Albumtitel “Achtung, Baby”. Ob ich darüber lachen kann, will man wissen.

Ich glaube es nicht! Vor ein paar Wochen versuchte ich im mittelamerikanischen Dschungel einem Honduraner das subtile Spiel mit faschistoider Symbolik in Rammsteins martialischem Gehabe darzulegen. Jetzt sitze ich in New York und während in Deutschland Günter Grass gerade wieder eingefallen ist, dass er in jungen Jahren mal bei der Waffen-SS war, sehe ich mich gezwungen, einem Elfjährigen zu erklären, dass man selbige Truppe vor rund 60 Jahren nur selten auf Showtanzbühnen erlebt hat. Ich will gerade zu einem längeren Diskurs über Verharmlosung durch Persiflierung ansetzen und freue mich schon, endlich einmal den großen Bogen von der Kriegsgefangenenkomödie “Hogan’s Heros” hin zur DDR-Verdrängungsgala “Sonnenallee” zu schlagen, als mein Kopf einfach aufgibt. Übermüdung, kaputt, geht nicht mehr. Seit November 2005 bin ich unterwegs. Drei Kontinente, 15 Länder, 29.000 Flugmeilen, cirka 250 schäbige Hotelzimmer. Ich kann nicht mehr. Ich habe Kopfschmerzen. Ich will nicht mehr. Noch zwei Tage, dann geht mein Flieger zurück nach Berlin, nach Hause. Ein brüchiges “Start spreading the news, I’m leaving the day after tomorrow”, auf den Lippen, falle ich ins Koma.