Als Suede vor elf Jahren mit ‘Dog Man Star’ eine der besten Gitarren-Pop-Platten der Neunziger veröffentlichten, war dieses Ereignis nicht frei jeglicher tragischen Dramatik. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge beobachtete man damals den künstlerischen Höhepunkt der Band zeitgleich mit dem Zerwürfnis ihrer beiden treibenden Initiatoren. Wer hätte also, nach all dieser Zeit, gedacht, jemals wieder den Songwriting-Credit Anderson/Butler auf einem neuen Album zu lesen? Dass darauf dann nicht Suede steht, ist geschenkt. Neue Band, neue Platte, neues Glück. ‘Here Come The Tears’, und mit ihnen ein paar alte Bekannte.

Dass Brett Andersons Stimme und Bernard Butlers Gitarrenspiel nur in ihrer Komplementarität zu wahrer Größe wachsen, wird einem hier noch einmal nachhaltig vor Augen geführt. Weder Butlers Solo-Eskapaden, noch Suedes in zunehmenden Maße dem Mediokren verfallenden Selbstaufgüsse, konnten dem schweren Erbe des originären Gespanns werden. Nahezu nahtlos knüpfen die beiden nun an die gute alte Zeit an und besinnen sich abermals ihrer Qualitäten. Pop-Pathos mit großer Geste, mal überschwenglich, mal meisterlich melancholisch, aber immer überwältigend und überlebensgroß zelebrieren The Tears das Gefühlspanorama mit gegebener Grandezza. Natürlich drängt sich bei soviel Breitwand-Dramaturgie die Frage auf, in welcher cineastischen Gattung der Sound der Tears seine adäquate Entsprechung finden würde. Eine Frage, die auch den ansonsten distinguiert eloquenten Herrn Anderson erst ein mal ins Grübeln bringt. “Ich hätte gerne, dass das Album ein Dogma-Film ist, aber das ist es natürlich nicht. Dafür ist es nicht minimalistisch genug. Aber es wäre eigentlich das Coolste, was man machen könnte, ein musikalisches Äquivalent zu einem Dogma-Film“, so Anderson, der dann doch noch mit einem passendem Vergleich aufwartet. “Kennst du den britischen Regisseur Mike Leigh? Seine Filme handeln meist von der britischen Arbeiterklasse. Ähnlich wie Ken Loach, sehr realistisch. Und es gibt diesen unglaublich trockenen Sinn für Humor; Sachen, die eigentlich gar nicht witzig sind. Nicht dieses Schenkelklopfer Ted Danson-/Whoopy Goldberg-Terrain. Ich denke meine Musik ist wie ein Mike Leigh-Film.”

Waren britische Besonnenheit, gepaart mit sozialkommentatorischen Tendenzen zum Leben im Empire, schon früher in Andersons Lyrik auszumachen, so verfolgt er diesen Ansatz nunmehr noch konsequenter. “‘Refugees’ zum Beispiel hat einen politischen Subtext. Es ist ein in erster Linie ein Liebeslied, aber zugleich verfolgt es auch den Ansatz, den zahllosen Immigranten in unserem Land ein menschliches Gesicht zu geben. ‘Brave New Century’ hingegen ist ein Kommentar zum Leben im 21. Jahrhundert. Aber es gibt natürlich auch Dinge wie ‘Ghost Of You’ und ‘Love As Strong As Death’, die ziemlich düster und persönlich sind.” Privatsphäre ist dann für eine Persönlichkeit wie Brettt Anderson durchaus ein zentrales Thema, welches nicht zuletzt im gespannten Verhältnis zur britischen Musikpresse seinen Ursprung hat. Denn diese scheint, nach Brettts Empfinden, nach wie vor von der Idee besessen zu sein, “dass Bernhardt und ich uns hassen”. Stimmt aber nicht, und somit genug der hyänenhaften Sensationsgier nach emotionalen Knackpunkten.

Überhaupt sieht Anderson den Fokus des öffentlichen Interesses in vielerlei Hinsicht völlig fehlgelagert. Ein Beispiel: der erste gemeinsame Live-Auftritt der Tears. “Es gab diese Erwartungen von den Leuten, nach dem Motto: ‘Oh da sind sie wieder.’ Das war unvermeidlich. Aber das hielt nicht so lange an, danach ging es dann eher in die Richtung ‘Wie wird das wohl mit den beiden weitergehen?’, wenn du verstehst was ich meine. Der Grund, uns wieder zusammen zu tun, war für uns nicht der, wieder gemeinsam auf einer Bühne zu stehen, sondern neue Musik zu schreiben. Und das versuchen wir. Uns geht es nicht darum, live zu spielen, und erst recht nicht einen Haufen alter Songs. Solange wir den Eindruck haben, dass wir eine kreative Zukunft haben, werden wir weitermachen. Wenn es das nicht mehr hat, hören wir eben auf.”

Die Abgeklärtheit, mit der Anderson dies formuliert, macht klar, dass der Mann nach all diesen Jahren im Showgeschäft eigentlich nur noch an einem interessiert ist, nämlich seiner kreativen Arbeit und Anerkennung als Künstler. Denn genau diese L’art pour l’art-Attitüde ist es, die sich – verpackt in zugänglichen Songs – gängigen Pop-Klischeebildern schon immer versperrte. “Schreiben hat immer mit Visionen und Vorstellungskraft zu tun. Es geht ja nicht nur darum, immer über dich selbst zu schreiben, sondern auch darüber, was du für die persönlichen Erfahrungen anderer hältst. Das hat die Leute bei meine Texten immer verwirrt, und ich empfinde das als sehr anstrengend. Ich stelle mir oft vor, im Körper oder Kopf eines anderen zu sein. Rock-Musik ist in kreativer Hinsicht voller konservativer Einschränkungen. Die Leute erwarten immer, dass man nur aus einem Blickwinkel schreibt. Das hat mir anfangs viel Ärger eingehandelt. Mir wurde unterstellt, dass ich homosexuelle Bildsprache ausbeute und ausnutze. Als wäre ich so was wie ein Sextourist.”

Wenn Herr Anderson also lyrisch das Medium ist, dem er eine Stimme verleiht, dann ist Butlers Musik dazu die kongeniale Projektionsfläche. Und wir somit das mehr als dankbare Auditorium.

Text: Frank Thießies