Das Bild stimmt. Ein schmerzverzerrtes Gesicht schaut dich an. Der junge Mann singt “You’re Beautiful”. Und während er sich langsam entkleidet, entwickeln Musik wie auch Video eine Intensität, die Vergleiche zu Coldplay wach werden lassen. Einst wanderte Chris Martin an der englischen Küste entlang und sang “Look At The Stars. Look How They Shine For You. And Everything You Do.” Heute schlüpft James Blunt in die Rolle des einsamen Mannes und lässt die Herzen der englischen Nation höher schlagen. Und liefert obendrein eines der besten Debütalben der letzten Jahre ab.

Stolz kann er auf sich sein. Der junge Brite. Mit seinem Debüt “Back To Bedlam” und der Single “You’re Beautiful” hat er Coldplay und Oasis von der Nummer Eins der englischen Charts gestoßen und hält diese Position seit über vier Wochen inne. Und sogar als Klingelton verkauft sich seine Single vorzüglich. Schützenhilfe erhielt James Blunt von keiner Geringeren als Linda Perry. Genau, die Frau mit dem viel zu großen Hut von den 4 Non Blondes. Jene, die schon Pink zum finalen Erfolg verholfen hat. Nun stand sie dem jungen Engländer während der Produktion seines Albums zur Seite und was dabei herausgekommen ist, bedarf eigentlich einer großen Lobeshymne.

Die Welt wird er nicht verändern mit seinen Liedern. Aber er schenkt uns allen ein paar Minuten einprägsamer Emotionalität. “Back To Bedlam” beherbergt prägnante Melodien. Gepaart mit dieser sanften, zum Teil ins Falsett abkippenden Stimme, die dir Geschichten über nicht genutzte Chancen, Herzschmerz und Abschied vorträgt, entsteht etwas Wunderschönes. Blunt ist so überraschend wie ein kleines Gewitter am sonst so sonnigen Nachmittag. Frei von Plattitüden bewegt sich “Back To Bedlam” am Rande der Melancholie und lässt Vergleiche zu großen Songwritern aufkommen. Manche gehen so weit und ziehen den verstorbenen Schöngeist Elliot Smith als Vergleich heran. Warum nicht? James Blunt füllt die Lücke zwischen Mainstream-Pop und introspektiver Singer-Songwriter-Musik. Und gilt längst nicht mehr als Geheimtipp. Diesen Status hat er seit langem hinter sich gelassen. Nun ist es an der Zeit, auch außerhalb Englands unter Beweis zu stellen, welche Kraft und Schönheit seine Songs innehaben.

Der Werdegang von James Blunt ist unerwartet. Eigentlich würde man bei solch einem Debüt davon ausgehen, dass der Künstler von jeher nichts anderes außer Musik gemacht hat. Und in einem sehr musikalischen Umfeld aufgewachsen ist. Aber eher anders herum wird ein Schuh daraus. Sein Vater besaß ganze drei CDs – “American Pie” von Don McLean und zwei Beach Boys-Platten. Im Fokus der Familie Blunt stand die Army. Wie sein Vater machte James Blunt mit 16 Jahren seinen Flugschein, hatte ein kurzes Gastspiel an der Bristol University und ging dann zur Armee. Aber schon im Alter von 14 Jahren fing er mit dem Gitarrespielen an. Selbst als er in den Krieg nach Kosovo zog, nahm er diese mit, und ein Song auf dem Album zollt dieser Zeit auch Tribut. “No Bravery” heißt dieses Lied. Die Zeit in der Army hat sonst aber keine weiteren Auswirkungen auf seine musikalische Arbeit. 2002 verließ er diese und kurz darauf lernte er besagte Linda Perry kennen.

“Back To Bedlam” wurde in Kalifornien eingespielt. Neben Linda Perry standen ihm Tom Rothcock (Beck, Elliott Smith, Badly Drawn Boy) und Guy Chambers (Songwriter Robbie Williams) zur Seite. Herausgekommen ist jenes starke Debüt, das Emotionen wie Sehnsucht mit einer Kraft auf den Punkt bringt wie kaum ein anderes Album. Ein reifes wie auch episches Werk ist entstanden, das keine Fehltritte zu verzeichnen hat. Einziges Manko: Er hätte sich im oben erwähntem Video zu “You’re Beautiful” ruhig komplett ausziehen können, um dann in die Fluten des Meeres zu springen. Darüber hätten sich bestimmt auch einige gefreut.

Text: Tanja Hellmig