War ‚Inferno’ vor gut zwei Jahren das Eröffnungskapitel für Motörheads siebten zweiten Frühling, so wird diese Geschichte mit ‚Kiss Of Death’ erfolgreich fortgesponnen. Wenn auch vielleicht nicht mit dem gleichen offensivem Überraschungsmoment, setzt Lemmy auf Platte wieder zu einem ratternden Frontalangriff an, der sich bei unserem von Sex, über Rock bis zum Roll reichenden
Whisky-Cola-Gespräch wie immer auch auf die Lachmuskeln überträgt.

Bleiben wir zu Anfang mal schön sachlich und reden erstmal über die Platte. Lemmy jedenfalls findet ‚Kiss Of Death’ sogar besser als ‚Inferno’. Liegt vielleicht daran, dass die Songs hinsichtlich ihrer melodiöseren Geradlinigkeit insgesamt noch ansteckender ausgefallen sind? „Du meinst ansteckend wie Tuberkulose? Nein, stimmt schon, ein paar Songs haben schon echt gute Hooks.“ Und gute Gäste. „Auf der Ballade ‚God Was Never On Your Side’ spielt CC DeVille (Poison) das Solo und bei ‚Under The Gun’ haben wir sogar zwei Bässe in einem Song: Mike Inez spielt den einen, ich den anderen.“

Während Lemmy noch davon schwärmt, was für ein netter Kerl CC doch ist, fällt mir ein, dass auf ‘Inferno’ noch Steve Vai eines seiner seelenlos-uninspirierten, virtuosen Skalen-Soli beigesteuert hatte, bevor in meinem Kopf urplötzlich und unweigerlich die Sirenen der anrückenden Musikerpolizei aufheulen. Jeden Augenblick wird dieses Hotelzimmer jetzt wohl von einer Hochkultur-Hyänen-Hundertschaft bestehend aus renommierten Rolling Stone-Schreibern, mäkelnden Musikexpress-Redakteuren, Spex-Spacken und kurzerhand zwangsrekrutierten Gitarre & Bass-Abonnenten gestürmt werden, die uns mit elaboriertem Ekel von der musikalischen Unfähigkeit des Haarspray-Hedonisten und Glam-Metal-Veteranen CC zu überzeugen versuchen – doch nichts passiert. Sind wohl alle gerade beim Hören der neuen Tom Petty kurzzeitig eingenickt. Lassen wir also stattdessen Lemmy mein – in Gedanken bereits zu Recht zurecht gelegtes DeVille-Defensivplädoyer gleich höchstpersönlich ausformulieren. „Ein guter Gitarrist ist ein guter Gitarrist und das hört man, wenn er spielt. Er trifft diese letzte hohe Note in dem Song absolut exakt auf den Punkt. Ich konnte es kaum glauben, als ich ihn beim Spielen beobachtet habe. Alles im zweiten Take. CC ist echt ein unterbewerteter Gitarrist. Hör dir doch das Solo von ‚Unskinny Bop’ an, das ist der Hammer. Aber niemanden fällt das auf. Warum? Wegen seiner Frisur? Stimmt, mit solchen Haaren muss er wohl ein schlechter Gitarrist sein.“

Prost, darauf trinken wir ganz ironiefrei erst mal einen. Nach ein paar Jack Daniels induzierten Unterhaltungs-Umwegen dann einfach mal die ‚Kiss Of Death’-Frage. Wen würde sich Lemmy denn so persönlich als Überbringer der letzten Zungenzuckungen so wünschen? „Halle Berry. Pam Anderson würde auch in Ordnung gehen. Da gibt es echt viele Bräute…“ Meine Vermutung, dass seine Vorlieben wie unlängst auf ‚One Night Stand’ besungen in erster Linie amerikanischen Mädels gilt, weiß Lemmy allerdings zu widerlegen, „Ich meine damit nicht, dass sie besser sind als andere. Alle Frauen sind toll. Aber wenn du ein versautes amerikanisches Mädchen hast, ist sie auf jeden Fall richtig versaut. All dieser ganze Religionsscheiß und Erfolgsdruck provoziert doch, dass man sich ein Ventil sucht. Hier bei uns sind wir eher an Freiheiten gewöhnt, das macht uns irgendwie zahmer. Deshalb hast du in Amerika Serienmörder, äußerst promiskuitive Frauen und die ganz großen Geschäftsmänner. Und sie alle sind von demselben angetrieben: Wettbewerb und Siegen ist der Motor von Amerika. Das ist alles was zählt. Keine Ahnung, wie sie jetzt mit der WM fertig werden.“

Ist ja auch egal. Fest steht, dass auch mit Sechzig Herr Kilmister sämtliche euphemistisch mit ‚Rock’ etikierten Milchbärte noch immer locker an die Wand spielt – denen fehlt nämlich allesamt der Roll. „Die Sache ist, dass viele Bands heutzutage keine Ahnung vom Blues haben. Das ist der große Fehler, denn der Blues ist die Basis. Man sollte also nicht nur zustechen, sondern dass Messer auch wieder richtig rausziehen können. Nein, viele verstehen den Blues einfach nicht. Es gibt aber auch Ausnahmen. Dave Grohl hat beispielsweise Plan vom Blues. Wir haben letztens eine Show zusammen mit QOTSA und den Foo Fighters gespielt. Das war eine verflucht gute Rock’n’Roll Kombination. Ach ja, Angels & Airwaves waren auch noch dabei. Der Typ hat tatsächlich eine Ansage gebracht, dass er den Leuten dabei helfen wolle, eine höhere Bewusstseinsebene zu erreichen. Ich dachte nur ‘ah ja, alles klar, ich gehe dann jetzt besser…’“

Der nächste eingeschenkte Longdrink macht klar, dass eine derartige Überlegung gerade nicht durch Lemmy Synapsen zischt. Und wenn ihr zukünftig brav Blues hört und dem Backkatalog von Poison ein Ohr schenkt, erzähle ich euch bei Gelegenheit dann auch, wie Lemmy einer japanischen Journalistin beibrachte, seinen Namen richtig auszusprechen. Versprochen.