Klingende Landschaften
 
Das eigenfinanzierte Debüt-Album ‘?Mind The Landscapes!’ der Leipziger Band Palestar klingt mit einer derart episch-melancholischen Kraft nach Unterwegssein, dass es einem mitunter fast die Kehle zuschnürt. Man kann das Quartett wohl ohne Übertreibung als eine der besten deutschen Bands ohne Plattenvertrag bezeichnen.
 
Zugegeben, als neulich das Palestar-Debüt bei mir auf den Tisch flatterte, hielt sich die Euphorie in vergleichsweise überschaubaren Grenzen. Irgendein kluger Mensch aus der Redaktion hatte die seit fünf Jahren aktive Truppe für unsere feine Rubrik ‘Für Euch Entdeckt’ vorgesehen, also musste jemand was darüber schreiben. Routinejob, dachte ich, mach ich die Tage, dachte ich. Erstmal beiseite legen. Hab dann später doch mal reingehört, fand’s ganz nett und am Abend mit Palestar-Frontmann Patrick Sudarski telefoniert. Eckdaten checken. Anschließend, so war der Plan, sollte während eines weiteren Durchlaufs von ‘?Mind The Landscapes!’ die Geschichte geschrieben werden. Hat aber dann so nicht geklappt. War zu ergriffen. Wie schaffen es drei Mittzwanziger, eine graue, relativ unspektakuläre Stadt wie Leipzig so spannend, so weit, so verzweifelt, so voller Sehnsucht und Aufbegehren klingen zu lassen? Keine Ahnung, muss noch mal Patrick anrufen.
 
Der hat sich “mit 16 oder 17” eine Gitarre gekauft und darauf dann so lange geübt bis sein genervter Nachbar namens Tom Hausmann vor der Wahl stand, Patrick zu erschießen oder eine Gegenoffensive zu starten. Er entschied sich glücklicherweise für letzteres, kaufte einen Bass und setzte Lärm gegen Lärm. Zur Verstärkung holte er den Gitarristen Ole Toense dazu, bald stand der Plan, eine Band zu gründen. Da man für eine solche einen Sänger braucht, klingelten die beiden einige Zeit später mal beim Verursacher des ganzen Aufruhrs. Sudarski war von der Idee begeistert, Palestar war geboren. Der erste Schlagzeuger hat sich vor kurzem eine Modelleisenbahn gekauft und wurde durch den Stuttgarter Flavio Steinbach ersetzt, der außerdem bei den in Indie-Kreisen nicht unbekannten Amis von Barbara Manning And The Go Luckies spielt.
 
So eine Geschichte glaubt jetzt natürlich kein Mensch, aber “genauso hat sich das tatsächlich abgespielt”. Sagt Patrick. Ist ja auch wirklich mal eine kreative Art, mit nachbarschaftlicher Ruhestörung umzugehen – man stelle sich den enormen Zuwachs für die hiesige Musik-Szene vor, wenn das alle so machen würden. Jedenfalls ist das, was danach kommt, erstmal nicht mehr ganz so glamourös. Jugendzentren, Finger blutig spielen im Proberaum, erste Demos verschicken etc. – Nachwuchsbandroutine. Was indes auf diesem Wege irgendwann passiert sein muss, das ist weit mehr als die einzelnen Teile der Summe erklären könnten. Aber Magie lässt sich ja ohnehin nicht erklären. Denn genau das sind Palestar tatsächlich: magisch! Und offenbar wahnsinnig dazu: Da sich wegen der üblichen Betriebsblindheit in den Chefetagen der kontaktierten Plattenfirmen niemand fand, der sich auf das Wagnis Palestar einlassen wollte, haben die Jungs ‘?Mind The Landscapes!’ kurzerhand selbst produziert.
 
Und zwar nicht auf die ich-kenn’-da-Jemanden-der-kennt- sich-mit- Pro-Tools-aus-der-kriegt-ne- Kiste-Bier-wir-machen-das-bei-mir-im-Wohnzimmer-Tour, sondern richtig mit Produzent und so im Erfurter Studio. Hat sich aber verdammt noch mal so was von gelohnt die Mühe! Denn auch wenn Songs wie ‘#1069’, oder der bandinterne Favorit ‘Berlin Is For Heroes’ (“kein Anti-Berlin-Song”) durchaus am Lagerfeuer bestehen könnten, ist ein opulentes Klangbild doch bei Palestar die halbe Miete. Da werden Spuren gedoppelt und Gitarren aufgetürmt, dass Sudarski vermutlich ein paar Sonderschichten im Plattenladen einlegen musste, um die Schulden bei Tonmann Brian Lieno abzutragen. Denn der ist zwar auch Live-Mischer von Palestar, aber “ein Geschäftsmann”.
 
Gänzlich unbegründet ist jedoch Hauptsongwriter Patricks Sorge, dass “wenn man mit großen Gesten hantiert und Pathos reintut, das auf manche Leute schnell so wirkt, als wolle man sich verstecken”. Das Gegenteil ist hier der Fall. Des ehemaligen Englisch-Studenten Sudarskis im Mittelpunkt stehendes verzweifelt flehendes Organ dominiert auf angenehm undeutsche Weise die herrlich-elegischen Soundscapes seiner Band, die mal an Radiohead, mal an Mercury Rev erinnern, aber über genug eigene melancholische Kraft verfügen, um ohne weitere Referenzen auszukommen. Diese Songs erzählen die Geschichte von Palestar weit treffender, als Vergleiche dies vermögen. Sie erzählen aber auch eine ganze Menge über Fehler im System, denn das diese Band ungesignt ist, wäre in einer besseren (Musik-)Welt schlicht unvorstellbar. Und auch ich habe durch die Erfahrung mit Palestar noch etwas gelernt: Dass man manchmal eben doch zweimal hinhören muss. Auch bei einer vermeintlich kleinen, ungesignten Band aus Leipzig. Danke dafür.
 
Übrigens: Das komplette „?Mind The Landscapes!“-Album steht unter palestar.de zum Probehören und Kaufen bereit.
 
 
Text: Torsten Groß