Mike Hadreas hat sich einiges vorgenommen, will mit seinem zweiten Album “Put Your Back N 2 It” aufräumen, die Dinge richtig stellen und dem eigenen Image entfliehen – wie das funktionieren soll, erfuhr motor.de im persönlichen Interview.

(Fotos: Angel Ceballos)

Gespräche mit Mike Hadreas seien schwierig, hört man – gerne breche er die eigenen Ausführungen mitten im Satz ab, zeigt jugendlichen Leichtsinn, der irritieren kann und wirkt trotz der 28 Lebensjahre, als habe er das Erwachsenen-Dasein eben erst für sich entdeckt. Mit plüschiger Felljacke und schwarz-weiß gepunkteten Schuhen heißt er die Journalisten am Interviewtag in Berlin willkommen, gibt sich unnatürlich geschäftig und doch bricht das Eis der Distanz sofort, wenn die Labelverantwortlichen den Raum verlassen haben und man ihm von Angesicht zu Angesicht gegenübersitzt. “Keine Angst, ich beiße nicht”, scherzt Hadreas ohne eine Frage gestellt bekommen zu haben und ergänzt in freien Stücken, “vor zwei Jahren sprach ein Newcomer zu euch und einigen war das zu viel – inzwischen habe ich die Spielregeln gelernt und verhalte mich, nun ja, professioneller.”

Irgendwie erleichternd und schade zugleich – immerhin passte das verschreckte Bild, dass der in Seattle geborene Hadreas vor zwei Jahren beim Debüt “Learning” abgab, perfekt zu ihm und seinem Projekt Perfume Genius: Der hochsensible Songwriterpop auf Platte – daneben: der weltversunkene Macher all dessen. Vor allem in England standen die Medien angesichts dieser Erscheinung Kopf, feierten ihn als post-moderne Antwort auf Townes Van Zandt und doch will man just in diesem Moment nur noch darüber schmunzeln. Weil hier nichts an einen kargen Lonesome Hobo erinnert, sondern Hadreas im Zuge seines neuen, zweiten Werks “Put Your Back N 2 It” den Fashion-verliebten Paradiesvogel gibt – der Boots wie Pipi Langstrumpf trägt und zwei von zehn Fingernägeln kunterbunt angemalt hat. Wer befindet sich also auf dem Holzweg: Die anwesende Presse oder Hadreas selbst? Ein motor.de-Gespräch, das Antworten liefert.

motor.de: In einem der ersten Interviews zum neuen Album “Put Your Back N 2It” ging der Redakteur laut eigener Aussage mit gemischten Gefühlen nach Hause – was war passiert?

Mike Hadreas: Ich weiß genau, wen du meinst, alles klar. Es war so, dass der Kollege mit gefühlt dreißig Fragen auflief und nicht einmal die Hälfte zu stellen schaffte. Irgendein Offizieller – so sein O-Ton – gab ihm die Empfehlung und er erwartete einen verschüchterten Musiker, der zu keinen langen Antworten in der Lage ist. Ich belehrte ihn eines Besseren, that’s it.

motor.de: Um ehrlich zu sein, so viele Themen habe ich auch dabei. Wir könnten quasi bis morgen früh miteinander reden.

Mike Hadreas: Leg sie weg, es geht hier nicht ums Abarbeiten, denn dieses Gespräch sollte kein Job für jemanden sein, sondern eine Konversation. Wenn du dich mit Leuten privat triffst, arbeitest du da im Vorfeld auch alles aus?

motor.de: Mit Verlaub, deine Offenheit überrascht ein wenig.

Mike Hadreas:
Ich erkläre sie dir gerne. Mein erstes Album “Learning” war ein sehr emotionales Werk, gab viel über mich preis und als dann die Journalisten vor mir saßen und darüber sprechen wollten, machte ich dicht. Aus Angst, zu viele Details zu verraten. Was allerdings mit der Platte schon geschehen war und das musst du als Newcomer lernen, die Grenzen sind fließend.

motor.de: Viele beschrieben das Debüt von 2010 als “musikalische Therapie”. Haben sie damit angesichts deiner neuerlichen Erkenntnisse Recht?

Mike Hadreas: Ich würde dem nicht widersprechen, wie auch? Ich teile sehr intime Sachen und persönliche Erlebnisse mit der Welt – um mich auszudrücken und den Leuten etwas mit auf den Weg zu geben. So abgedroschen das klingt, inzwischen bin ich der Überzeugung, dass ein Album mehr über mich sagt, als die klassische Couch-Therapie je könnte.

Perfume Genius – “Hood”

motor.de: Was du im Zuge von “Put Your Back N 2 It” fortsetzt, unter veränderten Vorzeichen jedoch: Die Songs wirken nicht mehr ganz so brüchig wie noch auf dem Erstling. Haben dir die positiven Kritiken Mut gemacht?

Mike Hadreas: (lacht) Eher bestärkt in meiner Überzeugung, es nicht komplett falsch gemacht zu haben. Ich versuche stets über den Umweg des Übels mein Glück zu finden. Woher diese Herangehensweise kommt, lässt sich schwer sagen – aber für das neue Album versuchte ich mich zu öffnen und Songs für all jene zu schreiben, die ihren Alltag bestmöglich meistern und gespannt sind, was auf sie zukommt.

motor.de: Keine Angst mehr vor Schicksalsschlägen? Auf “Learning” standen diese recht deutlich im Mittelpunkt.

Mike Hadreas: Nicht mehr als sonst. Es geht beim Songwriting immer um eine Frage der Perspektive: Eine absolut richtige Sicht der Dinge gibt es nicht, sondern nur solche, die dir im Laufe des Schreibprozesses weiterhelfen. Ich möchte wirklich nicht den Eindruck erwecken, mehr durchgemacht zu haben als andere und deswegen mit “Put Your Back N 2 It” nicht erneut das Negative in den Vordergrund rücken.

motor.de: Oft stolpert man über den Townes Van Zandt-Vergleich, obwohl du mehr Piano-Parts und Pop im Angebot hast, als er je veröffentlichte.

Mike Hadreas: (schaut nachdenkend auf den Boden) Ja, irgendwie passt das, weil seine Lieder – zumindest die, die ich kenne – eine ähnliche Herangehensweise haben. Anfänglich bestimmten seine Platten melancholische Gefühle und zum Ende hin wurde er positiver, gab den Leuten mehr Zuversicht.

motor.de: Es passiert ja häufiger, dass Newcomer nach einem Debüt und den damit einhergehenden finanziellen Möglichkeiten ihren Sound erweitern.

Mike Hadreas: Also Phil Spector habe ich mir nicht ins Studio geholt, nur weil die Tracks voller klingen. Es ist eher Selbstvertrauen, dass dir der Erfolg gibt und welches dich dazu führt, dass du mehr willst, als dein erstes Album noch zeigte. (denkt nach) Ich bin übrigens auch ein großer Fan von The Innocence Mission, weil deren Sachen durch ihre Arrangements sehr zeitlos wirken. Ein wenig kopiert “Put Your Back N 2 It” diesen Ansatz.

motor.de: Mal was völlig anderes: Stimmt es, dass du von Ronette Pulaski aus David Lynchs “Twin Peaks”-Serie gebabysittet wurdest?

Mike Hadreas: (lacht) Ja, das stimmt, Phoebe Augustine mit richtigen Namen. Sie spielte eine winzige Rolle und ging als Opfer eines Gewaltverbrechens blutverschmiert über die Brücke zum Ort Twin Peaks. Was mich damals irritiert hat, denn als Kind kannst du zwischen Realität und Fiktion nicht wirklich unterscheiden. Ein bisschen beeinflusst mich dieses Doppelspiel noch heute. Wie dem auch sei, meine Mutter ist mit ihr auf Facebook befreundet und meinte, dass aus der Karriere nichts wurde, es blieb ihre einzige Rolle. Schade eigentlich!

Perfume Genius – “Put Your Back N 2 It” (Albumcover)

motor.de: Als deutscher Redakteur wirst du mir hoffentlich folgende Frage verzeihen, aber was begeistert dich an Patrick Süßkinds “Das Parfüm” so sehr, dass der Name deines Projekts darauf zurückzuführen ist?

Mike Hadreas: Ich mag den Roman wirklich sehr, vergöttere ihn aber nicht derart, dass Perfume Genius daraus entstand. Es muss Anfang 2007 gewesen sein, als ich die Verfilmung in London gesehen habe und bevor der Film startete, kam die Vorführerin raus und meinte: “You’ll see the movie from the perfume genius! Patrick Süßkind, the perfume genus, the perfume genius!” Sie sagte das mit einer Inbrunst, als hätten wir die Karten noch nicht gekauft und müssten überzeugen werden.

motor.de: Und das hast du dann zweitverwertet?

Mike Hadreas: Genau, ich schaute danach bei einer Freundin vorbei und wollte endlich meine MySpace-Seite – was damals normal für einen Musiker war – einrichten und mir ging die Frau aus dem Kino nicht mehr aus dem Kopf. Mike Hadreas fand ich als Namen langweilig und so schnappte ich mir Perfume Genius.

motor.de: Bist du der Überzeugung, dass du vielleicht irgendwann ein Album aufnehmen kannst, dass nicht wie ein Tagebucheintrag deiner selbst wirkt?

Mike Hadreas: Ich kreiere schon fiktionale Stories aus meinen Erlebnissen und verfremde das Geschehene soweit es nötig ist. Aber ein vollkommen von mir losgelöstes Album? (überlegt) Da muss ich wohl noch ein paar Platten im aktuellen Stil veröffentlichen und kann es dann mal versuchen. Wäre ein echtes Abenteuer!

Marcus Willfroth