(Foto: Cem Guenes)

 

Es war ein gutes 2013 für Prinz Pi: Mit Kompass ohne Norden platzierte er erstmalig einen seiner Longplayer auf der #1 der Charts und aus Feuilleton und Musikpresse schoss es Lobparolen wie "ein reiferes HipHop-Album an der Grenze zum Pathos-Pop hat es in Deutschland kaum je gegeben" (spiegel.de). Nach dem Charterfolg kam der Siegeszug durch die deutschen Hallen. Auf der Kompass ohne Norden Tour spielte er vor insgesamt über 37.000 Hörern und nutze die Textsicherheit der einzelnen Städte, um in jeder Stadt einen anderen Song seines Erfolgsalbums gemeinsam mit dem Publikum aufzunehmen. Das Ergebnis der verschiedenen Hallenchöre ist seit letzten Freitag auf Prinz Pis Tributalbum Kompass ohne Norden: Auf Kurs nach Hause zu hören. Nachdem wir Prinz Pi letztes Jahr für deinen Ausblick auf Kompass ohne Norden getroffen haben, wurde im Gespräch zu Auf Kurs nach Hause Bilanz gezogen und – wie auch sonst bei Pi – weitergedacht.

 

Deine 'neue' Platte "Kompass ohne Norden: auf Kurs nach Hause" ist ein Tributalbum für und mit Deinen Hörern. Mit jeder Stadt hast Du einen anderen Track des Albums aufgenommen. Platten, mit solchen Kumbaja-Momenten, gibt es nicht oft. Wie bist Du auf das gemeinsame Singen gekommen?

„Es gibt Leute, die spielen im Kämmerlein einen Song und dann läuft der im Radio rauf und runter. Da gibt es aber keine wirklich bidirektionale Beziehung zu den Hörern. Ich bin viel auf Tour und mag meine Hörer sehr gerne und wollte denen das mal zu spüren geben. Ich habe mir einfach gedachte: ey, lass mal mit diesen Leuten zusammen ein Album aufnehmen und nicht mit anderen Künstlern im Studio. Einfach um ein bisschen zu zelebrieren, dass wir die Musik gemeinsam fühlen. Die Leute singen eh immer mit und jetzt nehmen wir das einfach mal auf; konservieren diese speziellen Momente und machen daraus eine geile Platte."

 

(Foto: Verstärker)

 

In einem Deiner Interviews zu Kompass Ohne Norden hast Du gesagt, dass Erfolg alleine Dich nicht ausfüllt. Nun war Dein vergangenes Jahr sehr erfolgreich. Würdest Du die Aussage aus dem letzten Jahr jetzt revidieren?

„Natürlich hat mich der Erfolg von Kompass ohne Norden gefreut. Aber es hat mich deswegen gefreut, weil – das wofür ich dieses Lob gekriegt habe, etwas war, hinter dem ich mit meiner Person und meinem Glauben richtig krass stehe. Wenn Du jetzt aber ein Unternehmenslenker bist und Du wirst mit richtig krass viel Geld und einem Sternchen aus der Geschäftsleitung oder vom Aufsichtsrat ausgezeichnet, dafür dass Du 3000 Leuten ihre Stelle gekündigt hast – dafür kriegst Du auch Lob und hast damit auf der einen Seite großen Erfolg. Aber Du hast ihn durch etwas sehr Schlechtes bekommen. Deswegen glaube ich, dass Erfolg an sich überhaupt nicht glücklich macht. Vielleicht macht es glücklich, wenn man ‚seine Träume auslebt’ und die Leute das zu schätzen wissen.“

 

Glaubst Du, so denkt auch ein Kollegah, der nach nur 48 Stunden Gold geht?

„Kollegah ist ein wirklich brillianter Kopf. Ich glaube, dass die Leute ihn nicht vor allem für seine Musik schätzen, sondern zu großen Teilen für seine Person, für seine Idiome, die er kreiert, für seinen Witz und seinen Charme. Er vermarktet sich sehr, sehr clever. Aber seine Musik – ohne seine Musik negativ besprechen zu wollen! Ich bin total großer Fan, ich arbeite sogar gerade mit ihm zusammen an einem Song – hat sich in den letzten Jahren nicht im gleichen Maße verändert, wie sein Erfolg. Sondern die Präsentation seiner Person hat sich groß verändert und dementsprechend ist dann auch der Erfolg seiner Musik gestiegen. Ich finde das toll und bin großer Freund und Fan von ihm.“

 

In so hippen, kuscheligen, beinahe romatischen Rap-Zeiten wie diesen eine solche Show zu inszenieren, ist schon ziemlich clever!

„Kollegah hat in den ganzen Jahren seinen musikalischen Kurs gehalten. Er hatte ein Album, das von den Fans ein bisschen bemängelt wurde, wegen des Autotune-Einsatzes. Aber ansonsten hat er immer straight sein Ding durchgezogen und sich nicht beirren lassen. Und jetzt ist es halt ‚in’“.

 

Du hast außerdem mal angesprochen, dass wenn man als Künstler glücklich und zufrieden ist – ergo: erfolgreich – man schnell den Biss beziehungsweise den Drive verliert. 

„Klar! Künstler stagnieren, weil sie nach dem großen Erfolg nichts mehr haben, wonach es sich zu streben lohnt. Richtig große Kunst entsteht immer nur in extremer Not oder einer wirklich schlechten Situation.“

 

Also muss man als Künstler zwangsläufig traurig, unzufrieden oder ziellos sein, um gute Texte und gute Musik zu schreiben? Quasi bemüht sein, unglücklich zu bleiben, um auch ein guter Künstler zu bleiben?

„Auf jeden Fall. Wenn Du jemanden hast, der sagen wir mal ein Instrument virtuos beherrscht, wie beispielsweise ein Geiger – dann ist das bis zu einem gewissen Grad eine Kunstfertigkeit, ein Handwerk. Und das kann man in jedem Gemütszustand gut ausführen als Profi. Aber ein gewisses emotionales Momentum, sei es nun etwas extrem Positives oder etwas Schmerzhaftes, dazu bedarf es einer Gemütslage. Als Schauspieler kannst Du dich komplett in diese Gemütslage versetzen, und Emotionen abrufen. Aber die meisten Menschen können so was nicht. Und zu denen gehöre ich. Ich muss immer eine schlechte Zeit durchleben, um gute Musik zu machen.“

 

Heißt das im Umkehrschluss, dass man als Künstler das Drama suchen MUSS, um der Beste zu sein, der man sein kann?

„Das könnte eine Schlussfolgerung sein. In meiner Familie gibt es viele, die manisch depressiv sind. Und die meisten behandeln das mit Psychopharmaka. Aber für mich ist die Musik ein besserer Katalysator. Ich bin Musiker geworden, um meine depressiven Phasen besser kanalisieren zu können. Und habe nicht gesagt: ich bin Musiker, und muss jetzt für schlechte Sachen in meinem Leben sorgen, um danach schreiben zu können. Mich suchen diese schlechten Phasen, und danach verarbeite ich sie zu etwas Positivem.“

 


Prinz Pi – Fähnchen im Wind on MUZU.TV.

 

Du bist ziemlich gut darin, Deine Umwelt und die Gesellschaft zu beobachten und kannst aktuelle Phänomene des Zeitgeistes sehr genau auf den Punkt bringen. Auf Kompass ohne Norden ging es unter anderem um die Frage des Mitschwimmens und Teil bestimmter Gruppen sein zu wollen – oder eben auch nicht -, um die neue Volkskrankheit "Individualismus" sowie um Liebe und Freundschaft im digitalen Zeitalter.

„Es war mein bisher erfolgreichstes Album und ich habe darauf viel gutes bis entrüstetes Feedback bekommen. Viele fanden es gut, aber viele habe es auch nicht verstanden. Was klar ist, weil es auch teilweise sehr schweres Material ist. Ich habe mich viel damit auseinander gesetzt, was die Leute so zu meinen Gedanken sagen und ich habe natürlich meine Gedanken in der Zwischenzeit schon wieder weiter gedacht. Das Dilemma von jedem Künstler ist, er denkt sich was aus, und dann kommt das anderthalb Jahre später raus, nachdem alles aufgeschrieben, aufgenommen, gemasterd und auf den Markt gebracht ist. Und dann hat man eigentlich längst schon wieder ganz andere Sachen im Kopf."

 

Seit Du das Textbuch zu Kompass ohne Norden zugemacht hast: was für Phänomene oder vermeintliche Trends sind Dir im aktuellen Zeitgeist aufgefallen?

"Womit ich mich momentan viel auseinandersetze, ist das Problem der Freundschaft. Ich bin jetzt in so einem Alter, in dem man viele Bilanzen zieht. Man denkt nach über Freundschaften, die man aus dem Kindergarten oder aus der Schulzeit hatte und wie man heutzutage noch seine Freundschaften pflegt; auf welche Art und Weise man Zeit verbringt mit seinen Freunden. Sei es jetzt face-to-face, oder nur im Online-Kontakt. Das sind Sachen, da sind wir mittlerweile Zeugen einer Entwicklung, die sich in den letzten Jahren so krass beschleunigt hat, dass man sagen kann: so was hat es in der Geschichte der Menschheit noch nie gegeben. Wir sind Zeitzeugen von Veränderungen, deren weitergehende Implikationen wir noch gar nicht dechiffrieren können. Es passiert heute in zwei Jahren so viel, wie früher in hundert Jahren nicht passiert ist. Nimm zum Beispiel die Zeitspanne, die wir mittlerweile für normal annehmen, die jemand in einem Online-Gespräch für's Antworten auf etwas bekommt. Vor drei Jahren hätte man sich überhaupt nicht mockiert, wenn einem jemand auf eine SMS nicht sofort zurückgeschrieben hätte. Oder wenn der Rückruf erst ein, zwei Tage später kommt. Für Leute der Generation meiner Eltern ist das nach wie vor nichts Schlimmes. Aber wenn Du heutzutage mit einem Freund oder einer Freundin schreibst, und die dir nicht innerhalb von fünf Minuten zurück schreiben, heißt das: die sind entweder auf Toilette, aus anderen Gründen gerade nicht erreichbar – oder es liegt ein Konflikt vor. Diese ständige Befürchtung in irgendeinem Konflikt zu stehen, verursacht Stress. Und über so was denke ich sehr viel nach.

Es ist ja eine Allgemein-Weisheit, dass unsere Kommunikationswege sich verändern. Und dementsprechend aber halt auch unsere sozialen Bindungen. Das interessiert mich sehr. Mich interessiert auch zum Beispiel das Bild, das Leute von einer Beziehung haben. Ich weiß zwar, dass meine älteren Hörer sich eher wünschen, dass ich mich mit anderen Themenkreisen auseinandersetze, aber ich glaube, dass die Beziehung zwischen zwei Leuten immer noch die Grundzelle ist, auf dem jede Gesellschaft beruht. Und ich denke, wenn sich das verändert, dann verändert sich auch alles andere, was daraus erwächst. Ich bin groß geworden mit dem Walt Disney Modell von Romantik – wie wahrscheinlich die meisten Leute. Dieses Modell besagt, man lernt jemanden kennen, den man als große Liebe bezeichnet und dann heiratet man und lebt bis an sein Lebensende zusammen und gründet eine Familie. Heutzutage sind die Leute aber anders drauf. Diese Modelle, die man aus Filmen kennt, die greifen nicht mehr. Nimm mal so was wie Tinder. Das benutzen sehr viele Leute. Und auch wenn ich es selber nicht benutze, muss man trotzdem darüber nachdenken. Anscheinend hat unsere Gesellschaft zumindest in Teilen die erotische Liebe von der emotionalen Liebe abgekoppelt. Das ist in anderen Gesellschaften vielleicht schon lange Gang und Gebe, aber in unserer Gesellschaft halt nicht. Also zumindest war es das die letzten paar hundert Jahre nicht. Und jetzt zeichnet sich eine neue Entwicklung ab und das muss man beobachten."

 

(Julia Ramonat)