Michael Balzary aka Flea über Einsamkeit auf Tour, Kindererziehung und sein Selbstverständnis als Musiker.

Für die Aufnahmen zum neuen Album seid ihr in die Houdini Mansion zurückgekehrt, in der einst das Durchbruchsalbum „Blood Sugar Sex Magik“ entstand, und der eine mystisch unheilvolle Aura nachgesagt wird. Wie hat es sich angefühlt, nach all den Jahren wieder dort zu sein?

Witzigerweise denken viele Leute, dass wir dort unser erstes Album aufgenommen haben, weil es unser erstes Mainstream-Album war. Dabei war es bereits das fünfte. Jedenfalls hat sich völlig anders angefühlt, wieder dort zu sein. Als wir «Blood, Sugar, Sex, Magik» aufgenommen haben, war es dort richtig gemütlich. Es war einfach wundervoll, zusammen dort zu sein. Beim letzten Besuch, egal wie gut es für uns nach 23 Jahren immer noch ist, zusammen zu spielen, hat es sich in der Houdini Mansion sehr verändert. Dort leben nicht mehr die gleichen herzlichen Menschen wie früher. Es ist nur noch ein ganz normales Studio für Bands, die ihre Platten aufnehmen wollen. Das warme Gefühl ist nicht mehr da.

Wie hat denn eure Zusammenarbeit vor diesem Hintergrund funktioniert?

Dass wir gerade jetzt das Album aufgenommen haben, war der richtige Zeitpunkt. Wir sind an einem Punkt in unserem Leben angekommen, wo wir einfach nur glücklich sind. Wir richten unseren Fokus auf unsere Persönlichkeiten aus – als Musiker. Mittlerweile können wir unsere unterschiedlichen Charaktere respektieren und jeder ist in der Lage, wirklich sein bestes zu geben. Die Zusammenarbeit war noch nie so gut. Klar gab es schon vorher den einen oder anderen Moment, in dem wir besonders gut miteinander konnten, aber noch nie über so einen langen Zeitraum.

Auf dem Album sind einige Sachen, die mich an „Californication“ erinnern und dann wiederum ganz neue Elemente.

Musik liegt immer im Auge des Betrachters. Es kommt also immer darauf an, auf welche Weise jemand die Musik sehen will. Wir versuchen immer die Dinge zu aufzugreifen, die wir bereits gelernt haben und uns auf dieser Basis weiterzuentwickeln. Wie das Leben selbst, wächst und verändert sich auch unsere Musik. Sich emotional und technisch weiterzuentwickeln ist ein wichtiger Teil, damit wir unserer Musik Ehre machen. Auf dem neuen Album haben wir versucht in ganz neue Bereiche vorzudringen. Natürlich liebe ich „Californication“. Es ist eine sehr gute Scheibe. Aber noch einmal dasselbe zu machen wäre sehr eintönig und langweilig. Sich weiterzuentwickeln ist aber mitunter auch schwierig und kann sogar weh tun. Genauso wie in einer Partnerschaft. Manchmal wünschst Du deine Partnerin zum Teufel und manchmal kannst Du nicht genug von ihr kriegen. Besonders wenn man jeden verdammten Tag mit ihr teilt.

Die Leute sagen, dass Du derjenige bist, der die ganze Band zusammenhält.

Die Leute fragen mich das, weil es so in Anthonys Buch «Scar Tissue» steht. Nach meiner Einschätzung gab es Zeiten, wo das auf mich zutraf. In denen ich ehrgeizig an der Musik gearbeitet habe, wo ich für andere da war. Aber es gab auch Zeiten, in denen ich ein Desaster war. Nicht präsent war, wo ich es hätte sein müssen. Vielleicht war ich in der Vergangenheit mehr daran beteiligt, dass die Band zusammen bleibt, als andere. Aber jeder von uns hat mal seinen Teil dazu beigetragen.

Ein Teil von euch spielt jetzt schon über 23 Jahre zusammen. Kommt man da nicht auf den Gedanken, dass irgendwann mal Schluss sein sollte?

Wenn man an einen Punkt kommt, an dem es langweilig wird und wir uns nicht weiterentwickeln – dann wäre der Zeitpunkt da, aufzuhören. Wir brauchen das Geld nicht mehr. Wir brauchen auch keine Bestätigung mehr oder den Ruhm. Wir machen die Musik in erster Linie für uns selbst. Es ist bereichernd und ich lerne. Dadurch werde ich eine bessere Person.
Aber wenn man so eng miteinander zusammen arbeitet, könnte der Wunsch entstehen, lieber nur noch seine eigenen Projekte zu machen.
In meinem Leben habe ich mit einer Menge verschiedener Menschen zusammen gespielt. Ich hatte viele Ideen, viele Bands und viele Sänger. Ich habe mit Tracy Chapman gearbeitet und verschiedene Musikstile probiert. Da ich stets gemacht habe, wonach mir gerade war habe ich also nicht das Gefühl, dass mir etwas entgangen ist. Eine Band ist ein wundervoller Ort, um aus sich heraus zu kommen. Das war aber nicht immer so. Eine zeitlang hatte ich das Gefühl, dass die Band mich davon abhält, mich weiter zu entwickeln. Aber jetzt freue ich mich schon sehr darauf, endlich unser neues Album live zu spielen. Bei unserer letzten Platte hatte ich das Gefühl nicht. Als wir «By the Way» gemacht haben, dachte ich – das ist das Ende. Ich habe mich nicht wohl gefühlt. Eigentlich war die Band immer ein Ort, an dem ich sein konnte, wie ich bin. Aber mit dem Album habe ich dieses Gefühl nicht gehabt. Mittlerweile habe ich jedoch kein Problem mehr damit. Egal, ob ich auf meinem Surfbrett stehe, oder gerade am Klettern bin – mein Leben ist voller schöner Dinge. Ich bin ein glücklicher Mann.

Ist es nicht langweilig in jedem Ort immer wieder die gleichen Songs zu spielen?

Besonders wenn man auf Tournee ist?

Ja, aber das gehört einfach dazu. Aber jetzt am Anfang, wo wir mit frischen 28 Songs wieder da sind, ist es anders. Wir sind aufgeregt und freuen uns sehr auf unsere Tournee. Es gab auch Zeiten, in denen ich sehr traurig wurde, wenn wir auf Tour gingen. Es ist schwierig für einen, immer an anderen Orten sein zu müssen. Wenn du weißt, dass du 18 Monate unterwegs sein wirst, kann das psychisch und physisch sehr hart werden. Aber als ich aufgehört habe, über mich selbst nachzudenken, wurde mir klar, dass ich etwas von dem Geschenk des Erfolges mit dieser Band zurückgeben muss. Dann habe ich mich wirklich gut gefühlt, wenn ich alles gegeben habe.

Wie ist es nach dem umjubelten Konzert und der damit verbundenen massiven Bestätigung alleine ins Hotelzimmer zurückzukehren?

Du fühlst dich echt einsam. Speziell wenn man auf Tour ist und niemanden in der Band hat, dem man sich verbunden fühlt. Oder wenn du Streit mit den anderen hast. Oder du dich einfach unwohl fühlst und merkst, dass die Band gerade nicht das Richtige ist. In meinem Leben hatte ich die einsamsten und traurigsten Erlebnisse auf Tournee. Du reist von Stadt zu Stadt. Du fragst Dich, ob das, was du machst, wirklich der Sinn des Lebens ist. Auch, wenn ich schon seitdem ich ein kleines Kind war, unbedingt Musik machen wollte. Aber man muss das Leben so nehmen, wie es kommt und jeden Tag genießen. Dann wirst Du auch ein besserer Vater, Liebhaber, Freund und Mensch werden.
Wenn Du einsam bist, wenn rufst Du dann an?
Das ist immer unterschiedlich. Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der sich alles verändert hat. Ich nahm fast permanent Drogen und machte Party. Ich dachte, dass ich ein Supermann bin. Den ganzen Tag Basketball spielen und die ganze Nacht mich mit Drogen voll pumpen und Musik machen. An einem bestimmten Punkt war ich nicht mehr ich selbst. Und ich wurde gezwungen, mein Leben zu verändern und damit aufzuhören. Gezwungen, weil nichts mehr ging, weil ich am Ende war. Von da an wurde mir klar, dass es etwas gibt, das größer ist. Eine höhere Intelligenz. Ich bin nicht religiös, aber ich liebe Gott. Und zu dieser Zeit wurde mir klar, dass ich nie wirklich allein bin. Egal wie sehr es schmerzt, es ist immer jemand da, der sich um dich kümmert. Ich bin glücklich, ich habe eine liebevolle und verständnisvolle Frau, die immer für mich da ist. Und wir beide haben dieses süße Baby. Mein Leben ist jetzt einfach so gut, aber das war es nicht, bis ich gelernt habe Gefühle zu zulassen. Damals musste ich berühmt sein, ich musste alle Mädchen haben, ich musste der beste Musiker der Welt sein und dies und das wollte ich auch noch. Wie ist es denn bei Dir?

Ich? Wenn ich unterwegs bin rufe ich meistens meine Mutter an.

Das ist schön. Ich selbst war nie so nah mit meinen Eltern. Manchmal kamen wir uns schon mal näher, aber dann wird alles schnell wieder wie gehabt. Ich war sehr jung, als ich mein Zuhause verlassen habe. Ich lebte dann auf der Strasse. Ich habe das nie gehabt, engen Kontakt mit meiner Mutter – du kannst dich glücklich schätzen.

Wie machst Du das mit deinen Kindern?


Nun ja, vor 17 Jahren wurde ich das erste Mal Vater…

…und seitdem warst Du ja fast immer auf Tournee. Warst Du denn ausreichend für deine Tochter Clara da?

Ja, sie war immer bei mir und wird auch immer bei mir bleiben. Aber jetzt habe ich noch ein kleines Baby…

Ja und eine Menge Probleme werden Dich auf Trab halten…


Ich kenne alle diese Teenager-Probleme. Ich bin mit Clara durch jede Entwicklungsstufe gegangen. Aber ich bin froh, dass ich die Möglichkeit habe, egal welches Problem wir haben, dem einfach mit Liebe und Verständnis zu begegnen.

Wie ist das mit dem Taschengeld? Bekommen Kinder von reichen Rockmusikern eine goldene Kreditkarte?

Das kommt darauf an. Ich habe einen Deal mit meiner Tochter gemacht. Wenn sie ihr Zimmer sauber hält, das Geschirr abwäscht und ihre Hausaufgaben macht, gebe ich ihr ein wenig Geld. Als ich aufgewachsen bin, hatten wir so gut wie gar kein Geld. Ich weiss also, was es bedeutet, nichts zu besitzen. Als dann meine erste Tochter geboren wurde hatten wir auch kein Geld. Das änderte sich erst mit der Zeit. Wir haben in einem schönen Haus gelebt, in einer guten Gegend. Sie ist in eine der besten Schulen gegangen, wo die Kinder sehr gut situiert sind. Diese Kids haben überhaupt keine Ahnung, was Geld wirklich wert ist. Für mich ist es äußerst wichtig, dass meine Kinder wissen, was ein Dollar wert ist und wie schwer man ihn sich verdienen muss.

Torsten Groß