story_charlottehatherley.jpgMit ihrem Album ‘Grey Will Fade’ präsentiert sich Ash Gitarristin Charlotte Hatherley erstmals als Solo-Künstlerin. Bei Ash spielt Charlotte Hatherley die Rolle der scheuen Schönen, die sich neben dem dominanten Männer-Triumvirat um Tim Wheeler dezent im Hintergrund hält.

Man schätzt sie wegen ihrer kreativen Gitarrenarbeit, den versierten Backing-Vocals und als attraktive Frauenquote. Nur ihr Talent als Songschreiberin übersah man außer einiger B-Seiten völlig. Doch darüber will sich Charlotte nicht beschweren, denn bisher hat sie nie viel Aufhebens um ihr verstecktes Talent gemacht. Die Bedenken bezüglich der Qualität ihrer Musik und des Standings in der Band waren einfach zu groß. “Es ist sehr schwierig, in einem strukturierten Songwriting-Prozess wie bei Ash eigene Sachen einzubringen”, formuliert sie stelzbeinig. “Andererseits sind meine Songs ziemlich anders als die Ash-Sachen, so dass ich fürchtete, den Jungs meine Songs vorzuspielen, und nur ein Fuck-off zu ernten.”


Trotzdem nagte es in ihr und drängte nach einem Ventil für die musikalische Kreativität. Schließlich schreibt sie Songs, seit sie im zarten Alter von 14 auf der Gitarre die ersten Akkorde klimperte. Ein Gottesgeschenk, für das sie nie viel tun musste. “Die Melodien kommen mir einfach so zugeflogen, kaum, dass ich meine Gitarre in die Hand nehme. Dagegen kann ich mich gar nicht wehren.”
Doch vorerst harrte das eigene Album, von dem sie heimlich schon seit jenen frühen Jahren träumte, seiner Verwirklichung. Zu sehr war sie in einen angenehmen aber lähmenden Bandtrott verstrickt, als dass sie dafür noch Zeit und Kraft gehabt hätte. “Irgendwann habe ich dann festgestellt ‚Mist, ich bin schon 25. SIEBEN Jahre bin ich bei Ash, in denen ich nichts getan habe.’ Ich wollte nicht 27 werden, ohne dass sich daran etwas ändert.” In ihren Worten schwingt noch jetzt der Nachhall jener erschreckenden Erkenntnis.

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Doch dann ging plötzlich alles ganz schnell: Die Band war gerade für ein paar Monate in L.A., um ihr aktuelles Album ‘Meltdown’ aufzunehmen, als sich Charlotte nach Feierabend davonschlich, um mit Eric Drew Feldmann (Ex-Captain-Beefheart) und Rob Ellis (PJ Harvey) in Doppelschicht ihre eigenen Songs einzuspielen – und die Bandkollegen am Ende mit einem fertigen Album zu überraschen. Eine erstaunliche Erfahrung, wie sie im Nachhinein feststellt.

Ebenso erstaunlich wie ‘Grey Will Fade’ selbst, das – in Rekordzeit eingespielt – nur so vor Achtziger-Pop-Bezügen wimmelt. Von XTC über Blondie, B52`s bis Kim Wilde. Eine Zeit, die Charlotte als Spätgeborene zwar nur via Plattensammlung ihrer älteren Schwestern miterlebt hat, die inzwischen aber bedeutender Bezugspunkt in ihrem musikalischen Koordinatensystem ist. Und wie bei XTC muss auch hier die Seele der Songs erst durch häufiges Hören “entdeckt” werden – um einen danach aber nicht mehr loszulassen.

Das haben inzwischen auch die Bandkollegen von Ash bemerkt. Denn nachdem sie ihr anfänglich nicht viel zutrauten, fürchten sie jetzt um ihre Gitarristin. “Als das Album herauskam und sich gut platzierte, waren sie ziemlich erstaunt, und sagten Sachen wie: “Bitte, verlass’ uns nicht, wir lieben dich’. Dabei wissen sie doch, dass ich nicht gehen werde.”

Text: Karsten Witthoefft