Die Bonner Newcomer Voltaire haben ihr Debüt “Heute Ist Jeder Tag” aufgenommen, was sie an die Spitze des deutschsprachigen Gitarrenpops manövrieren dürfte. Es geht um Niedergang und Neubeginn, um ein Abbild der Zeit. Im ausführlichen Gespräch erklärt Frontmann Roland Meyer de Voltaire seinen Stand der Dinge.

Noch vor der Veröffentlichung eures Debüts spaltet ihr die Lager. Entweder man bezeichnet Voltaire als neuen, hoffungsvollen Act oder als eine von vielen mittelmäßigen Bands. Wie erklärst du dir diesen Umstand?
Roland: Das hat viel mit den Spannungen innerhalb unserer Musik zu tun. Wir kommen nicht so eindeutig rüber wie manch anderer Newcomeract der letzten Jahre. Sowohl musikalisch als auch textlich spielen bei Voltaire Gegensätze eine große Rolle. Ich persönlich mag es, wenn gewisse Dinge in der Schwebe gehalten werden. Was auch mit dem Bandgefüge zu tun hat, denn bei uns gibt es vielerlei Ausrichtungen, die innerhalb der Musik eindeutig oder versteckt ihren Platz finden müssen.

In den letzten zwei Jahren haben es neue, anspruchsvolle Bands aus Deutschland sehr schwer Fuß zu fassen. Tokio Hotel, Juli oder auch Silbermond haben mit ihrer medialen Präsenz einiges dazu beigetragen, dass allerlei Skepsis herrscht, wenn vom “next big thing” gesprochen wird.
Das kann gut sein. Zumindest besitzen diese Bands etwas, das sie kommerziell derbe gut einschlagen lässt. In Deutschland wird ein immens großer Wert auf die Texte gelegt, wenn man in der Muttersprache singt. Juli oder Silbermond sind da einfach direkter als Voltaire, daran werden und wollen wir aber nichts ändern. Vielleicht ist das ja ein Grund, erst einmal genauer hinzuhören, bevor Urteile gefällt werden?!

Im Gegensatz zu eben erwähnten Bands gehört ihr auch nicht in die Kategorie “Wir-haben-schon-seit-der-Schule-zusammen-gespielt”, sondern seit mehr oder weniger über Umwege aufeinander aufmerksam geworden.
Ich habe vorher in vielen anderen Bands gespielt. Doch meistens konnte ich meine Ideen nicht in die Wirklichkeit umsetzen. Voltaire kam dann plötzlich auf ein paar Umwege zustande. Unseren Pianisten Hedayet habe ich an einem Liederabend kennen gelernt, wo er Schubert zum Besten gab. Dieses Treffen vor über drei Jahren war so etwas wie der Grundstein zur Band. Hinzu kam dann recht schnell Rudolf, der für den Bass verantwortlich ist, Gitarrist Marian als auch Schlagzeuger David. Alle überzeugten nicht nur durch ihr perfektes Spiel, sondern auch durch ihre Ideen, die sie mit Voltaire umsetzen wollten.

Ihr geht inzwischen fast alle auf die 30 zu. Würdest du sagen, dass es für euch ein Vor- oder eher Nachteil ist, erfahrener zu sein als ein Newcomer mit Anfang 20?
Wenn du auf den Druck ansprichst, gleich mit dem ersten Album einen Volltreffer landen zu müssen, denke ich, dass wir da sehr entspannt sind. Vorteilhaft ist es natürlich schon, wenn du etwas erfahrener bist, weil wir im Gegensatz zu sehr jungen Bands mitbekommen, was um uns passiert. Ich meine, wären wir Anfang 20, könnte die Band wohl kaum ein so großes Mitspracherecht bezüglich Label oder Management einfordern, wie sie es unweigerlich tut.

Seht ihr euch vielleicht deshalb als einen Gegenentwurf zu anderen aktuellen Bands, die zehn Jahre jünger sind und denen man dies auch deutlich in Musik und Text anmerkt?!
Das ist eine schwierige Frage. (überlegt) Du musst wissen, ich kenne Leute, die ihren Lebensunterhalt mit Schlager verdienen. Trotzdem würde ich nicht sagen, Voltaire seien jetzt tiefgründiger oder auch intellektueller als solche bzw. andere Künstler. Ich habe einfach vor jedem Respekt, der sein Ding durchzieht und damit auch den gewünschten Erfolg erzielt. Nur weil bei uns die Maßstäbe anders gesetzt werden, als in benachbarten Genres, wäre eine andere Haltung sehr arrogant.

Mal provokanter gefragt. Die Bands aus der Hamburger Schule sind mit Parolen von Slime Marke “Deutschland muss sterben, damit wir leben können” groß geworden. Inzwischen legen viele neue Bands eine gewisse “Kopf hoch, Deutschland!”-Mentalität an den Tag…
Ich weiß, worauf du hinaus willst, habe dazu aber eine etwas dezidierte Meinung. Für mich spielen solche Kategorien keine große Rolle. Nicht nur, weil ich halber Bolivianer bin, sondern auch ein großes Problem mit CD-Compilations wie “I Can’t Relax In Deutschland” habe. Da wird für meinen Geschmack viel zu engstirnig gedacht. So zum Beispiel auch der Internetkommentar vom Blumfeld-Sänger Jochen Distelmeyer, welcher plötzlich alle Sampler mit deutschsprachigen Überbau verteufelt hat. Ich habe dazu grundlegend ein etwas entspannteres Verhältnis, kann trotzdem nachvollziehen, dass man sich in Deutschland aus verständlichen Gründen mehr Gedanken dazu macht. Es wird mir teilweise aber zuviel über einen Kamm geschoren.

Lass uns zu Voltaire zurückkommen. Dirk von Lowtzow meinte in einem Interview: “Es ist wieder an der Zeit, etwas mit Grandezza gegen den Baum zu fahren. Im Augenblick hat man das Gefühl, dass alles auf Nummer sicher gemacht wird. Man darf keine Schwäche zeigen.” Auf “Heute Ist Jeder Tag” geht es sehr oft um Schwäche und Desorientierung.
Den Willen zu Scheitern empfinde ich für leidenschaftliche Musik sehr wichtig. Es gibt viele Platten die einem eine gewisse Zeit begleiten, wirklich haften bleiben jedoch nur diese, wo der Hörer die Gefühle und Empfindungen des Künstlers, der Band nachvollziehen kann. Jeff Buckley ist mit seinem Album “Grace” ein gutes Beispiel, oder auch Radiohead mit “Kid A”. Man hört diesen Platten einfach an, dass dort alles in eine Wagschale geworfen wurde, ganz egal, ob es der breiten Masse gefällt oder nicht. Dies haben wir mit “Heute Ist Jeder Tag” auch versucht und sind uns darüber bewusst, nicht bei jedem offene Türen einrennen zu können. Manche würden gerne schreiend wegrennen, was ihr gutes Recht ist.

Vielleicht auch deswegen, weil ihr keine Antworten oder abgedroschenen Lebensweisheiten mit eurer Musik transportiert?
Der Moment des Textschreibens ist einfach sehr persönlich. Jeder versucht auf seine Weise mit den Fragen, die das Leben stellt, fertig zu werden. Sicherlich ist es schwerer, abseits der allgemeinen Lebensweisheiten eine Atmosphäre zu schaffen. Doch genau dieser Herausforderung stelle ich mich bei jeder Zeile, die ich schreibe.

Das Ergebnis ist eine sehr bildliche Sprache, die nicht zuletzt auch durch einige Parolen wie “Schreib ein ‘Nein’ an diese Mauer/Ich habe genug gesehen” erreicht wird.
Es ist sehr wichtig, um das Ganze nicht abheben zu lassen. Anderseits gibt es viele Irrwege in das Banale. (überlegt lange) Das ist ein heikler Balanceakt, der beim Schreiben nötig ist, um die Texte auf den Boden zurückzuholen. Soll heißen, dass ich Dinge, die so nah wie möglich beschreibbar sind, nicht unnötig in der Schwebe lassen muss. Dies ist für die Hörbarkeit des Liedes ein wichtiges Element. Obwohl ich sagen muss, dass der Weg der Abstraktion natürlich sehr reizvoll ist.

Nervt dich persönlich der Tatbestand, dass bei deutschsprachiger Musik so eine Wahnsinnsfokussierung auf die Texte stattfindet?
Mich stört es eigentlich nicht. Über Inhalte der Musik zu reden, ist wichtig. Es wäre auch schwer, sich über Töne zu unterhalten…

Das stelle ich mir auch sehr schwer vor!
(lacht) Was mich aber stört ist, wenn die Referenzen herangeführt werden. Ich finde nicht, dass Voltaire und unser Debüt “Heute Ist Jeder Tag” hauptsächlich durch Blumfeld oder Die Sterne beeinflusst ist. Auch nicht unter dem Tatbestand, dass wir deutsch singen. Egal welchen Vergleich du heranziehst, die Musik von einem Künstler geht immer weiter als das, wofür er stehen soll.

Viele vergleichen euch gerne mit Coldplay oder Sigur Ros. Als Hauptkriterium kommt immer wieder deine Kopfstimme ins Spiel…
Ich glaube, das ist aus der Not heraus geboren, um auch Menschen unsere Musik näher zu bringen, die gerade mal Coldplay kennen. Zwar haben wir weder von der Art unserer Musik, noch von den Inhalten, die wir transportieren, viel mit Coldplay gemeinsam, aber wenn dadurch mehr Leute auf uns aufmerksam werden, bin ich mit diesem Vergleich einverstanden. Schließlich hätte es uns schlimmer erwischen können. (lacht)

Apropos schlimm. Ihr steht kurz vor eurer ersten eigenen Tour. Als Supportact musstet ihr unter anderem schon für Juli eure Knochen hinhalten. Wirkt ein wenig wie das typische Lehrgeld, was eine unbekannte Band bezahlen muss, um auf sich aufmerksam zu machen?
Das war sehr schwierig. Wenn man eine Vorgruppe für eine Band wie Juli ist, muss man genau aufpassen, wie die Setlist auszusehen soll. Einen krachigen Song wie “Tür” kannst du da natürlich nicht spielen. Das Publikum in den ersten Reihen ist meist halb so alt wie wir und an die sanften Töne ihrer Lieblingsband gewöhnt. (lacht) Deren Eltern mochten unsere Musik und wir verkauften jede Menge Alben an den Abenden. Es gab aber auch Momente, wo Voltaire auf der Bühne ganz sie selbst waren. Bei unserer Tour mit I Am Kloot hatten wir sehr gute Resonanz und experimentierten viel: Gitarrengeschrammel und ausufernde Fade-Outs inklusive.

Man hört immer wieder, dass Debütplatten nur eine Momentaufnahme sind. “Heute Ist Jeder Tag” klingt jedoch sehr reif und rund, nach vielmehr als nur einem flüchtig eingespieltem Werk. Was darf man in Zukunft von euch erwarten?
Ich hoffe, eine ganze Menge. Mich persönlich reizt die Elektronik sehr. Vielleicht experimentieren wir auf der nächsten Platte mehr damit. Aber ganz ehrlich, ich mache mir da wenig Gedanken. Es hat so lange gedauert, endlich unser Debüt zu veröffentlichen, dass ich diesen Moment erst einmal auskosten möchte.

Um die Zukunft müssen sich Voltaire wohl keine Gedanken machen. Auch wenn manche entsetzt die Nase rümpfen werden und fragen: Ist das noch Diskurspop oder schon ein philosophisches Seminar? Lasst euch gesagt sein, beides! Und mehr. Nämlich Musik, die über den Durchschnitt und letztendlich auch über sich selbst hinauswächst. Wer sich darauf einlässt, wird mit dem stärksten deutschsprachigen Debüt seit Blumfelds 92er “Ich-Maschine” belohnt. Mit Platten wie dieser könnte Pop-Musik aus Deutschland auf Jahre hinaus unschlagbar sein.

Text: Marcus Willfroth