Mit einem Instrumentarium wie zu Vaters Zeiten huldigt das australische Trio Wolfmother dem Hardrock der 1970er von Bands wie Black Sabbath und Led Zeppelin. Da die Truppe darüber hinaus aber durchaus solide im hier und jetzt verankert ist, und die Begeisterung für die Schlaghosen- und Langhaar-Ära des Rock überzeugend mit jetztzeitlicher Indie-Rock-Attitüde konterkariert wird, sind Wolfmother nicht nur keine reinen Revivalisten, sondern schlicht und ergreifend eine der spannendsten Bands des Frühlings.

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Andrew Stockdale hat Magenprobleme. Während wir in einem Berliner Hotelzimmer mit Chriss Ross (Bass, Keyboars) und Myles Heskett (Drums) plaudern, kriegt der Afro-gelockte Sänger des Trios gerade „eine Spritze in den Arsch gejagt.“ Erstaunlich ist das in sofern, als dass Stockdale sich nur wenige Stunden zuvor zumindest dem Schein nach noch bester Gesundheit erfreute. Als er mit den Kollegen das Berliner Rosis bei der bislang ersten und einzigen Wolfmother-Show in seinen Grundfesten erschütterte. Aber: „Wir alle waren ziemlich am Ende gestern, nicht nur Andrew. Seit Ende Januar sind wir quasi ununterbrochen unterwegs – Australien, USA und jetzt Europa – und so langsam fordert die Kombination aus schlechter Ernährung, dem Reisen und wenig Schlaf mit abendlichen Konzerten und zig Interviews ihren Tribut.“ – wie lange geht das noch so weiter? – „Hoffentlich bis ans Ende unseres Lebens!“. Könnte durchaus sein.

Der Anfang jedenfalls ist gemacht: Der NME freut sich vor Wolfmothers UK-Debüt auf ‚die Band, über die jeder spricht’, die New York Post sieht die Band derweil als ‚Vorreiter eines weltweiten Hardrock-Revivals’. Kollegen von Pearl Jam bis zu den Flaming Lips sind begeistert. Und: in der Heimat gab’s vor kurzem gar Platin fürs dort bereits erschienene, von Dave Sardy produzierte Debüt. Nicht schlecht. Auch wenn Ross zugibt, “dass man dafür bei uns nur ungefähr 50 Platten verkaufen muss, Australien macht gerade einmal vier Prozent des Musik-Weltmarkts aus”.

Im Berliner Rosis scheinen all dies schon mehr Leute zu wissen, als man bei einer Band ohne Album-Veröffentlichung erwartet hätte. Die Schlange derer, die nicht mehr rein gekommen sind, erstreckt sich endlos über den vom stundenlangen Regen aufgeweichten Innenhof. Feucht ist es auch drinnen. Der Schweiß tropft förmlich von den Wänden. Es ist okay, im Zusammenhang mit Wolfmother solch vermeintlich billige Floskeln zu benutzen, weil das hier ja mal wieder so richtig verschwizt-breitbeiniger Rock mit kapitalem R ist. So was hört man nicht mehr so oft und entsprechend bunt gemischt ist das Publikum: Wolfmother vereinen trendiges kenn-ich-weiß-ich-hab-ich-schon-gehört Szene-Folk mit Indie-Seitenscheiteln und Biker-Prolls und gewöhnlicher Rock-Crowd in einer orgiastischen Zelebration urwüchsigen Hard-Rocks klassischer Prägung. Samt Orgel-Passagen und Helium-Gesang, aber zu keinem Zeitpunkt cheesy oder aufgesetzt. Stockdale singt um sein Leben. Man fragt sich: Wenn das hier, siehe oben, ein schlechter Tag ist, was verdammt noch mal passiert dann, wenn die Jungs ausgeruht sind?

Wissenswertes über Wolfmother:
Die Band macht zwar klassischen Hardrock, Stockdale klingt mitunter wie der junge Ozzy Osbourne, ist aber in Gestus und optischem Erscheinungsbild weder macho noch chauvinistisch. Trotz Querflöten wie bei Jethro Tull, Schweineorgeln wie bei Deep Purple, Texten über Einhörner und einem vom Kult-Fantasy-Zeichner Frank Frazetta gestalteten, relativ scheußlichen Cover-Artwork wie bei Ronny James Dio sind die Drei aus Sydney Underground und irgendwie indie.
Wolfmother wissen, dass man den Blus kennen muss, um überzeugend rocken zu können und haben außerdem Bands wie Soundgarden, Kyuss und die White Stripes verinnerlicht. Das Wichtigste aber ist: Diese Jungs können Songs schreiben.

Punkig-lärmende wie ‚Apple Tree’’ ebenso wie epische Led-Zep-Balladen wie
‚Where Eagles Have Been’.
Geplant war übrigens gar nichts: „Tatsächlich haben wir über Dinge wie Image oder was gerade wohl angesagt ist überhaupt nicht nachgedacht, da unsere Musik in absoluter Isolation entstand. Jahrelang haben wir uns, zunächst nur aus Spaß, später schon mit klarerer Zielsetzung, einfach nur im Proberaum getroffen und gespielt, worauf wir Lust hatten. Lange Zeit hatten wir nicht einmal richtige Songs. Folglich hatten wir auch nicht die geringste Ahnung, wie unsere Musik ankommen würde, als wir damit an die Öffentlichkeit gegangen sind.“

Retro hatten wir ja in den letzten Jahren schon in jeder vorstellbaren Variante. Wenn uns jetzt tatsächlich noch mal jemand den Hardrock neu beibringen soll, dürfen das sehr gerne Wolfmother sein. Zur Not auch mit Querflöte.

Text: Torsten Groß