Joachim Deutschland sagt, was er denkt! Das machte er ja auch schon 2003, als er z.B. auf seiner Single ‘Marie’ mit der Ex mehr als deutlich abrechnete: “Du Schlampe, Du Drecksau – ich hoffe, es geht dir schlecht.” Leider war auf dem Debüt-Album ‘Musik Wegen Frauen’ die musikalische Umsetzung meistens eher zwiespältig. Derbe Ansagen, harte Gitarren, aber teilweise extrem poppiger Gesang. Auf ‘Rock Sei Dank’ (Chet/Sony) ist ihm nun die Mischung besser gelungen. Gesang und Grundstimmung der einzelnen Songs sind diesmal besser auf einander abgestimmt. Da das bluesige ‘Jane’, hier das punkige ‘It Ain’t Easy’ und dazwischen das poppig-fröhliche ‘Muscheln’. Dass Joachim aber trotzdem noch immer sagt, was er denkt, stellt er mit der ersten Single ‘Ein Wenig Anarchie’ klar. Wobei er sich sicherheitshalber doch ein wenig selbst zensiert hat!

In ‘Ein Wenig Anarchie’ heißt es: “Wir brauchen eine -Piep- für den Vatikan/ und als nächster ist das Weiße Häuschen dran”. Warum diese Selbstzensur?
Da habe ich mich selbst zensiert, weil es sehr radikal ist, das zu sagen. In der heutigen Zeit muss du da echt aufpassen. Das Ding ist, dass ich was erreichen will mit meiner Musik. Das meine ich nicht kommerziell, sondern ich will die Leute berühren. Wenn ich da von vornherein Vorurteile schaffe durch einzelne Worte wie z.B. einen Album-Titel wie ‘Arschwichser’, wäre das nicht gut. Dazu hätte ich die Freiheit. Aber was ist mit den Leuten, die nur wegen dieses Titels das Album nicht hören würden? So was musst du abwägen! Die Leute sollen die Musik hören und dann entscheiden, ob sie das gut finden. Und nicht wegen eines Wortes sauer sein. Nur wegen so einem Wort werde ich immer wieder abgelehnt. Und das ist eine schmerzhafte Erfahrung!

Wie ist ‘Ein Wenig Anarchie’ gemeint? Ist das die Lösung unserer Probleme?
Dieses Lied ist kein Lösungsvorschlag! Mit Anarchie ist nicht der politische Zustand des Chaos gemeint, bei dem an das Gute im Menschen geglaubt wird. Also dass sich die Menschen, wenn sie völlig frei sind, zum Guten entwickeln und sich nicht alle umbringen. Das Lied handelt davon, dass du dir im Kopf diese absolute Freiheit erhältst. Viele Grenzen und Regeln werden vom System nur suggeriert, existieren aber eigentlich so gar nicht. Sie dienen nur dazu, dich an der Hand zu halten. Gerade in Amerika. Ich habe das Lied geschrieben, weil dort die armen Leute und Minderheiten keine Chance haben. Es ist eben nicht das Land der großen Freiheit!

Eine Zeile in ‘Das Schaf’ erinnert mich an den Film ‘Die Fetten Jahre Sind Vorbei’: “Allein, zu zweit/ich seh’ das Ziel, es ist nicht weit./ Doch wenn man einmal da ist/ und sich vollfrisst/besteht die Gefahr,/dass man vergisst,/ wo man vorher war.” Ist das auch als eine Erinnerung an die Leute gemeint, damit sie nicht vergessen, wo sie herkommen?

Genau so ist es! Wenn ich jetzt auf jeder Bühne gespielt hätte, könnte es dann sein, dass ich mich voll fresse, zurücklehne und vergesse, wie ich da eigentlich hin gekommen bin? Das will ich mir immer vor Augen halten. Prince z.B. hat das nie vergessen. Immer, wenn er durch die großen Hallen tourt, spielt er auch in kleinen Clubs unter einem anderen Namen. Das ist sein Ding. Ich bin Rockmusiker und spiele gerne in kleinen Clubs. Das möchte ich nie vergessen!

Gefiel dir am Titel ‘Rock Sei Dank’ eigentlich einfach nur der Wortwitz oder steckt auch da mehr dahinter?

Ein Musiker, der versucht, verschiedene Stile in seine Musik einzubringen, ist meiner Meinung nach andauernd mit der Selbstdefinition konfrontiert. Wenn ich einfach Metal machen würde, wäre das eindeutig. Ich habe viele Pop-Einflüsse. Aber es gibt auch Teile, bei denen ich darauf bestehe, dass sie sehr hart klingen sollen. Der Titel war für mich ein Stempel: Okay, das ist ein Rock-Album! Die Idee kam mir in einem Moment, als ich wirklich sehr dankbar für die Musik war. Da geht es mir nicht um den Wortwitz, sondern das war durchaus ernst gemeint!

Text: Holger Köhler

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