Sinéad O’Connor zählt zu den kontroversesten Popsängerinnen der letzten zwei Jahrzehnte. Ein irischer Dickschädel wie er im Buche steht. Die Gesangskünstlerin mit der unverkennbaren Stimme, die mehr als einmal ihren Rückzug vom Musikbusiness angekündigt hat, ist durch ihre eindringliche Interpretation des Prince-Songs “Nothing Compares 2 U” weltberühmt geworden. Sinéad O’Connor hat aber auch durch radikale Meinungsäußerungen, etwa als Befürworterin der IRA oder harsche Gegnerin der katholischen Kirche, immer wieder heftige Reaktionen hervorgerufen. Außerhalb jeder Diskussion standen dagegen ihre außergewöhnlichen künstlerischen Fähigkeiten, wobei die nun vorliegende Compilation eine besondere Facette ihres Schaffens hervorhebt und sie als experimentierfreudige Kollaborateurin für Popmusik jeglicher Couleur präsentiert. “Collaborations” ist ein Album, auf dem sich zwar kein einziger neuer Song befindet, jedoch macht die atmosphärische und zwingende Abfolge der Tracks das Album zu einem in sich geschlossenen Werk und bietet so die Chance, Sinéad O’Connor neu zu entdecken.

Dabei stellen die 17 Song-Kollaborationen noch nicht einmal all die zahlreichen künstlerischen Aktivitäten dar, die Sinéad O’Connor über ihre Soloalben hinaus unternommen hat. Gleichwohl spiegelt die exzellente Zusammenstellung den rastlosen Geist wider, der Sinéad von jeher inne wohnt. Zugleich wirft das Album Schlaglichter auf zwei Dekaden anglo-irischer Popfusion, bei der für sphärischen TripHop von Massive Attack und bombastischen Rock von U2 ebenso Platz ist wie für abenteuerliche Weltmusik von Jah Wobble und Peter Gabriel sowie für die folkloristische Intimität eines Damien Dempsey.

Die 1966 in Dublin geborene Sinéad O’Connor hatte keine glückliche Kindheit: Von ihrer Mutter misshandelt, wird sie wegen Ladendiebstahls inhaftiert, von der Schule verwiesen und landet schließlich im Internat. Popmusik entdeckt sie erst als Jugendliche. Besonders die Smiths und Soullegende Aretha Franklin haben es ihr angetan. Entdeckt wird sie von dem Sänger von In Tua Nua, einer von U2 protegierten Band. Später singt Sinéad in einem Café in Dublin Dylan-Songs und wird 1985 von Ensign unter Vertrag genommen. Noch bevor sie 1987 ihr spektakuläres Debütalbum “The Lion And The Cobra” veröffentlicht, nimmt sie für den Soundtrack des Films “Captive” gemeinsam mit dem U2-Gitarristen The Edge den Song “Heroine” auf, der den frühesten Beitrag auf “Collaborations” bildet. Auch wenn Sinéad O’Connor ihren irischen Landsleuten von U2 später einmal vorwerfen wird, dass ihre Musik zu bombastisch sei und die irischen Wurzeln nicht ausreichend berücksichtige, arbeitet sie zehn Jahre später wieder mit U2. Für den Soundtrack zu Wim Wenders’ Film “The End Of Violence” singt sie mit Bono im Duett “I’m Not Your Baby”.

Zu den frühen Kreativpartnern zählten auch der ehemalige Specials-Sänger Terry Hall und Matt Johnson, Kopf der Band The The. Für Terry Halls Band Colourfield übernahm sie bei “Monkey In Winter” die Lead-Vocals, die sie sich ein paar Jahre später für eine höchst originelle Coverversion von “All Kinds Of Everything”, im Original der Grand-Prix-Siegertitel von Dana aus dem Jahr 1970, redlich teilte. Ihr Gespür für sinnlich-sinistre Atmosphäre stellte sie bei dem packenden Duett “Kingdom Of Rain” aus dem 1989er The-The-Album “Mind Bomb” unter Beweis, bei der Johnny Marr, der Ex-Gitarrist der Smiths, zu hören ist.

Hatte sich Sinéad O`Connor gegen Ende der Achtziger in der britischen Musikszene langsam etabliert, erfolgte mit dem Jahr 1990 der Sprung zum internationalen Superstar. Mit dem Video zu “Nothing Campares 2 U”, dem Smash-Hit, der in 17 Ländern die Charts anführen sollte, zog eine Träne Sinéads rund um die Welt. Das dazugehörige Album “I Do Not Want What I Haven’t Got” avancierte zum internationalen, sechsmillionenfach verkauften Bestseller. Mit dem Erfolg kamen die Kontroversen. In einer amerikanischen Fernsehshow zerriss Sinéad O’Connor aus Protest gegen die starre Haltung der katholischen Kirche in puncto Abtreibung ein Photo des Papstes. Das und ihre Weigerung, in einem Club in New Jersey aufzutreten, weil dort vor jedem Konzert der Star Spangled Banner gespielt wird, brachten Sinéad O’Connor Anfang der Neunziger besonders in den USA viele Feinde ein.

Neben ihren beiden Soloalben “Am I Not Your Girl?” (1992), eine Sammlung mit leisen Coverversionen von Popklassikern und Jazz-Standards, und “Universal Mother” (1994), ein mediokres und zuweilen sentimentales Werk, auf dem nur selten das Genie der Künstlerin aufblitzt, scheinen ihre anderen künstlerischen Engagements zu jener Zeit von ungleich größerer innovativer Kraft. Man höre nur das hypnotische und fernöstlich anmutende “Visions Of You” von Jah Wobble’s Invaders Of The Heart, bei dem die Gesangslinien von Wobbles kongenialem Bass begleitet werden. Oder “Blood Of Eden”, ihr 1992er Duett mit Peter Gabriel, wobei sich hier die beiden außergewöhnlichen Stimmen geradezu becircen und umschmeicheln. Pop als Seance.

Mitte der Neunziger zeigte Sinéad O’Connor mit dem Album-Track “Empire” für den britischen Dance-Act Bomb The Bass ihre Vorliebe für Reggae, die schon auf ihren Soloalben sporadisch aufgetaucht war. Im Duett mit dem Reggae-Poeten Benjamin Zephaniah und mit besonderer Unterstützung des Bandleaders Tim Simenon, der auch “Universal Mother” produziert hatte, schien sich Sinéad besonders wohl zu fühlen. Auch ihre Mitwirkung an der Single “1000 Mirrors” von Asian Dub Foundation, die vor zwei Jahren erschien, steht stellvertretend für eine weitere Reggae-orientierte Produktion.

Während sich die Irin mit eigenen Veröffentlichungen in der zweiten Hälfte der Neunziger sehr zurückhielt und lediglich eine einzige EP (“Gospel Oak”, 1997) veröffentlichte, zeigte sie sich im Verbund mit anderen Künstlern weiterhin offen und experimentierfreudig. Lockerheit strahlen sowohl der 99er World-Beat-Track “Release” vom Afro Celt Sound System aus als auch ihr Beitrag zum Ian-Dury-Tribute-Album “Brand New Boots And Panties” aus dem Jahr 2001, an dem sich auch Robbie Williams, Paul McCartney und Madness beteiligten und für den Sinéad eine originelle Version von Durys Hit “Wake Up And Make Love With Me” aufnahm. Im selben Jahr unterstützte sie die aus Dublin stammende Band Aslan bei der Pianoballade “Up In Arms”.

Zu den eher dance-orientierten Arbeiten zählen Ghostlands atmosphärischer Dancefloor-Thriller “Guide Me God”, der Sinéad mit Natacha Atlas zusammenbrachte; das elegische “Harbour” aus Mobys Album-Bestseller “18”; “Tears From A Moon”, eine Tribal-Nummer vom kanadischen Elektronik-Pionier Rhys Fulber respektive seinem jüngsten Projekt Conjure One; und schließlich “Special Cases”, die vor zwei Jahren erschienene Single von Massive Attack aus deren Studioalbum “100th Window”.

Die jüngste Studioarbeit führt Sinéad O’Connor mit dem irischen Folksänger Damien Dempsey zusammen. “It’s All Good” aus dessen Album “Seize The Day” korrespondiert durchaus mit Sinéads letztem offiziellen Studioalbum “Séan-Nos Nua” aus dem Jahr 2002, auf dem sie ausschließlich irische Traditionals interpretierte. Das Album “Collaborations” wiederum erweist sich als perfekte Ergänzung zu ihrem 2003 veröffentlichten Doppelalbum “She Who Dwells In The Secret Place Of The Most High Shall Abide Under The Shadow Of The Almighty”, einer nicht nur im Titel opulenten Werkschau mit Studio- und Liveaufnahmen.

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