Kaum jemand hätte mit der musikalischen Resozialisierung der schönen Hansestadt gerechnet. Zu groß war das Loch, das die Hamburger Schule in das eigene kleine Musikuniversum gerissen hat, zu groß die allmähliche Verwaschlappung der einst brausenden Musikszene. Und doch, es gibt ihn, den Tag nach Tocotronic. Natürlich ist er jung, wild und präsentiert nicht selten den geputzten Stinkefinger. Verantwortlich für die Wiederbelebung sind adolszente Riot-Punk-Elektro-Bands. Heißestes Pferd im Stall ist das weiblich-männlich Duo Spillsbury. Beide legten 2002 mit ihrem Musikkrawall am Hamburger Hafen an und schlagen seitdem auf Pauken und Trompeten. Charmant, ehrlich, brutal. Und das, obwohl Zoe Meißner und Tobias Asche im wesentlichen nur altes neu verpacken. Annette Humpe-Frühpunk, Nirvana-Soundeskapaden und Youth-Power-Ideen.

Die beiden Mitte Zwanziger gehören zu der Generation, die mit der gescheitelten Jugendbewegung aufgewachsen ist, der aber die alte Trainingsjacke nicht mehr passt. Dennoch, das geschriene „Fuck You!“ ist omnipräsent. Zu Hause, auf Arbeit und auf der Bühne. Von hier aus ballern Spillsbury seit geraumer Zeit alles weg, dass sich auch nur annähernd in ihren Weg stellt. Benzin für den Riot Motor sind die unglaublich guten Texte, Dancefloor-Bassläufe, das Kindercasio-Piepsen und Punkgeschrei von Frontfrau Zoe Meißner.

Zu Hause sind die beiden, wie könnte es anders sein, beim hanseatischen und geschmacksicheren L’Age D’Or. „Alles was wir tun und lassen geht euch überhaupt nichts an.” Genau. Deshalb der leise Riot der Herzlichkeit. Hier und jetzt, bitte! 2002 erscheint eine erste 4-Track-12″ (wird im November als Maxi-CD mit zwei Bonus-Songs wiederveröffentlicht), die der laute Vorgeschmack auf das Debütwerk ist.

„Mit 180 Richtung Weiß-Noch-Nicht. Lass uns einfach gehen!“

Der Name der Band ist Quintessenz und Masterplan in einem: Versagen oder Fehlschlagen, Unzufriedenheit mit den anderen und ganz viel mit sich selbst. Keine Friede Freude Eierkuchen-Gaukelei, nur brutale Ehrlichkeit, die wild zum Commodore-Bass tanzt.

Entstanden ist das Projekt aus der fünfköpfigen Punkband One Thirty, die sich mit Melody-Core samt englischem Frauengesang vor allem an Bambix anlehnten. Zoe Meißner und Tobias Asche kapselten sich ab und schlossen sich für mehrere Monate im Wohnzimmer-Studio ein. Das war 2001. Heraus kam Musik für durchdrehende Abiturienten und Kniekehlenrocker.

Das 2002er Debüt ist nur die gelungene Weiterführung des „1, 2, ,3!“ Punkrocks. Keine Kompromisse, kein Von-Außen-Hinein-Geradere. „Raus“ ist ein Wirbelwind in der lahmenden deutschen Musiklandschaft. Grund genug, sie aufs Cover der Intro zu packen. Dennoch, der große Durchbruch gelingt Spillsbury nicht. Der Plattenverkauf bleibt hinter den Erwartungen, die Band verabschiedet sich in eine längere Pause, die nur durch die tolle „Was Wir Machen”-12“ Mixplatte (unter anderem mit Kid Alex) unterbrochen wird.

Ende 2005 kehrt das Duo zurück. Im Gepäck haben sie die grandiose zweite Platte, die den schlichten Namen „2“ trägt. Auf ihr 14 Lieder irgendwo zwischen Bassgewitter und Pop-Appeal. Vitaler, abwechslungsreicher Dance-Punk mit dem Prädikat sehr gut.

Hans Erdmann