Feurige Rhythmen, große Gefühle und leidenschaftliche Texte sind die Markenzeichen des Latino-Rock, der bei uns immer mehr Aficionados (sprich Fans) findet.

Im Sommer 2005 toppte der Kolumbianer Juanes die deutschen Charts gleich doppelt: Mit “Mi Sangre” stand er an der Spitze der Albumcharts, sein “La Camisa Negra” thronte auf der Pole-Position des Singles-Startreihe. Das Vorläufer-Album “Un Dia Normal” verkaufte allein in den Vereinigten Staaten über eine Million Kopien, Juanes kassierte vier Latin Grammies, der aktuelle Dreher hat weltweit inzwischen drei Millionen abgesetzt und in diesem Jahr ist der Mann mit Wohnsitzen in Miami und Medellin wieder für einige Latin-Grammys nominiert. Damit ist der smarte Latino-Rocker Vorreiter einer Bewegung, die – wie die meisten Trends – aus den USA kommt. Auf 35 Millionen ist die Zahl der Latinos im Land inzwischen angewachsen, täglich kommen neue Immigranten aus Zentral- und Südamerika hinzu. So ist ein Markt entstanden, von dem nicht nur glatt polierte Hochglanzstars wie Shakira, Ricky Martin und Enrique Iglesias profitieren, auch alternative Klänge erreichen steigende Verkaufszahlen. Der folgenden Bericht soll einige der heißesten Talente des Latino Rock vorstellen, erhebt freilich keinen Anspruch auf Vollständigkeit – dazu ist die Szene zu bunt und belebt.

Juanes

Allgemein lässt sich sagen, dass die Lieder von Latino Rockern und -Songwritern häufig wesentlich farbiger und hitziger sind als unsere Musik im kühlen Norden. Sie hat stark gefühlsbetonte Gesänge, poetische Texte und vor allem furiose Rhythmen. Maná aus Mexiko gehören zu den Stars der Szene. Weltweit berühmt wurden sie durch ihren Song “Corazon Espinado” auf dem “Supernatural”-Album von Carlos Santana, das mehr als 21 Millionen Exemplare weltweit verkaufte. Zusammen mit Santana tourten sie anschließend durch die USA und spielten in 32 ausverkauften Hallen.

Seit dem Beginn ihrer Karriere haben Maná 16 Millionen Alben abgesetzt, auf jedem Dreher befanden sich etliche Single-Hits. Chefkomponist und Sänger Fher Olvera schreibt bevorzugt in einfachen Worten über große Gefühle, die er in unglaublich eingängige Melodien gießt. Im Interview auf die einfache Lyrik angesprochen, fragt Maná-Trommler Alex Gonzales zurück: “Wieviel Prozent der Weltbevölkerung sind intellektuell? Fünf Prozent vielleicht. Fher kann durchaus komplexe Lyrik schreiben, aber wir wollten immer eine populäre Band sein. Warum soll man Dinge komplizieren? Die meisten Dinge sind doch ganz einfach.”

Gegründet wurden Maná im Jahr 1987, allerdings kannten sämtliche Mitglieder sich bereits zuvor. Basser Juan Calleros und Frontmann Olvera hatten zusammen bei Sombrero Verde gespielt, eine der ersten Latino-Rock-Bands, die in Spanisch sang, davor war Englisch die angesagte Sprache der lateinamerikanischen Szene gewesen. “Wir mögen Rock´n´Roll, doch wir öffnen unsere Fenster in alle Richtungen”, beschreibt Rock-Poet Fher ihren musikalischen Stil. “Wir nutzen Reggae, Salsa, Calypso, Flamenco, kubanischen Son und auch traditionelle mexikanische Folklore.” Ihr Name habe eine Menge Bedeutungen, fährt er fort, “in der Bibel heißt das Brot, das vom Himmel fällt, Maná. Im Polynesischen bedeutet es positive Energie. Unser Name hat keine religiöse Bedeutung”, betont Olvera und weist darauf hin, dass er nicht der Kirche angehört, was in einem streng katholischen Land wie Mexiko höchst ungewöhnlich ist.

Manás außer-musikalisches Engagement gilt vor allem Umweltschutz und Menschenrechten, seit Jahren arbeitet die Band mit Greenpeace und Amnesty International zusammen. Die Bedeutung von Maná in ihrem Heimatland ist inzwischen so groß, dass Fher Olvera sogar vom mexikanischen Präsidenten Vicente Fox empfangen wurde. “Ich habe mit ihm konkret über Ökologie geredet. Unsere Projekte etwa im Dschungel und am Strand brauchen Telefone, um die Militärs zu rufen, wenn wir Wilderer und Räuber, die Eier von bedrohten Tierarten stehlen, ertappen. Wir redeten auch über die Lage der Indianer in Chiapas, die um ihre Rechte kämpfen. Er hat mir zugehört und sich bedankt”, erinnert sich der Maná-Frontmann, ohne allzu große Hoffnungen in die Politik zu setzen.

Chencha Berrinches

Auch die Wurzeln von Chencha Berrinches (deutsch: Wutanfälle alter Schachteln) liegen in Mexiko. Von hier wanderten ihre Eltern nach Kalifornien, auf der Suche nach Jobs und Wohlstand. Die sieben “Chicos” bezeichnen sich als “offizielle Repräsentanten” der Latinogemeinde in Los Angeles. Spielen sie live, strömen tausende fanatische Jugendliche lateinamerikanischer Abstammung in die Hallen. Wenn Chencha Berrinches ihren flammenden Ska-Punk entfesseln, geht die Post ab. Davon legt auch ihr zweites Album “Cada Loco Con Su Tema” (etwa: Jedem Verrückten sein Thema) Zeugnis ab. Die Toten Hosen waren von dem feurigen Cocktail so begeistert, dass sie das Septett ins Vorprogramm ihrer letzten Tour baten. Den Kontakt hält Hosen-Gitarrist Breiti, der hervorragend Spanisch spricht und zudem ein profunder Kenner des südamerikanischen Fußballs ist. Wiederholt tourten die Düsseldorfer Altbier-Vernichter in den letzten Jahren durch Südamerika und knüpften Freundschaften zu Bands wie etwa The Argies, einer argentinischen Punk-Band.

La Vela Puerca

Zu den ständigen Gästen auf deutschen Bühnen zählen La Vela Puerca (deutsch: Die schweinische Kerze, steht für Kräuterzigarette) aus Uruguay. Den Kontakt zum Oktett aus Montevideo hat “die beste Band der Welt” hergestellt, wie La-Vela-Sänger Sebastian Teysera berichtet. “Die Ärzte wollten in Südamerika auftreten, so nahmen wir sie mit und spielten elf Shows mit ihnen in Argentinien und Uruguay. Wir wussten nicht, wie riesig sie bei euch sind. So waren wir überrascht, als wir mit ihnen in den größten Arenen Deutschlands gastierten.” Hilfreich bei der Kommunikation zwischen beiden Kapellen ist Ärzte-Basser Rodrigo Gonzales, dessen Eltern aus Chile stammen. “Sie mussten während der Diktatur Pinochets fliehen. Rod lebt seit seinem fünften Lebensjahr in Deutschland und ist zweisprachig aufgewachsen”, weiß Teysera. Beinah alle lateinamerikanischen Länder wurden, zum Teil bis in die Achtzigerjahre hinein, von Diktatoren beherrscht. “In Städten wie Hamburg, München und Berlin trafen wir bei unseren Konzerten viele Exil-Uruguayer. Auch sie hatten unser Land verlassen, das von 1973 bis 1985 von Generalen regiert wurde. Für uns war es eine große Freude, sie zu begrüßen”, sagt Sebastian.

Wie auf ihrem aktuellen Album “A Contraluz” (Im Gegenlicht) zu hören, spielen La Vela Puerca einen Mix aus Ska, Rock und Candombe. Letzteres ist eine lebendige Tradition in Uruguay, die auf die schwarzen Sklaven zurück geht. In den Wohnvierteln der Städte treffen sich Anwohner am Wochenende, um auf der Straße zu trommeln. “In der Zeit der Diktatur gab es viele Rock-Bands, die düstere Lieder intonierten. Wir gründeten uns nach der  Militärherrschaft und wählten als Reaktion darauf Ska, weil es eine fröhliche Musik ist”, erläutert Teysera mit heiserer Stimme.

Wie La Vela Puerca ist auch Überflieger Juanes bei dem Label Surco unter Vertrag. Surco wird vom Doyen des Latino Rock, Gustavo Santaolalla, betrieben. Der Argentinier mit Wohnsitz in LA ist der “Goldfinger” der Szene, nahezu alles, was er anfasst, wird zu Gold. In den Jahren zuvor hatte Gustavo bereits als Filmkomponist Furore gemacht, zu seinen erfolgreichsten Soundtracks zählen “Die Reisen des jungen Che” und “21 Grams”. Unter dem Namen Bajofondo Tango Club startete er jetzt eine Band mit jungen Musikern, die einen Alternative-Electronica-Tango hinlegt, dessen Poesie schlicht zauberhaft ist.

Bajofondo Tango Club

“Meine erste professionelle Aufnahme machte ich mit 16 in Argentinien als Teil meiner Band Arco Iris”, berichtet der vielseitige Allrounder, der als Gitarrist begann. “Damals wollte ich Musik spielen, die meine Herkunft wider spiegelt, argentinische Folklore. Daneben wuchs ich mit den Beatles auf. In den Sechzigern gab es einen Moment der Revolution, es gab Drogen, Experimente, die Anti-Kriegsstimmung und ökologische Bewegung – es war eine unglaubliche Zeit!” Gustavo und Arco Iris (deutsch: Regenbogen) spielten Rock-Musik mit spanischen Texten, eine absolute Neuheit damals. “Das hatte natürlich mit unserem spanischen Erbe zu tun, aber viele Argentinier haben auch italienische Wurzeln. Zudem interessierte ich mich stets für die Kultur der Eingeborenen.”

In den Sechzigern regierte eine strikte Miltär Junta das Land der Gauchos. Sie sperrte den jungen Rocker zwischen seinem 15. und 27. Lebensjahr zahllose Male ein, bis der schließlich in einen Zustand ständiger Paranoia verfiel und in die USA auswandern musste. “30.000 Menschen sind damals spurlos verschwunden. Ich gehörte keiner politischen Partei an, ich lebte als Musiker, das reichte den Behörden, mich zu verfolgen.” In Los Angeles begann er 1978 wieder bei Null. Der erste Musiker, den er produzierte, war Leon Geico. “Er ist eine Mixtur aus Woody Guthrie und Bob Dylan, eine argentinische Ikone. Mit ihm machte ich 1984 eine Reise nach Argentinien. Wir machten Aufnahmen mit alten Folkmusikern – ähnlich wie der Buena Vista Social Club nur 15 Jahre früher.”

In den Achtzigern fand Gustavo die großartigen Café Tacuba und viele andere Latino-Bands. Der nächste Schritt war die Gründung seines Labels ‘Surco’. Mit den bereits erwähnten Juanes und La Vela Puerca sowie Bersuit (Argentinien), Café Tacuba (Mexiko), Molotov (Mexiko) und etlichen anderen ist Surco inzwischen eine starke Kraft im ständig wachsenden Markt des Latino-Rock. “Ich versuche, mit den Musikern meines Labels zu arbeiten, es ist wie ein Haus, du willst es größer und stärker bauen. Daneben produzierte ich aber auch andere Künstler wie das Kronos Quartett und die Sopranistin Dawn Upshaw.”

Nebenher komponiert er weiterhin Musik für neue Hollywoodfilme, wie etwa “Brokeback Mountain”, in dem es um schwule Cowboys geht. “Das war eine große Herausforderung und ich liebe Herausforderungen”, lacht er. Sein Lieblingsprojekt ist indes der Bajofondo Tango Club. “In Buenos Aires gibt es sehr viele junge Leute, die den Tango lieben. Zusammen mit den Alten tanzen sie in den Ballsälen, den Milongas, wo ein eigenes Flair herrscht.” Am Anfang vom Bajofondo Tango Club stand die Neugier: Wie würde die Musik vom Rio de la Plata zusammen mit Electronica klingen? “Es geht uns darum, auszudrücken, was in Städten wie Montevideo und Buenos Aires abgeht. Alle Arten von Musik sind Teil unserer Identität und Geschichte”, betont er und erzählt strahlend von einer weiteren Entdeckung, dem Sänger Cristóbal Repetto, dessen unglaubliche Stimme klingt wie eine 78er Schellackplatte. “Alles, was wir im Leben gehört haben, fließt beim Bajofondo Tango Club ein. Ich erinnere mich, wie mein Vater beim Rasieren Tangos sang, als Jugendlicher liebte ich die Beatles und Argentino-Folk, vor einigen Jahren entdeckte ich Moby – das alles sind Teile von uns.”

Text: Henning Richter