Ich dachte ich höre nicht richtig: „Never forget all the people living in Tibet…“ Im Taxi lief Berliner Rundfunk. „ Get good karma, support the Dalai Lama“ setzte sich der Reim auf einer Decke von oft gehörten Synthiesounds und begleitet von Dieter Bohlen Octavbässen fort. Der verschreckte Fahrer machte das Radio aus. Ich glaube es war ein typischer Fall von Fremdschämen. Ich reagierte leider nicht schnell genug, bat nicht darum, sofort wieder aufzudrehen und kann deshalb weder den Interpreten noch dessen Ernsthaftigkeit ausmachen.

Ich fürchte es war keine Satire, sondern bitterer Gutmenschenkapitalismus Ernst. Wenn man heutzutage bei eBay den Suchbegriff „Olympic Torch“ eingibt, fliegen einem auch gleich die Ads für „Free Tibet“ T-Shirts zum Schnäppchenpreis von Euro 32.50 um die Ohren. Warum sollte da die Musikindustrie nicht mitverdienen wollen? Tibet ist der neue Mainstream, da hilft auch keine diplomatische Protestnote aus Peking, da muss der Chinese und seine olympische Fackel einfach durch. Den einen (den Rechten) ist ungeheuer dass da ein sozialistischer Staat ansetzt möglicherweise die USA des 21. Jahrhunderts zu werden, den anderen (den Linken) ist es ungeheuer dass ein sozialistischer Staat kapitalistischer als die USA wird, um die USA des 21. Jahrhunderts zu werden. Und alle zusammen sind sich einig, dass der schmuzelnde, tibetanische Budhismus eine Wohlfühlreligion ist.

Wenn es irgend jemandem wirklich darum geht historisches (der Anschluß Tibets ans Reich der Mitte ist fast so lange her wie der zweite Weltkrieg und die damit einhergehenden, neuen Grenzziehungen in Europa…) Unrecht anzuprangern, dann hat man bei kommenden Olympiaden noch viel zu tun und zu dichten. Versteh mich bitte keiner faslch, was unrecht ist, muss man Unrecht nennen, aber eben nicht nur dann, wenn es einen gerade in den Kram passt. Egal ob Vancouver 2010, London 2012 oder Sotchi 2014 – alle auf absehbare Zeit vergebenen Spiele sind “historisch nicht ohne”.

Im Winter 2010 wird es fast am offensichtlichsten. Whistler, der Ort in dem alle alpinen Disziplinen der Olympiade von Vancouver ausgetragen werden, wurde just zu diesem Zweck gegründet. Das war schon vor fast 80 Jahren. Damals war die Bewerbung noch nicht erfolgreich, man bekam die Spiele nicht, die dort ansässigen Indianer hat man dennoch vorsorglich und unrechtmäßig aus ihrem Reservat vertrieben. Sie protestieren dagegen bis heute – erfolglos: „Do you hear the chief of Wistler singing his sad song? Him and his tribe got expelled – the white men were so wrong…“.

Zwei Jahre später plant man in London die olympische Flamme begleitet vom Union Jack um die Welt zu tragen. Die Athleten werden mit ihren Fackeln über sich auf dem Asphalt krümmende Afrikaner steigen müssen, die dort daran erinnern, wie ihre einst reichen Staaten noch Anfang des letzten Jahrhunderts von den Briten im Rahmen ihrer Kolonialpolitik ausgeraubt und zerschlagen und bis heutigen Tag dafür nicht entschädigt wurden. Unterstützen in diesem Protest werden sie die Katholiken Nordirlands, deren Land unrechtmäßig besetzt und deren Religion bis heute angeblich vor Ort unterdrückt wird. Wie die Chinesen einen Tibet-Minsiter, haben die Engländer auch einen Nordirland-Minister. „Sunday, bloody Sunday…“ wird dazu historisch korrekt im Berliner Rundfunk gespielt werden.

2014 sind wir dann alle gefragt. Anders als zuvor geht es nicht um andauernde Unterdrückung oder ungeheiltes, historisches Unrecht. Hier geht es um einen andauernden Bürgerkrieg den die Regierung Russlands gegen das von ihnen unterdrückte Volk in Tschetschnien führt. Wo die Tibeter „kulturellen Völkermord“ beklagen, kann man angesichts der Bilder, die einen noch heute aus Grosny erreichen, das Wort „kulturell“ glatt streichen. Dabei wollen die lokalen Aufständischen nur das gleiche erreichen, wie die Kollegen in Tibet: einen Gottesstaat. „Dschihad, Dschihad wir machen dem Putin die Spiele platt!“ werden wir dann alle, mit oder ohne musikalische Begleitung rufen.

Dabei werden wir uns stolz an die deutsche Nationalmannschaft erinnern, die 1978 bei der WM im Argentinien des Putschistengenerals Videla absichtlich gegen die Österreicher verlor, nur um ihren Titel nicht in einem Land mit Terrorregime verteidigen zu müssen. Damals fehlte nur der passende Song und die T-Shirts dazu, deshalb hat das keiner gemerkt… .

Beste Grüße
Euer Tim