Stephin Merritt ist ein findiger Typ, und was er macht, macht er konsequent. Sein Album 69 Love Songs (1999) bestand aus 69 Liebesliedern und auf i (2004) begannen alle Songs mit einem „i“. Sein neuestes Werk heißt “Distortion”, und das sagt eigentlich schon alles. Alle Instrumente auf Distortion schweben in einer Wolke von Feedbacks (außer den Drums), die einen herrlich verzerrten Gesamtsound verursachen. Und angesichts des unwiderstehlichen Power-Pops, den die Songs bieten, ist auch die Inspirationsquelle unüberhörbar. Denn wer sich noch an The Jesus & Mary Chain erinnert, der hat natürlich sofort „Psychocandy“ im Ohr, ein Album, das 1985 eine neue Dimension des Postpunk eröffnete. Aber wir haben 2007, und dies sind MAGNETIC FIELDS.

THE MAGNETIC FIELDS sind das Pop-Projekt des umtriebigen Stephin Merritt, der mit Bands wie Future Bible Heroes, The 6ths und The Gothic Archies immer wieder neu überrascht und im letzten Jahr mit dem unglaublichen Soloalbum Showtunes glänzte, auf dem er Auszüge der Zusammenarbeit mit dem chinesischen Theaterregisseur Chen Shi-Zeng niederlegte. „Viele meiner Fans scheuten sich, ein Album mit dem Titel Showtunes zu kaufen,“ witzelt er. „Und für all jene ist Distortion“.

„Ich wollte endlich mal ein Album mit dreiminütigen Popsongs aufnehmen, die ich dann in dreiminütige Power-Popsongs verwandele“, fährt er fort. „Das vorhergehende THE MAGNETIC FIELDS-Album war ein Softrock-Album und recht persönlich geprägt. Die Idee für Distortion lautete, in kurzer Zeit ein Album aufzunehmen, auf dem alle Songs gleich instrumentiert sind. Aber welchen Sound sollten sie dann haben? So wie das erste The Jesus & Mary Chain-Album! Also versuchte ich, den Sound von „Psychocandy“ auf den Pop der THE MAGNETIC FIELDS zu übertragen, zu dem schließlich auch ein Piano und ein Cello gehört. Und gelegentlich ein Akkordeon.“

Nun hat man bisher wohl kaum von einem Piano gehört, das ein Feedback erzeugt, aber Merritt war auch hier nicht um eine Lösung verlegen. „Wir wollten, dass das Album mehr nach The Jesus & Mary Chain klingt, als das Original. Und wir haben es geschafft, das gesamte Album mit einem Feedback-Piano zu instrumentieren. Wir haben einen Verstärker genommen, ihn gegen den Rahmen des Pianos gelehnt und so weit aufgedreht, dass er anfing zu kreischen. Ich ging einige dieser zigarettenschachtelgroßen Übungsverstärker kaufen und klebte sie an die Gitarre, so dass sie Teil des Instruments wurden. Sie wurden von Klebeband zusammengehalten und vibrierten untereinander und mit der Gitarre. Ein Akkordeon zum Pfeifen zu bekommen ist schon schwieriger, aber wir haben einen der kleinen Verstärker an den Balg geklebt.“ Lediglich das Schlagzeug wurde in natürlicher Form behalten. Oder fast: „Wir haben die Drums im Treppenhaus meines alten Apartments in der London Terrace aufgestellt“, erklärt der langjährige Manhattaner, der mittlerweile in L.A. lebt. „Aber da ich kurz darauf umgezogen bin, konnten wir ganz gut noch ein bißchen Lärm machen, Dieser enorme Boom der Kickdrum ist tatsächlich echt. Der Hall auf den Drums stammt von den gekachelten Wänden eines Treppenhauses mit 17 Stockwerken!“

Das aufregende Wall Of Sound-Kammerpop-Ensemble THE MAGNETIC FIELDS besteht aus Cellist Sam Davol, Pianistin und Drummerin Claudia Gonson, Gitarrist John Woo und Akkordeonspieler Daniel Handler, die Merritt bei der Durchführung der großen Idee tatkräftig unterstützten. Er selbst sang zunächst alle Lead-Vocals, entschloss sich aber, Shirley Simms dazu zu nehmen, die bereits auf 69 Love Songs zu hören war und nun einen Großteil der Songs singt. „Meine Stimme ist einfach nicht Pop genug“, so Merritt. „Also ließ ich Shirley das halbe Album singen. Ihre Stimme ist so Pop, wie es nur sein kann.“

Distortion wurde für Stephin Merritt zu einer Offenbarung. „Ich hatte mir vor einiger Zeit ein MC5-Greatest Hits-Album gekauft, und vor kurzem fiel mir auf, dass ich es noch gar nicht gehört hatte. Ich legte es auf und dachte: Oh Gott, es klingt wie mein neues Album!“ Aber es klingt nicht nur nach den Detroiter Punkvorvätern, es klingt auch viel nach Beach Boys, etwa beim Song mit dem naheliegenden Titel California Girls. Allerdings: Mit Zeilen wie „They ain’t broke, so they put on airs / the faux folk sans derrieres / They breathe coke and they have affairs / with each passing rock star / They come on like squares / then get off like squirrels / I hate California girls“ wird er sich in der sonnengebräunten Schicki-Micki-Surfgemeinde kaum Freunde machen.

Das Album beginnt mit Three-Way, einer großangelegten Soundwall mit bestem Sixties-/Early Eighties-Touch (irgendwo zwischen Seeds und Green On Red). Der einzige Text besteht aus dem Ausruf „Three-Way“, der immer mal wieder ins Gitarrensolo eingeworfen wird. Dann geht’s freilich etwas düsterer weiter.
Shirley Simms kommt auf The Nun’s Litany besonders schön zur Geltung, wo sie mit mädchenhafter Unschuld eine detaillierte Erotik-Wunschliste präsentiert. Merritt selbst liefert Geständnisse zur Sperrstunde im choral beginnenden Too Drunk To Dream, das zu einem fast Pogues-artigen Sing-Along wird. Merritt gesteht ein: Es ist ein 6/8-Takt, geschrieben in Dur und es ist ein Uptempo-Song. Aber es hat keinen lustigen Text, es ist sogar ziemlich traurig.“ (I gotta get too drunk to dream because I only dream of you).

Dagegen erinnert sein vibrierender Bariton auf Mr. Mistletoe, in dem ein verlassener Liebhaber in jedem Detail einer weihnachtlichen Straßendekoration einen Verrat erkennt, an das Gothic Archies Album „The Tragic Treasury“ von 2006. In Zombie Boy lässt er einen Jungen, der Tote wiederbelebt, um seine romantische Sehnsucht zu erfüllen, wie einen ganz sachlichen Typen wirken. Und im Closer Courtesans, der von Shirley auf klappernde Percussions und eine wabernde Fuzz-Gitarre gesungen wird, sinniert Merritt darüber, ob nicht alles viel einfacher wäre, wenn Sex eine elegante Transaktion zwischen zwei Körpern wäre, ohne dass immer die Liebe die physische Ausgewogenheit bricht. Man würde Shirley ja jedes Wort abnehmen, hätte sie da nicht diesen melancholischen Unterton in der Stimme…

Wenn der radikale Sound von Distortion auch einige Fans abschrecken könnte, ist es doch ein großes Pop-Album, dessen Songs durchaus auf die Bühne gehören. Sollte dieses aber geschehen, wird es anders klingen als das Album. „Wir machen immer Alben, die sich live kaum reproduzieren lassen, und so machen wir meist etwas anderes draus. Und wir spielen ausschließlich in Theatersälen, wo die roten Samtsessel die Leute daran erinnern, dass sie leise sein sollten.“ Insofern braucht niemand Angst um seine Ohren zu haben, zumal Merritt selbst jahrelang mit Gehörproblemen zu kämpfen hatte, die ihn zwangen, seine Verstärker leise zu drehen. „Jeder, der an dieser Platte mitgearbeitet hat, weiß, wie sich Dinge für mich anhören, wenn sie zu laut sind. Wenn ich die Schmusepopper Carpenters richtig laut höre, klingen sogar sie wie The Jesus and Mary Chain“. Aber letztendlich war es Sound, nicht Lautstärke, die Merritt zu Distortion inspirierte.
„Dies ist auf eine Art mein kommerziellstes Album“ schließt er. „Einige Leute mögen am Anfang abgeschreckt sein, aber ich empfehle, wenn es Euch zu laut wird, dreht es leiser und es wird sich sehr schön anhören.“

The Magnetic Fields sind:

Stephin Merritt
Claudia Gonson – percussion/piano/vocals
Sam Davol – cello
John Woo – banjo/guitar

Michael Hill © WMGG/tbe