Die sympathischen Briten The Miserable Rich sprechen im motor.de-Interview über Kammermusik, ihr aktuelles Album und Trinkkultur.

Das Quintett aus Brighton, einem Seebad an der Südküste Englands, zeichnet sich durch seinen charakteristischen Sound aus, welcher vor allem durch klassische Instrumente beeinflusst ist. So verzichtet die Band nach Möglichkeit auf elektronische Hilfsmittel und spielt ihre Indie/Rock-Songs mit Violine, Cello und Akustikgitarre. Kopf der Band ist Sänger und Frontmann James de Malplaquet, der die Band im Jahr 2006 mit dem Cellisten Will Calderbank gründete. Bis heute veröffentlichten The Miserable Rich nahezu im Jahrestakt Alben, zuletzt die aktuelle Scheibe “Of Flight & Fury”. motor.de traf die Band vor ihrem Konzert im Leipziger Cafe Paris Syndrom.

motor.de: Bereits im April und Mai seid ihr in Deutschland auf Tour gewesen. Das ist ja ein schnelles Wiedersehen.

James: Es ist immer wieder schön nach Deutschland zu kommen. Konkrete Erwartungen an die Tour hatten wir keine, aber wir haben uns vorgenommen, dass wir einfach eine schöne Zeit haben und den Aufenthalt so sehr wie möglich genießen wollen. Und genau das ist eingetreten. Bis jetzt waren alle Shows wunderbar und gut besucht. Das haben wir dieses Jahr auch schon anders erlebt. An den Off-Days waren wir auch sehr produktiv und schrieben eine Menge neues Material. Insofern haben wir kaum Zeit verschwendet.

motor.de: Im Netz werdet ihr als “chamber pop” und “baroque pop” beschrieben. Seid ihr mit dieser Bezeichnung überhaupt einverstanden?

James: Irgendwie haben wir uns damit arrangiert. Zunächst nannten wir unsere Musik “bar and chamber music”, um den Ganzen etwas die Höflichkeit und Niedlichkeit zu nehmen. Aber natürlich sind die Kammermusik-Elemente vorhanden.
Mike: Nun, Kammermusik ist Musik, die in kleinen Räumen gespielt wird, die du zu Hause machen kannst. Und wenn wir proben, schreiben oder aufnehmen, dann passiert viel davon in unseren Wohnzimmern. Die Instrumente, die wir haben, geben uns die Freiheit, das so zu machen. Außerdem fühlt sich alles dadurch nicht so durchprofessionalisiert an.
Will: Und es entsteht eine wirklich intime Atmosphäre.
James: Oft beenden wir unsere Live-Sets auch mit ein paar “unplugged”-Songs, also gänzlich ohne PA und Verstärkung.

motor.de: Der Sound eurer Platten ist sehr natürlich und vielleicht auch etwas altmodisch. War das von Anfang an so geplant?

James: Eigentlich begann es mit meinem Solo-Projekt. Dann traf ich Will in Brighton und wir arbeiteten jahrelang in verschiedenen Projekten zusammen. So trafen wir auch Mike. Gelegentlich spielten wir dann einige Akustik-Shows und die Resonanz war sehr gut. Wir haben dann gründlich darüber nachgedacht, uns andere Künstler angehört, die ähnliches probiert haben, und schließlich beschlossen, dass wir unsere eigene Interpretation von “Kammermusik” angehen wollten. Wir haben dann angefangen zu proben und über die Jahre formte sich so eine feste Band.
Mike: Wir wollten dabei nicht einfach Akustik-Musik machen, sondern Musik, die speziell auf unsere Instrumente zugeschnitten ist. Das Ganze war schon immer angelegt, etwas anders und individueller zu sein.
James: Wir wollten keine Folk-Band sein und ich denke, wir sind auch keine. Wir wollten auch keine Indie-Band sein. Ich glaube, es waren einfach glückliche Umstände, dass wir uns so getroffen haben.

motor.de: Wollt ihr euren Sound in der Zukunft verändern oder um neue Elemente erweitern? Gibt es in dieser Hinsicht konkrete Pläne für die nächste Platte?

James: Natürlich haben wir konkrete Ideen, was wir in Zukunft noch ausprobieren wollen. Im Moment wollen wir aber erstmal das aktuelle Album promoten (lacht). Generell will man natürlich den Hörer interessiert halten. Und ehrlich gesagt, man will selber natürlich auch interessiert bleiben. Als Musiker machst du nicht immer vordergründig das, was dem Publikum gefallen soll. Wir denken schon über die nächste Platte nach und wollen damit in eine bestimmte Richtung. Derzeit sind wir aber mit dem aktuellen Album nach wie vor sehr zufrieden. Vielleicht ist es also etwas zu früh, um über das nächste zu sprechen. Aber natürlich denken wir immer über neue Sachen nach, die wir ausprobieren können.
Will: Wir haben das aktuelle Album in einem relativ strikten Rahmen aufgenommen. Das könnte sich bei dem nächsten Album möglicherweise wieder ändern, so dass alles etwas freier wird.
James: Als wir die Band starteten, wussten wir noch nicht, wie viele Alben wir aufnehmen würden. Deswegen haben wir zum Beispiel auf unserem Debüt viele Gastmusiker und Freunde eingeladen. Das war nicht immer musikalisch notwendig, aber es war eine sehr schöne Sache. Bei “Of Flight & Fury” hatten wir uns dann aber darauf verständigt, dass nur wir fünf das Album aufnehmen. Beim nächsten Album wollen wir da vielleicht wieder etwas experimentieren.

motor.de: Wie sind die Resonanzen zum aktuellen Album “Of Flight & Fury” bis jetzt ausgefallen? Wird die Platte in England und Deutschland eurer Meinung nach unterschiedlich aufgenommen?

James: Ehrlich gesagt, die aussagekräftigsten Reaktionen bekommen wir bei unseren Konzerten. Ich bin da auch etwas gespalten, weil wir ja eine Menge Leidenschaft und Engagement in unsere Alben stecken. Die Platten bedeuten mir wirklich sehr viel. Dennoch habe ich das gefühl, dass die Menschen vorwiegend unsere Live-Shows mögen. Vielleicht, weil wir immer sehr nah am Publikum sind und somit auch besser und viel intensiver wahrgenommen werden können. Wirklich große Unterschiede zwischen England und Deutschland können wir da aber nicht ausmachen.

The Miserable Rich – “The Time That’s Mine”

motor.de: Plant ihr nach der “Covers EP” weitere Veröffentlichungen in dieser Richtung?

James: Wir werden sicherlich weitere Cover aufnehmen. Wir finden, dass es zum Beispiel eine schöne Sache ist, unseren Fans hin und wieder auch mal einen kostenlosen Song bereitzustellen. Einen wirklichen Plan gibt es aber nicht, was das angeht. Jeder macht gerade irgendwie Cover-Songs, hab ich das Gefühl. Wahrscheinlich sollten wir uns da erstmal etwas zurücknehmen. Es sei denn, jemand will uns einen großen Batzen Geld dafür bezahlen. (Gelächter) Aber es macht auf jeden Fall viel Spaß, Coversongs aufzunehmen und zu spielen.

motor.de: Einige von euch sind auch in diversen Nebenprojekten aktiv. Wird man da in naher Zukunft etwas zu hören bekommen und inwiefern beeinflusst das The Miserable Rich?

Will: In der Vergangenheit war es ziemlich viel, im Moment ist aber nicht so viel los.
James: Es gab Zeiten, da war es schwierig, die ganzen Projekte unter einen Hut zu bringen. Nächstes Jahr werden Will und ich wahrscheinlich neue Platten mit anderen Projekten veröffentlichen. In Zukunft wird da sicher einiges passieren, aber im Moment ist es relativ entspannt.
Matt: Ich habe auch noch eine Band, aber da wird auch erst in ferner Zukunft etwas passieren.

motor.de: Ihr seid allgemein sehr aktiv in sozialen Netzwerken. Wie hoch schätzt ihr die Bedeutung des Internets heutzutage für den Erfolg einer Band ein?

James: Wahrscheinlich wird dir jeder im Geschäft, der kein Musiker ist, erzählen, dass du dich darum kümmern solltest. Ich persönlich möchte uns natürlich die besten Chancen einräumen. Einerseits kaufen die Leute immer weniger Alben und es scheint, als müsste man immer mehr Zeit im Internet verbringen, um die Sache am Laufen zu halten. Anderseits, gerade was den Blog angeht, ist es eine schöne Art, Erinnerungen festzuhalten. Ich denke, es ist einfach Teil der Arbeit als Musiker. Und wir versuchen, dem Ganzen das Positive abzugewinnen. Gerade Online-Tagebücher und ähnliches sind doch eine schöne Sache.

motor.de: Auf Myspace habt ihr geschrieben, die Band würde “generell zu viel trinken”. Ist das wahr?

Mike: Das habt jemand anderes behauptet!
James: …Cheers! (Gelächter)
Will: Wir trinken schon gern.
James: In England haben wir ein Sprichwort: “He’s a good guy – he likes to drink!” So gesehen, sind wir “good guys”. Allerdings sind die Lager-Biere in England wirklich furchtbar. Dennoch gibt es da eine Art Subkultur in unserer Heimat, was das angeht.
Will: Leider bekommt man in Deutschland kaum Cider. Ich bin eher ein Cider-Trinker.
Mike: Generell haben die deutschen Biere wirklich eine sehr gute Qualität. Wir mögen sie jedenfalls.

motor.de: Habt ihr auf eurer Tour deutsche Künstler kennen gelernt, die euch begeistert haben oder die ihr weiter empfehlen könnt?

James: Zu Beginn unserer Tour haben wir mit der deutschen Folk-Band B.E.E.S. Gespielt, die fanden wir alle gut.
Mike: Viele Bands unseres deutschen Labels Hazelwood sind interessant. Unsere Freunde Kenneth Minor zum Beispiel, oder The Great Bertholinis.

motor.de: Euer Debüt “Twelve Ways To Count” erschien 2008, eine “Covers EP” 2009 und die aktuelle Platte kam dieses Jahr auf den Markt. Folglich bringt ihr nächstes Jahr das nächste Album heraus!

James:
Wir werden tatsächlich im Februar mit den Aufnahmen beginnen! Fünf oder sechs der Songs für das nächste Album haben auf dieser Tour geschrieben. Vorher hatten wir auch schon ein paar Song-Skizzen herumliegen, aber der Großteil wird wohl auf dieser Tour entstehen. Es war wirklich eine sehr produktive Zeit.

Interview: Anton Kostudis