Wer die digitale Realität nicht verstehen will, muss sie fühlen – und wenn es die eigene Firma ist. Musik ist ein rein emotionales Gut. Emotionalität funktioniert über Unmittelbarkeit und nicht über Aufschub. Man nimmt sich nicht vor begeistert zu sein oder sich zu verlieben, man ist begeistert oder verliebt. Und wenn man das ist, dann will man andere an seinem Glück teilhaben lassen. Das ist die vitale Kraft der Musik.

Die Berliner Band Super700. »Hier geht’s zum kostenlosen Download der Single “Decent Snow” (Foto: Motor Music)

Die Logik der Charts ist das genaue Gegenteil. Sie funktionieren darüber, dass ein Bedarf bei den Musikliebhabern aufgestaut wird, eine Emotion sich nicht Bahn brechen darf. Das ist absurd, musikfeindlich, aber noch immer die Praxis der Musikwirtschaft im Jahr 2012. Am frühen Abend des Jahres 1997 klingelte es plötzlich Sturm. Ich rannte zur Haustür und traf dort auf Christian. Er war völlig außer Atem. Bevor ich erschrocken fragen konnte, was denn passiert sei, schob er mich resolut zur Seite. Während er in unser Wohnzimmer stürmte, hielt er eine CD hoch und rief “das müsst ihr Euch anhören. Sofort!”

Christian interessierte nicht, dass ich mit den Vorbereitungen fürs Abendessen und Petra mit dem Vorlesen für unsere Tochter beschäftigt waren. Er hatte ein Rezensionsexemplar von Prefab Sprouts “Andromeda Heights” ergattert. Die erste Platte von der Band um Paddy McAloon nach sieben Jahren Pause vorzuspielen, duldete keinen Aufschub. Zumal es sich um ein “Jahrhundertwerk” handele, wie der etwas korpulente Christian japsend von sich gab.

Christian hatte Recht. Das Album war sensationell, die vorabendliche Störung absolut gerechtfertigt. Was wäre eigentlich, so fragten Petra und ich uns damals, wenn man Christians Begeisterung für die Verbreitung von Musik nutzen könnte? Was wäre, wenn er nicht nur an einer Haustür klingeln, sondern in allen Wohnzimmern seiner Freunde und Bekannte (und derer hatte Christian viele) die frohe Kunde des von ihm entdeckten kundtun könnte? Wäre das nicht die Chance, dem erstarrten Medienapparat ein Schnäppchen zu schlagen? Im Radio und im Fernsehen ging es damals nämlich schon längst nicht mehr um emotionale, aufwühlende Musik, sondern um einen Soundtrack der im Hintergrund nicht stört oder die Pinkelpause bei “Wetten, Dass?!” angenehm gestaltet.

“Andromeda Heights” von Prefab Sprout

Der logische Kanal vorbei an den Massenmedien, aber geradewegs in die Wohnzimmer und Herzen der Musikfreunde könnte nur das Internet sein. Das war damals schon klar. Ein gewisser Shawn Fanning dachte den Gedanken ein Jahr später in Amerika konsequent zu Ende. Das Ergebnis hieß Napster und war vom Fleck weg ein gigantischer Erfolg. Leider fehlte dabei ein Vergütungsmodell für die begeistert von den Fans verbreitete Musik. Den nächsten Anlauf nahmen wir in Deutschland mit Popfile/Phonoline 2002. Die Idee war eine zentrale Datenbank aller Anbieter aufzubauen, die es den Musikbegeisterten ermöglichen sollte, eigene Angebote über seine Websites zu verbreiten. Christian sollte im Netz von der nächsten Prefab Sprout erzählen, aber sie auch gleich als MP3 weiterverkaufen können.

Die ganze Idee könnte nur fliegen, wenn sichergestellt wäre, dass die Musik über die gesprochen und für die geworben würde, auch sogleich verfügbar sei. Radiostationen werden aber bis zu acht Wochen vor Veröffentlichung bemustert, Monatsmagazine ebenso. Ich, mittlerweile zum deutschen Universal-Chef ernannt, gab deshalb die Parole “Radio-Day ist Online-Day” aus und hatte meinen eigenen Vertrieb zum Feind. Nicht nur, dass sich dessen Handelspartner wie Mediamarkt und Saturn weigerten Tonträger zu führen, so diese zuvor schon non-physisch veröffentlich waren, die Downloads zählten auch nicht für die Charts bevor die dazugehörigen CDs auf dem Markt waren.


Der erste legale Online-Streaming-Versuch: popfile.de.

Je schlechter die Marktsituation wurde (allein im Jahr 2002 verlor die deutsche Musikwirtschaft 23% ihres Umsatzes), desto wichtiger wurden die Charts. Sie waren im Vergleich zum Wettbewerb der letzte Indikator anzuzeigen, inwieweit man den schwierigen Markt im Rahmen der Möglichkeiten im Griff habe. Charts haben aber weniger mit Verkaufsmengen, denn Geschwindigkeit zu tun. Da sie den Abverkauf nicht kulminiert, sondern pro Woche aufzeigen, wird neue Musik künstlich verknappt, um einen Bedarf aufzustauen. Das Radio soll die Platte warm spielen, die Presse über Berichterstattung Bedarf schaffen, erst dann wird veröffentlicht. “Radio-Day ist Online-Day” ist im Sinne der Charts schlichtweg nicht möglich. Die Begeisterung von Christian und anderen muss verpuffen oder sich in Filesharing entladen, solange die Logik hinter den deutschen Charts die gleiche bleibt.

So richtig es in analogen Zeiten gewesen sein mag, der Musik in den Medien Zeit zum wachsen zu geben, so sehr hat sich dieser Gedanke in digitalen Umfeldern überholt. Gewisse Systematiken und Abläufe erledigen sich durch technische Innovationen einfach. Die Musikindustrie will das nicht wahrhaben. Dort, wo selbst die konservativen Herausgeber des Knigge willens sind, ihre Benimmregeln der Zeit anzupassen (so darf man z.B. mittlerweile Kartoffeln schneiden, da die Klingen der Messer nicht mehr versilbert werden und deshalb durch die Berührung der Stärke nicht anlaufen können), scheut sie Sinn und Logik ihrer Charts zu hinterfragen. Schlimmer noch, die Abläufe sind den Protagonisten nach all den Jahren so ins Blut übergegangen, dass sie als unverrückbare Wahrheit begriffen werden. Das ist selbst bei meiner Firma Motor so.

Super700 haben bei Motor ein neues Album abgegeben. Ähnlich wie damals “Andromeda Hights” von Prefab Sprout kommt es viel zu spät. Die Band hat sich zwar keine sieben, aber immerhin satte vier Jahre Zeit für “Under The No Sky” gelassen. Das Ergebnis ist großartig und die meisten Mitarbeiter sind seit dem wir das Album haben (Dezember 2011) aufgeregt. Weil man weiß, was man da in der Hand hat, will man alles richtig machen. Richtig, das heißt in erster Linie ein stimmiges Timing aufzustellen. Da werden PR-Singles gefertigt und an das Radio verteilt, weil angeblich eine digitale Bemusterung es allein nicht tut, da wird eine weitere PR-CD mit dem ganzen Album konzipiert und gestaffelt an die Presse verteilt. Den Veröffentlichungstermin errechnet man sich mit 30. März. Es kann auch später werden…

Super700 – “Decent Snow”

»Hier direkt downloaden!

Es ist so als stünde Christian die ganze Zeit vor der Tür und würde klingeln und klingeln. Der Winter kommt, der Winter geht und mit der Zeit verfliegt sowohl die Begeisterung als auch die Energie. Schlimmer noch, das erste Radio-Airplay für die “Decent Snow” und mitteilsame Journalisten werden dafür sorgen, dass sich die Musik via Filesharing verbreitet wird. Die Band und Motor haben davon nichts. Die monatlich erscheinenden Magazine verkaufen einem keine Musik, wofür sie sorgen ist eher eine Reafirmation dessen, was man aus Online-Medien oder der Social Community bereits kennt. Das Publikum von Bands wie Super700 ist keines, was auf die Verkaufs-Charts schaut, eher ist wichtig, was ihre Freunde empfehlen und hören. Worauf warten wir also?

Die Musikwirtschaft – und dazu gehören auch die Download-Portale – ist im letzten Jahrhundert hängen geblieben, wenn es um das Timing der Veröffentlichungen geht. Selbst i-Tunes, Amazon und Co. sind nicht in der Lage, so schnell wie ihr digitales Umfeld zu reagieren. Da die Daten zentral erfasst, überprüft und eingelesen werden, kommt es zum Stau. Während die Songs im Handumdrehen auf Youtube oder auf Tauschbörsen sind, dauert es minimum drei Wochen bis man sie legal anbieten kann. So lange hätte ich damals auch nicht auf Prefab Sprout gewartet. Deshalb verschenke ich Euch jetzt zumindest die erste Single der Band.

»Hier könnt ihr “Decent Snow” kostenlos herunterladen. Macht damit, was Christian mit den Möglichkeiten der heutigen Zeit getan hätte, wenn sie Euch so gut gefällt wie mir!