Die Medien staunen darüber, wie sehr der Tod eines Managers die Menschen berührt. “Typisch Amerika” meinte man heute früh im ZDF Morgenmagazin, als es um die Reaktion auf das Ableben von Steve Jobs geht. Dort wo Geld regiert, seien halt auch Wirtschaftsführer Popstars. Zum Ausdruck kommt damit ein Missverständnis über das Tun dieses großen Mannes und ein Unwissen über das, was Menschen heutzutage bewegt.

Steve Jobs 2010 – Foto: allaboutstevejobs.com

Ich habe schon früh daran gearbeitet dazu beizutragen, dass Schriftsetzer arbeitslos werden. Bis Mitte der Achtziger wurde nämlich noch jeder Buchstabe, der zu Papier kam, von ihnen in Blei umgesetzt, damit gedruckt werden konnte. Vorher zahlten einen aber schon manche Zeitschriften ein höheres Zeilenhonorar, wenn man die Texte digital auf den Satzspiegel angepasst ablieferte und somit den Setzer überflüssig werden ließ. Eigentlich ein Kinderspiel, wären die Steuerbefehle am PC nicht so höllisch kompliziert gewesen.

Steve Jobs hat das Problem erkannt. Kein Kreativer hatte Lust sich zu merken, bei welcher Tastenkombination der Computer genau was tut, oder auch sein lässt. Bis die Maus kam, blieb das Gerät deshalb in der Hand von eher technisch begabten Menschen und schöpfte sein Potential nur zum Teil aus. Eine Revolution wird nicht allein von Technikern getrieben. Die Maus hatte natürlich nicht Steve Jobs erfunden, sondern ein gewisser Douglas C. Engelbart. Dessen Idee war auch schon 14 Jahre alt, als Jobs und co sie zum ersten Mal beim Apple Computer Lisa zum Einsatz brachten. Jobs hatte nur das Potential erkannt und genutzt.

Apple Lisa anno 1983 – einer der ersten Personal Computer, die über eine Maus verfügten. Foto: Mr. Gadget

Dieser erste große Coup sagte eigentlich schon alles über das Prinzip Steve Jobs: Er war kein Erfinder sondern ein Verbinder. Er erkannte Bedürfnisse (wie zum Beispiel meines nach einer intuitiven Benutzerführung am PC), hob die bereits existenten Angebote und machte sie zu Lösungen. Natürlich war das für Tüftler wie Wozinak und Wayne oder dem Vater der PC-Maus manchmal bitter. Sie entwickelten, saßen auf mittelfristig verfallenden Patentrechten, aber Jobs bekam den Ruhm und baute daraus die wertvollste Marke der Welt. Das Prinzip Urheberrecht hat sich dadurch auf den Kopf gestellt.

Steve Jobs funktionierte wie eine Popband. Zu allererst erkannte und definierte er seine Zielgruppe. Er wusste, dass da draußen eine Generation von Nutzern herangewachsen war, deren Nutzen immer auch mit Gestalten einhergeht. Medien sind für sie nichts lineares. Sie entscheiden als Konsumenten selbst, welche Songs auf den Alben gehört werden wollen und welche nicht. Sie nehmen die Werke Dritter und stellen sie in einen neuen Kontext oder fügen eigene Kreationen hinzu. Respekt vor dem Werk drückt sich durch ihren Willen aus, es zu modifizieren. Egal ob Musik, Text, Foto oder Bewegtbild – wer Medien auf Augenhöhe begegnen will, braucht einen intuitiven Zugang zu digitalen Medien. Jobs gab sie ihnen. Sie waren seine die Zielgruppe.

Steve Jobs 1976 – Foto: allaboutstevejobs.com

Ihm selbst fiel es leicht sich dieser kreativen Konsumenten (auch Prosumer) anzunehmen. Er war wie seine Zielgruppe – es ging ihm darum dort aktiv zu werden, wo Ideen neue Gestaltungsmöglichkeiten brachten. Das war der Hintergrund seines Pixar Investments (Filme konnten plötzlich ohne große Studios sondern mit großer Rechnerleistung gedreht werden), das war die Grundlage um aus dem klobigen MP3 Playern elegante iPod Player mit iTunes als Schnittstelle zu machen, das war der Antrieb die Idee Tablet PC in Form des iPads zum mobilen Lese- und Schreibgerät mutieren zu lassen.

Im Endeffekt haben auch die Beatles nicht wirklich etwas Neues erfunden, sondern einfach Beatmusik mit der Kompositionslogik von Johann Sebastian Bach vermischt. Die Sex Pistols haben den amerikanischen Garage-Rock der späten 60er aufgegriffen und mit den Kreationen von Vivienne Westwood verbunden und auch WestBam und andere DJs zeichnete immer aus, dass sie lediglich das Existente aufgegriffen und neu interpretiert haben. Andy Warhol und die von ihm zum Kunstwerk erklärten Blumen aus dem Samenkatalog sind so selbstverständlich, dass man sie in diesem Kontext gar nicht mehr erwähnen muss. Steve Jobs tickte ähnlich. Er war ein Popstar weil er im Sinne von Pop agiert hat.

Die Botschaft der Karriere Jobs und das Wesen des Pop besteht darin, dass Kreation nicht unbedingt die originäre Idee, sondern die Verbindung selbiger mit einem neuen Nutzungskontext ist. Die Bedürfnisse, die Steve Jobs erfüllte, haben geholfen unsere alte Vorstellung von Urheberrecht obsolet zu machen. Kompositionen, Filme, Texte und Fotos sind Kulturgüter, die interpretiert oder mitgestaltet gehören. Darauf kann sich jeder einigen, der sein Powerbook, seinen iPad, seinen iPod aktiv nutzt. Ihren Schutz vor die Gestaltungsmöglichkeit zu stellen, kann keiner mehr nachvollziehen, der mit Apple groß geworden ist. Mit Jobs starb deshalb auch unsere enge Vorstellung vom Urheberrecht.

Steve Jobs 2003 – Foto: allaboutstevejobs.com

Genauso wie die Beatles das musikalische Verständnis von Pop in jedem Haushalt und Warhol den gestalterischen Pop Gedanken an jede Wand brachte, verhalf Jobs dem partizipativen Aspekt von Pop zum Durchbruch. John Lennon, Andy Warhol und Steve Jobs spielen in ein und derselben Liga. Wenn es einen Himmel gibt, sind sie dort Pop-Götter. Die Welt ist durch die verbindende Tätigkeit von Steve Jobs eine andere geworden. Er hat mit Ideen Dritter dazu beigetragen, dass Menschen mit Kreations- und Gestaltungswillen mächtiger wurden. Das mag für die Redaktion des ZDF Morgenmagazins schwer nachzuvollziehen sein, aber davor verneige ich mich.

Tim Renner