Die Markknochen und der Ochsenschwanz lagen schon in leicht blasen schlagendem Wasser auf dem Herd, als ich mittags mit Markus und Mona von Motor FM zur Landesmedienanstalt aufbrach. Eine Pho Bo, das Vietnamesische Grundnahrungsmittel, braucht ewig in der Zubereitung. Die Zutaten, neben dem Fleisch noch Sternanis, Zimt, Zwiebeln und vieles mehr, müssen stundenlang kochen. Die nahrhafte Suppe ist dafür aber enorm praktisch, wenn man viele Gäste hat. Abends wollten wir meinen Geburtstag nachfeiern und so einige hatten den Besuch in unserer Wohnung angekündigt.

Mitten in den Vorbereitungen zum kleinen Fest ging es darum sich um die „100,6“ zu bewerben – Berlins erste, Berlins legendärste Privatradiofrequenz. 1987 fing Ulrich Schamoni, der sich als eher anarchistischer Filmemacher (“Chapeau Claque, „Quartett im Bett“) einen Namen gemacht hatte, dort zu senden an. Finanziert hatten ihm das Berliner Baulöwen. Unter dem Einfluss der neuen Freunde wurde die Frequenz, die journalistisch anspruchsvoll startete, bald eine „Bild-Zeitung der Lüfte“, wie Schamoni selbst gestand. Abends gab es dann Erotiktalk in der Sendung „Bettgeflüster“ mit „Samen-Frank“ Schmeichel. Später kaufte Kirch den Laden auf, ließ dort den BZ Macher Gafron gegen den „rot-tiefroten“ Senat der Hauptstadt giften, und schließlich ging der Sender Pleite.

Es gibt keinen Westberliner Taxifahrer über 50 der nicht noch heute feuchte Augen bekommt, wenn an die großen Zeiten des Radios mit dem Frosch denkt. Kein Wunder also, dass bei der Landesmedienanstalt über dreißig Parteien (vom Tagesspiegel, über Helmut Markwort vom Focus Magazin bis zum früheren Innenminister Schily) aufschlugen, um sich für diese Frequenz zu bewerben. Samstagmittag waren wir dran, um uns den strengen Fragen der Medienhüter zu stellen, die in Berlin weit erfolgreicher als anderorts versuchen, für Vielfalt und Qualität im Äther zu sorgen. Nach einer halben Stunde stand ich, mit einem flauen Gefühl im Magen wieder am Herd.

Auf die letzte Frage, ob Motor FM denn nicht eine Dauerwerbesendung sei, wenn man parallel Downloads verkaufe, hatten wir nicht klar genug geantwortet, meinte ich. Macht man sich in der Finanzierung seines Senders von Radiowerbung abhängig, drängen die, die dort schalten auf Reichweite. Der Sender muss dann zu jeder Zeit so viel Hörer als nur irgend möglich erreichen. Konsequenz: Man sendet den kleinsten gemeinsamen Nenner um ja niemanden zu stören. Deshalb klingt der „Dudelfunk“ so furchtbar langweilig, deshalb lässt er nichts Neues und schon gar nichts Schräges zu. Wer diesen Teufelskreislauf umgehen will, muss neue Erlöswege finden. Der Verkauf von Downloads ist unter anderem einer.

Unsere Antwort vorm Medienrat war deutlich knapper ausgefallen. Aber die Damen und Herren hatten sich offensichtlich ihren Teil gedacht. Verkatert von der kleinen Tochter aus dem Bett geholt las ich um 10.31 morgens die SMS von Markus. „Sieht so aus, als hätten wir zusammen mit der Netzeitung den Auftrag ein Konzept zu entwickeln…“ Es sah nicht nur so aus. Seither ist bei Motor Land unter. Die neue Frequenz ist eine gigantische Chance, aber der Weg dahin noch lang. Die Netzeitung soll den journalistischen Inhalt liefern, Motor die Musik und die Berichte aus der Szene. Beide sind Fachleute auf ihrem Gebiet, beide wollen neues und innovatives Radio, aber dennoch sind gesellschaftsrechtliche Absprachen und gemeinschaftliche Finanzierung (guter, klassischer Journalismus ist mit Recht teuer) ein Abenteuer. Die Meetings erinnern fast ein bisschen an Koalitionsverhandlungen, in den beide Seiten wissen, dass sie es packen müssen. Es ist an der Zeit für ein neues Radio, mit spannender Musik und guter Berichterstattung.

Am 10. Januar werden wir wieder bei der Landesmedienanstalt sein. Dann gilt es gemeinschaftlich ein Konzept vorzustellen, das genau diesen Ansprüchen gerecht wird. Drückt uns die Daumen.


Tschüss Euer Tim

P.S. Die Pho Bo hatte eindeutig zu wenig Flüssigkeit und zu viele Glasnudeln (ich war halt ein wenig abgelenkt), dafür machten die Sommerrollen als Vorspeise umso mehr Eindruck!