Auf der Tour mit Nick Cave kamen sie zuletzt über den typischen Vorgruppen-Höflichkeits-Applaus oft nicht hinaus. Mit ‘The Secret Migration’ beweisen Mercury Rev aber jetzt, dass sie nach wie vor in der Lage sind, perfekte Klangwelten zu konstruieren. Neuerdings spielt Gitarrist Grasshopper die poppiger gewordenen Songs der Band sogar seiner Mutter vor.

Eine Zugfahrt von Berlin nach Leipzig ist genau zweimal ‘The Secret Migration’ lang – also eine gefühlte Viertelstunde. Dabei beträgt die Spielzeit des sechsten Mercury Rev-Albums immerhin 44:35 Minuten. Aber da es der Band um Jonathan Donahue wieder einmal perfekt gelungen ist, eine musikalische Entsprechung der REM-Phase zu vertonen, gleiten die verschlafenen Dörfer am Streckenrand nur so vorbei und bald weiß ich nicht mehr so genau, ob ich nun schlafe oder wache. Eine sehr anregende, ja beinahe berauschende Erfahrung. Ich war jedenfalls selten so enttäuscht über das Ende einer Reise.

Um es kurz zu machen: Wenn es denn Beipackzettel für CDs gäbe, müsste hier stehen: Genießen Sie dieses Werk bei Nachtfahrten mit der Bahn oder dem eigenen Wagen, sowie bei Liebeskummer-bedingtem Schlafentzug. Eine Rezeptur, die freilich auch auf die meisten anderen Alben der Band aus den Catskill Mountains zugetroffen hätte. Zusammenfassend kann man sagen: Auftrag wieder einmal erreicht, der da lautet: “Wir wollen unsere Hörer mit auf eine Reise nehmen, die es ihm für die kleine Zeitspanne von 45 Minuten erlaubt, sich aus der so genannten Realität auszuklinken.” Im Gegensatz zum derzeit beliebten Realismus vieler Popgruppen favorisieren Mercury Rev also nach wie vor das Konzept von Musik als Fluchtpunkt.

Sean Mackowiak, ein leicht verhuschter Frühvierziger, der von allen nur Grasshopper genannt wird und neben Donahue das einzig verbliebene Gründungsmitglied von Mercury Rev ist, fühlt sich ebenso wie dieser sowohl musikalisch als auch privat auf den Nebenstraßen des Lebens am wohlsten:
“Wir genießen es sehr, nach einer Tour in unser gemütliches, dörfliches Leben zurückzukehren. Wir alle müssen nicht in einer großen Stadt wohnen, Aufregung haben wir genug, wenn wir unterwegs sind. Privat brauchen wir eine gewisse Abgeschiedenheit. Es gibt eine öffentliche Seite, und die können die Leute über die Musik und die Konzerte wahrnehmen, und dann gibt es eben auch diese private. Es ist uns wichtig, nicht alles hinter dem Vorhang hervor zu ziehen, sich etwas Mysteriöses beizubehalten. Und wir gehen auch nicht los, und feiern Parties mit Kate Moss oder so was. Obwohl sie uns ständig einlädt (lacht).”

Hier, in ihrer Heimat im ländlichen New York State, haben sich Mercury Rev mit ihrem ehemaligen Bassisten und jetzigen Stammproduzenten Dave Friedmann nun auch ihren Traum vom eigenen Studio erfüllt, in dem sie jetzt auch ‘The Secret Migration’ aufnahmen. Ist es nicht ein bisschen komisch, mit einem Ex-Mitglied zu arbeiten? “Dave wolte eigentlich sowieso nie in der Band sein, sondern lieber als Produzent arbeiten. Als er dann entschied, dass er wegen der Studio-Jobs und seiner Familie nicht mehr mit auf Tour wollte, war das also kein Problem für uns. Der Vorteil an der Arbeit mit Dave ist nun, dass er ein sehr guter Freund von uns ist. Und somit einer der wenigen, von denen wir Kritik akzeptieren. Wenn Dave sagt: ‚Jungs, das ist ein großer Haufen Scheiße, den ihr da fabriziert’, dann endet es nicht gleich in einem Faustkampf (lacht).”

Gelungen ist ein Werk von trauriger Schönheit, das zwar nicht an Mercury Revs 98’er Meisterwerk ‘Deserters Songs’ heranreicht, aber einmal mehr das Gespür der Band für zum Weinen schöne Dreamscapes à la Pink Floyd zu ‘The Wall’-Zeiten zum Ausdruck bringt. Zudem scheint die im Vergleich zu früher deutlich bessere Stimmung in der Band ihre Spuren hinterlassen zu haben: “Wenn das letzte Album für das Licht in dieser Band stand, dann ist dieses Werk als ob man direkt ohne jeden Schutz in die Sonne guckt. Ich denke diese Platte hat eine weitaus positivere Aussage als die vorherigen. Das gilt für alles: Die Texte, die Ambient-Sounds, die wir benutzt haben – einfach alles. Die Songs sind kürzer, haben mehr Kraft. Ich habe die Aufnahmen meiner Mutter vorgespielt als wir fertig waren, und sie mochte die Stimmung in der Musik. Sie konnte nicht ausdrücken warum, aber sie mochte es.”

Text: Torsten Groß