Kaum ein Musiker kennt so viele Wege zu den Herzen der Fans wie Van Morrison. Schon längst in der „Rock’n’roll Hall of Fame“ verewigt, hat er die vergangenen fünf Jahrzehnte (!) vorwiegend dazu genutzt, auf immer neuen Wegen zum spirituellen Zentrum der Menschen vorzudringen. Er war stets auf Suche. Und er ist immer wieder fündig geworden.

Als er schließlich in seiner Rolle als Kopf der Band Them zum Vorzeige-Rocker der aufkommenden Blues-Rock-Szene Großbritanniens erkoren wurde, hatte Van Morrison insgeheim schon etliche Jahre an seinem Können gefeilt: Er hatte unzählige Skiffle-Songs geprobt und gesungen, sich gleichermaßen auf dem Gebiet des Country und im Rhythm & Blues umgetan, und obendrein hatte er mit einer Hand voll der wohl verklemmtesten Combos in ganz Belfast auf einer Bühne gestanden. Das alles ist inzwischen lange her; ja, viel ist seither geschehen, doch letztlich stehen wir heute an demjenigen Punkt, an dem der Mann, den Bob Geldof einst als „das einzig wahre musikalische Genie in Irland“ bezeichnete, zu der Maxime zurückgekehrt ist, die auch als Titel seines kommenden Albums fungiert: „Keep It Simple“ (Polydor).

„Eigentlich ist es bloß ein Song, der davon handelt, dass heute alles so unglaublich komplex ist, darüber, wie kompliziert die Dinge doch geworden sind, und dass es scheinbar nichts mehr gibt, was man einfach so erledigen könnte“, berichtet Morrison über das Titelstück – eine zentrale Aussage, die man auch auf das gesamte Album übertragen kann. „In gewisser Weise funktioniert der Song wie ein Gebet – oder etwas Vergleichbares –, in dessen Verlauf ich ausdrücke, dass ich nach wie vor hoffe, dass wir irgendwann zu einem simpleren Dasein zurückkehren können. Sollte uns das nicht gelingen, haben wir allerdings ein echtes Problem.“

Im Verlauf von „Keep It Simple“ rät Van Morrison seinen Fans mehrfach, dass sie diese Situation nicht einfach so hinnehmen sollten; und für diejenigen, die dazu bereit sind, noch tiefer in sein Werk einzutauchen, ist die LP auch mit allerhand Ratschlägen gespickt – eben darüber, wie man sich aus den komplexen Verstrickungen befreit. Schon mit dem ersten Song macht Morrison seine Absicht deutlich, wenn er das Album mit dem tiefschürfenden und von einer Mundharmonika dominierten „How Can a Poor Boy“ einläutet. In diesem Fall richtet er sich mit seinem Blues an die einfachen Leute – dabei weiß er natürlich auch, dass er es hier mit vielen Ungläubigen zu tun hat. Zugleich ist er sich jedoch sicher, dass seine Message zumindest einen Teil von ihnen erreichen wird…

Diese Haltung ist überhaupt bezeichnend für „Keep It Simple“, alles in allem ein Album, das vor Freudenmomenten und tiefen Gefühlen förmlich zerberstet. Mit „School of Hard Knocks“ fordert Morrison als nächstes all diejenigen heraus, die nicht mit harter Hand erzogen wurden, wobei er die durchtrieben-kampflustige und doch immer wieder gemäßigte Schroffheit mit einer sanft swingenden Melodie verpackt und seine Position mit besonderer Lässigkeit vorträgt. Im Fall von „Don’t Go to Nightclubs Anymore“, einem langsamen Orgel-Song, bei dem er ohne jede Reue auf alte Zeiten (und lange Nächte) zurückblickt, klingt Morrison dann nach einem vollblütigen aber doch gelassenen Typen – eine Rolle, mit der sich jeder identifizieren können wird, der schon mal mit einer Narbe aus der Kneipe gekommen ist…

Diese ausdrucksstarke und gefühlvolle Herangehensweise ist seit eh und je charakteristisch für Morrisons Musik. Ganz egal, ob er sich nun, wie z.B. im Fall des Klassiker-Albums „Astral Weeks“ – diese LP landete im Magazin Mojo auf dem zweiten Platz der „100 Best Albums of All Time“ –, auf das entlegene Terrain der improvisierten Musik vorwagte, oder aber seine Zuhörer und Zuhörerinnen mit der Wärme des „Moondance“-Albums (1970) für sich gewinnen konnte: an keinem Punkt seiner einzigartigen Karriere hat sich Van Morrison davor gescheut, sein Herzblut, seine ganze Energie und all seine Emotionen mit jeder einzelnen Note zum Ausdruck zu bringen.

Doch zugleich muss man auch festhalten, dass diese tiefe Leidenschaft die einzige wirkliche Konstante in Van Morrisons Werk ist. Seine keltischen Wurzeln hat er beispielsweise immer wieder erkundet – vor allem auf „Veedon Fleece“ von 1974 –, und danach hat er sich zunehmend mit seiner Spiritualität auseinander gesetzt. Spiritualität ist es dann auch, die man so deutlich in seinen Aufnahmen der späten 1970er und 1980er Jahre raushören kann, auf Alben wie z.B. „Poetic Champions Compose“ und „Common One“. Letzteres bezeichnete der legendäre Kritiker Lester Bangs nicht ohne Grund als „heilige Musik“…

Und doch ist es eine Beschreibung, die man ohne weiteres auch auf all die anderen Songs übertragen könnte, die Morrison seither aufgenommen hat. Während er bei Alben wie „Too Long In Exile“ (bei dem er sich mit John Lee Hooker zusammentat, einem Gleichgesinnten) oder dem sehr stark vom Jazz beeinflussten „How Long Has This Been Going On“ (eine Kollaboration mit Langzeit-Kollege Georgie Fame) seine Spiritualität nicht so sehr in den Vordergrund stellte, blieb er sich doch stets darin treu, seinem Seelenzustand in seiner Musik eine Stimme zu verleihen. Wie genau er das anstellte, war dabei oftmals zweitrangig.

„Es kann gar nicht immer dasselbe sein; man muss die Höhen und Tiefen mitmachen und miterleben“, erklärt Morrison. „Es sind diese Höhen und Tiefen, ja, fast schon wie der Tod und eine Wiedergeburt. Und sicherlich ist es nicht immer leicht, es sei denn, man ist darauf aus, sich permanent zu wiederholen und stets auf demselben Level zu sein. Ich verlasse mich jedoch keineswegs auf das, was ich vor Jahren einmal gemacht habe. Ich bin niemand, der nur noch mit seinen `Greatest Hits´ um sich wirft. Und genau da liegt der Unterschied zwischen mir und den aktuellen Entwicklungen im Pop-Geschäft.“

Genau dieser Unterschied ist von Anfang bis Ende auf „Keep It Simple“ zu erkennen. Morrison hat das Album zudem selbst produziert, und er weiß sehr genau, dass die Details genauso wichtig sind, wie das Gesamtbild. So wird beispielsweise das elegisch anmutende Gerüst von „Song of Home“ gleich von mehreren Elementen unterfüttert: einerseits von Gospel-Hintergrundgesängen, andererseits von minimalistischer Instrumentierung, die fast schon einen Beigeschmack von feuchtem Heidekraut hat. Zwei Elemente, die sich in leicht variierter Form dann im etwas unscharfen „No Thing“ fortsetzen, das obendrein mit einem unglaublich relaxten Vibe besticht. Und doch gibt es zugleich auch einen Song wie „That’s Entrainment“, bei dem Morrison und seine (Stamm-)Band ihr klangliches Spektrum noch einmal erweitern und sich gemeinsam in ungeahnte Höhen bewegen…

„`Entrainment´, so heißt das, wenn man sich in etwas verliert. Wenn die Musik einen packt“, sagt Morrison, dessen Gabe, packende Songs zu schreiben, ihm u.a. schon einen Platz in der „Songwriter’s Hall of Fame“ sowie in der „Irish Music Hall of Fame“ beschert hat – in letzterer war er der erste Musiker überhaupt, der aufgenommen wurde! „`Entrainment´ beschreibt ziemlich genau das, wofür ich Musik mache. Den Moment, in dem ich einfach nur das mache, was ich früher als `mein Ding´ bezeichnet habe. Dieses `Entrainment´ ist vielleicht sogar mit Hypnose vergleichbar. Natürlich ist es schon noch etwas anderes als Hypnose, aber dieses Versinken in der Musik, das ist schon irgendwie vergleichbar. Es ist dieser Moment, in dem du einfach nur da bist – im Hier und Jetzt –, ohne an ein Gestern oder Morgen zu denken.“

Jeder wird bestätigen, dass Van Morrison von beidem viel besitzt: Einen ganzen Sack voll Klassiker, die alles zwischen keltischem Soul, Jazz und Country-Standards abdecken einerseits. Und andererseits? Nun, bereits ein erstes flüchtiges Anhören von „Keep It Simple“ stellt klar, dass sich Van Morrison ausnahmslos vorwärts und niemals zurück bewegt. Er segelt immer weiter, ohne sich auch nur einen Moment auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Entscheidend ist dabei, dass er im Gegensatz zum Fliegenden Holländer keinesfalls Verwüstung hinterlässt, sondern einzig und allein ein tiefes Gefühl und manchmal sogar etwas Heilendes. Er selbst würde das natürlich deutlich simpler ausdrücken.

„Die Leute erinnern sich nicht daran, was du gemacht hast. Was geschehen ist, oder wie du überhaupt an diesen Punkt gelangt bist“, erklärt Van Morrison abschließend. „Ich habe einen schwierigen Weg gewählt, um dorthin zu gelangen, wo ich heute stehe. Und dann sind da diese Leute, die mich nicht kennen. Natürlich setzen die sich nicht hin und schauen nach, was dieser Typ da alles so durchgemacht hat. Alles, was sie sehen, sind die aufgeblasenen Versionen von dem, was ich angeblich sein soll – aber eigentlich kennen sie meine Biografie gar nicht. Genau davon handelt dieses ganze Album.“

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