Ein junger Mann aus San Francisco hat ein revolutionäres Programm entwickelt. Es ermöglicht beispielsweise den Nutzern von iTunes, die dort gekauften Songs auch auf anderen Geräten abzuspielen. Das zu tun bedeutet, seine Nutzerrechte als iTunes-Kunde zu missbrauchen, damit Vertragsbruch mit Apple zu begehen und ist also illegal. Völlig legan runterladen kann man sich das Programm trotzdem hier.

Die Musikindustrie investiert einen gehörigen Aufwand und jede Menge Geld darin, Raubkopierer als Verbrecher zu brandmarken und das ihre Existenz bedrohende Filesharing aus dem Netz zu verbannen. Neulich versuchte man in Großbritannien sogar einen Gesetzentwurf auf den Weg zu bringen, der es ermöglicht, Filesharern und illegalen Downloadern den Internetanschluss zu kündigen. Doch die Nutzer von Kazaa, Soulseek, eMule & Co schreckt das wenig – es wird weiter fröhlich getauscht.
Neben dem anonymen Runterladen hat sich darüberhinaus eine beachtenswerte soziale Komponente entwickelt. In den Foren der Musikpiraten wird sich längst nicht mehr nur über Musik ausgetauscht, sondern der eMule-Link zum besprochenen Album wird selbstverständlich gleich dazu gepostet. Diverse Filesharingprogramme bieten Chat-Applikationen, die es ermöglichen, sich mit dem Menschen hinter dem pseudonymen Dateianbieter während des Ladevorgangs zu unterhalten. Wieder andere Programme ermöglichen es einem, den frei gegebenen mp3-Bestand anderer User zu durchforsten. Unerkannt vor den Plattenregalen in fremden Wohnzimmern stehend überlegt man sich dann: “Hey, der hört aber gutes Zeug. Diese Band da kenn’ ich noch gar nicht, also lad ich mir das gleich mal mit runter; ist bestimmt auch ne tolle Band”.
Soweit, so gut, so illegal – doch bedenkt einmal die sich nun bietenden Möglichkeiten!

Lasst uns träumen. Hier kommt die Vision, zu der das eingangs erwähnte Progrämmchen den Weg bereiten könnte: Im schummrig beleuchteten Kellergewölbe eines unsanierten Altbaus irgendwo am Rande der Stadt treffen sich ein paar Dutzend angespannt aber gut aussehender junger Leute. Mit ihren Händen umklammern sie ihre persönliche glänzende Reliquie des 21. Jahrhunderts: das mp3-Handy, den glitzernden Player, ihren iPod. In den Räumen des Kellers stehen bläulich schimmernd ein paar Computer, darauf läuft das neue Konvertierungsprogramm. Von den Rechnern strecken sich wie unzählige Tentakel USB-Adapter und Datenkabel. Zaghaft verdrahten die jungen Leute ihre Player, die Neugier siegt über das schlechte Gewissen. Das Indie-Mädchen lädt sich das legendäre Bootleg der Arctic Monkeys feat. Rascals auf den iPod, der Junge neben ihr fragt bescheiden, ob er sich die neue Kooks von ihr kopieren dürfe. Gesagt, Geladen – ein Lächeln wird ausgetauscht. Als die Polizeisirenen sich vom Horizont her nähern verschwinden die beiden kichernd gemeinsam durch das Dunkel nach hause, um miteinander Musik zu hören. Verbrechen war schließlich schon immer sexy.

OK, das war jetzt echt kitschig, aber irgendwie gefällt mir die Idee, die Interaktion des Netzes teilweise zurück in die reale Welt zu verlegen. Frisch aufgeladen mit neuer Musik, dazu neue Freunde mit gutem Musikgeschmack im Telefonbuch, kommt man sich gewiss vor, wie nach einem Besuch bei der Blutbank. Scheiß auf 2nd life – get a real one! Web 2.0 offline sozusagen. Das wäre toll!

Selbstverständlich liegt es mir fern, hier zum Verbrechen aufzurufen. Es war ja auch nur ein Traum. Geht gefälligst in den Onlinestore um eure Musik zu kaufen, sonst gibt es zum Beispiel bald kein motor.de mehr! Oder noch besser, ihr geht in den Plattenladen in der Stadt – der, in dem sich eure Eltern vielleicht einst trafen. Dort lernt man bestimmt auch nette Leute kennen. Ohne, dass die Polizei stört.