Das Kino ist schon länger nicht mehr für Experimentierfreudigkeit und Innovationen bekannt, und das gilt nicht nur für den Mainstream. Same old, same old, ist meistens die Devise, woran sich auch 2009 kaum etwas ändern dürfte: mehr Hollywood-Fortsetzungen wie „Harry Potter und der Halbblutprinz“, mehr deutsche Romanverfilmungen wie „Effie“, mehr Kostümfilme mit Keira Knightley wie „The Duchess“. Doch so viel Konformität muss nicht zwingend bedeuten, dass nicht im Einzelnen auch mal Neues probiert werden kann.

Trailer – Willkommen bei den Sch’tis

Christoph Maria Herbst wagt sich für „Willkommen bei den Sch’tis“ zum Beispiel mal aus seiner „Stromberg“-Komfortzone – und verschwindet gleich ganz von der Leinwand. Denn in dieser französischen Komödie (genau wie übrigens schon bei „Horton hört ein Hu!“) ist der brillante Komödiant nur als Synchronsprecher zu hören. Das ist in diesem Fall allerdings eine echte Herausforderung, denn für die deutsche Fassung wurde eigenes ein Phantasie-Dialekt erfunden, der sich nicht nur einigermaßen beknackt anhört, sondern vermutlich richtig schwer (statt jedem „s“ ein „sch“ und andersrum!) zu sprechen gewesen sein dürfte. Aber ein bisschen muss man sich ja auch ins Zeug legen, wenn man zumindest einen Teil des Erfolgs, den die Komödie über regionale Unterschiede in Frankreich hatte, auch bei uns wiederholen möchte: dort wurde sie zum erfolgreichsten Film aller Zeiten.

Mirrors

Eine neue Sprache musste Kiefer Sutherland für den Horrorthriller „Mirrors“ sicherlich nicht lernen, aber es ist für ihn ja schon mal eine Abwechslung, dass er nicht nur brüllen und flüstern, sondern ganz normal sprechen darf. Dass er das kann, hatte man nach sechs Staffeln „24“ fast vergessen. Die Kino-Abwechslung tut dem Schauspieler vor dem Start der siebten Runde sicher gut, wobei er allzu viele Experimente dann doch scheut. Auch hier spielt er schließlich einen Polizisten, zumindest einen ehemaligen. Und auch die Story des Films ist bewährt, denn natürlich handelt es sich – wie in diesem Genre derzeit eigentlich immer – um das Remake einer ostasiatischen Vorlage.

Let’s Make Money

Es ist also kein Wunder, dass auch in dieser männerlastigen Kinowoche einige Herren Schuster gar nicht erst nach Neuem streben, sondern gleich bei ihren Leisten bleiben. Der österreichische Regisseur Erwin Wagenhofer etwa, der vor einiger Zeit mit seiner Dokumentation „We Feed the World“ beeindruckte, bleibt sich selbst treu. Auch „Let’s Make Money“ erweist sich als nüchterner, aber brisanter, aufrüttelnder und hochaktueller Dokumentarfilm, nur mit einem neuen Thema. Statt um Lebensmittelknappheit und Hunger geht es dieses Mal um weltweite Geldgeschäfte, Steuerparadiese und Kriegsgeschäfte.

Dalai Lama Renaissance

Nicht wirklich Neues gibt’s auch vom Dalai Lama, der in diesem Jahr ein gern gesehener Gast in deutschen Kinosälen ist. Nach „10 Fragen an den Dalai Lama“ kommt nun „Dalai Lama Renaissance“, eine Dokumentation über eine fünftägige Wissenschaftstagung mit dem sympathisch lächelnden Mönch. Natürlich geht es dabei erwartbar esoterisch und weltverbesserisch zu, aber – eine kleine Überraschung muss sein – auch relativ humorvoll, denn so sympathisch dürfte noch selten eine Tagung gescheitert sein.
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Mein Freund aus Faro

Bleibt noch „Mein Freund aus Faro“, der in dieser Woche vielleicht die größten Wagnisse eingeht. Immerhin ist der Mann, um den es hier geht, gar kein Mann. Zugegeben: dass eine junge Frau sich als Kerl ausgibt, um einem Mädchen nahe zu sein, ist auch nicht wirklich neu. Aber Geschlechterverwirrungen sind immer noch ein Thema, das mehr Beachtung verdient – und den renommierten Max-Ophüls-Preis für Nachwuchsfilme bekommt ein Film schließlich nicht ohne Grund. Zumindest beweist diese kleine deutsche Produktion, dass eine packende Regie und tolle Schauspieler manchmal genauso viel wert sind wie experimentelle Neuerungen.

Text: Patrick Heidmann