Weder dekadent, noch isoliert!

Spektakuläre Explosionen und schrille Kostüme, das waren noch nie Elemente, mit denen Phillip Boa und sein Voodooclub versucht haben, von sich reden zu machen. Understatement, kleinere Wutausbrüche und ein bisschen Exzentrik, das sind mehr die Markenzeichen des Dortmunders.

Abgesehen von solchen Äußerlichkeiten ist es jedoch die ehrliche Musik des deutschen Indie-Papstes, die seit über 20 Jahren als Garant dient, eine um die andere Tournee zum Erfolg werden zu lassen. Voll rohen Charmes präsentierten in der Vergangenheit Nummern wie “Container Love” oder “Albert Is A Headbanger” eine Energie, die es noch immer geschafft hat, jedes Publikum mitzureißen. Jahr um Jahr wechselten so Touren und Alben einander ab, wobei “The Red” und “C90” die bis vor kurzem jüngsten Produkte des Schaffensdrangs waren.

Nach diesen weitgehend im Alleingang entstandenen Studioalben, denen ein gewisses Maß an Selbstfindung zugrunde lag, bahnt sich nun mit “Decadence & Isolation” ein neuer Meilenstein an. Zurückgekehrt zu ‘Motor’ katapultieren Titel voller Selbstbewusstsein – wie die vorab als Download ausgekoppelte Single “Burn All The Flags” oder das mitreißende “Have You Ever Been Afraid” – Phillip zurück in seine stärksten Zeiten.

Gesanglich wiedervereint mit seiner Ex-Frau Pia Lund lieferten sich die beiden schon in den Temple Studios von David Vella auf Malta so manche Diskussion, deren fruchtbares Ergebnis im Wechselspiel der Stimmen zum Ausdruck kommt. Nicht zuletzt die für Voodooclub-Verhältnisse stark in den Vordergrund gemischten Vocals bieten zudem eine gewisse Ähnlichkeit zur Unbeschwertheit der Zeit des erfolgreichen “Boaphenia”-Albums von 1993. Anders als damals zeichnen sich heute jedoch die beiden Produzenten Swen Meyer (Tomte, Kettcar, Maar) und Gordon Raphael (The Strokes) für das Mixing verantwortlich, wobei jeder so seine individuellen Stärken eingebracht hat.

Und auch der Bandchef selbst wiegelt im Gespräch bei der Erwähnung von Parallelen ab: “Ich war nie genauso drauf wie jetzt. Aber Selbstbewusstsein hatte ich damals ganz bestimmt, denn es lief zu der Zeit extrem gut. Eine Grundlage für die heutige Situation ist sicher, dass ich einen guten Status habe, eine gute Credibility und mich nie dafür ausverkaufte. So bin ich insgesamt sehr zufrieden mit meiner Arbeit. Status Quo ist, dass ich seit ein paar Monaten auf einem High bin, und das hat sich auf die Songs ausgewirkt.” Und wie! Zeit zum Luftholen bleibt nur selten, während sich die Refrains unmittelbar festsetzen, überraschen die Breaks immer wieder aufs Neue. Auch für Rock-Produktionen ungewöhnliche Sounds wie Oboen oder Chinesische Geigen integrieren sich perfekt ins Bild.

Neben seinen eigenen Ideen ist es für Phillip nach wie vor ausgesprochen wichtig, stets neuen Einflüssen gegenüber offen zu sein und so sind die Elemente, die ihn inspirieren, 100% up to date. Ohne Anlauf schafft er es, ganze Kataloge aktueller Bands aufzuzählen, wofür er auch sofort eine Erklärung hat. “Ich mache mir ständig darüber Gedanken, mich weiterzuentwickeln und versuche schon deshalb alles aufzusaugen, was in der Gegenwart passiert. Aktuellen Strömungen gegenüber verweigere ich mich nicht, sondern lebe mit ihnen und so hört sich hoffentlich auch meine Arbeit an. Das gute im Augenblick ist, dass viele relevante Bands wie die Musik klingen, mit der ich aufgewachsen bin oder wie Sachen, die ich früher selbst gemacht habe. Das kommt mir natürlich sehr entgegen.”

Einer Analyse der eigenen Inspirationen oder gar der Inhalte der Songs will er sich jedoch nicht stellen, das können ruhig andere übernehmen. “Ich will mir abgewöhnen, meine eigenen Songs zu interpretieren, das ist nicht gut. Man schreibt die Songs nicht wie ein Wissenschaftler, sondern sehr emotional. Meine Songs müssen ambivalent sein, selbst ich muss mit etwas Abstand in der Lage sein, etwas anderes darin zu entdecken. Vielleicht ist dieses Album jedoch eindeutiger als die letzten beiden. Ich versuche noch immer, zeitlose Songs zu schreiben. Wenn ich das mit dem ein oder anderen Titel schaffe, dann ist das großartig.” Und so bleibt der Mann wohl für immer sein größter Kritiker.

Text: Peter Heymann