Seit dem 11.11. steht nicht nur die neue PHILLIP BOA Single, mit dem Titelsong des Top40 Albums – „decadence & isolation“ – in den Plattenläden – er tourt derzeit auch durch die deutsche Republik. Die PNG brachte jüngst einen sehr schönen Text zum Thema Boa, sein gespaltenes Verhältnis zur Musikindustrie und sein Comeback auch zu Motor. Dies wollen wir Euch natürlich nicht vorenthalten:


Bild: P.M. Hoffmann

Du kennst Dich aus. Wie das ist. Das mit dem Zurückkommen. Phillip Boa & the Motor Years ist ein Zurückkommen. Zweifellos. Auch wenn Motor nun so ist, wie vom Labelchef und -erfinder Renner immer gemeint, nämlich nicht nur völlig hip, sondern natürlich völlig indie und völlig credible, das Wiederkommen hat seine Haken und Ösen: Du bringst wieder Deinen Lieblingsspruch, dass sie Dich nach dieser Platte sowieso rausschmeißen würden, das Dir das aber egal sei und Du denen sowieso das Leben schwer machen würdest, manchmal täten die Dir echt leid. Aber ein Boa müsse nun mal tun, was ein Boa tun müsse. Keine Musik für Werbung und überhaupt und wenn BMW die Aufbauarbeit fürs Label mit gesammelten e-mail-Adressen vergolten haben möchte, würdest Du nun mal den Choleriker geben, daran müssten sich Leute wie Renner einfach gewöhnen. Und das klingt aus Deinem Munde, als ob das, bei der Verkündung, für den Labelchef der neuste Schock in seiner jungen Karriere gewesen sei. Aber das ist nun mal Tim Renner, und wer, wenn nicht der, weiß wie das „Biz“ funktioniert. Nicht umsonst ist eben der in all den Jahren so erfolgreich gewesen, dass er es als verhinderter Schreiber bis zum eigenen Majorlabel bringt. Sicher einer, der weiß, was er einzelnen Künstlern im Sinne des Kommerzes abverlangen kann, der aber ebenso den Respekt als die ihn leitende Triebkraft nennt: den Respekt vorm künstlerischen Produkt, aber nur wenn es wahr, rein und überhaupt ist.
In Wahrheit weiß die Reinkarnation des Tim Renner sehr genau, wen er sich da wiedergeholt hat. Du warst einer seiner ersten Künstler, die er in seinem ersten Leben, damals bei PolyGram unter Vertrag nahm und vielleicht auch der, der ihm das meiste abverlangte. Unvergessen die erzwungenen Vollplayback-TV-Auftritte, bei denen Du störrig nicht die Lippen bewegst und für einen kleinen Skandal sorgst. Unvergessen Dein Abgang, als Renner bei seinem Antritt in der Universal Chefetage verkündet, dass ausnahmslos alle Künstlerverträge auf Rentabilität geprüft würden, bevor man als Major Company weiter an ihnen festhielte und Du die Gelegenheit nutzt, auch weil Dir der neue Ton des zum Big Boss aufgestiegenen alten Kumpels nicht gefällt und Du Deinen Vertrag zur Disposition stellt, mit dem Ziel, das Label zu wechseln. Unvergessen die Sprödigkeit und Souveränität, die Dein Auftreten gegenüber den allmächtig wirkenden Marktmechanismen begleiten. Du ein Role Model. Du schuld an uns. Zu verehren… was auslösend… was verändernd. Immer und immer wieder.

 …immer noch besser, bei einem großartigen Spinner unter Vertrag zu sein, als bei einem großartigen Arschloch.

Du erzählst, dass der Rückgang zu Motor mitnichten von Romantismen geprägt ist. Die stehn halt hinter dem Produkt und das sei schön als Künstler, das zu spüren zu bekommen. Und außerdem sei es bemerkenswert, eine Platte konsequent „durchzuarbeiten“, obwohl der Künstler jedes der im Voraus gedachten Marketinginstrumente kategorisch ablehnt. Das sei eine respektable Leistung, sagst Du und lachst dabei. Dein Boalachen.
Aber im Ernst: Mit Petra (Husemann-Renner) zu arbeiten ginge ja sehr gut, wegen des Verständnisses, aber Tim sei einfach schizophren. Irgendwie. Bezeichnest Du ihn gern und oft, bezüglich seiner Zeit als Universal-Chef als „Erfüllungsgehilfen“ der, sei er heute in einer Parallelwelt gefangen, aber es sei sympathisch, sagst Du, wie er es meistere, sein großes Versprechen, der Popmusik den Spirit wiederzugeben. Und für einen Künstler sei es immer noch besser, bei einem großartigen Spinner unter Vertrag zu sein, als bei einem großartigen Arschloch. Sagst Du.

Wir verstehen.

War es für uns nicht einfach, zu hören, dass Du jetzt wieder „dort“ bist. Was Boa doch bei Motor? Haben wir uns gefragt. Hat er doch unterschrieben? Hattest Du nicht vor einem Jahr so kategorisch ausgeschlossen, dass das überhaupt ein Thema sein könnte, mit denen wieder in Verbindung gebracht zu werden? Hatten wir damals nicht mit Dir darüber sinniert, dass Du ja Deine Platten ja ab sofort auch bei L´age D´or rausbringen könntest, was ja sehr – und da bringst Du sie gern, Deine Lieblingsvokabel – COOL wäre, irgendwie, aber vielleicht für das Label und für die anderen Acts dort nicht so gut, denn eine Boa-Platte schlaucht, darüber sind selbst wir uns im Klaren? Und war es nicht so, dass Du bereits ein Jahr später, als solche Gerüchte die Runde machten, nachdem Du auf dieser Motor-Party auf der Popkomm gespielt hattest und die anwesenden Journalisten mit dem Spruch brüskiert hattest: „Habt ihr noch nie ´ne coole Band gesehen oder was?“, versuchtest uns gegenüber alle Zweifel zu zerstreuen, denn ein Vertrag mit Motor sei ja doch eine ganz andere Qualität, als nur auf einer Wiedergründungsparty den old enemy No.1 zu geben.

Gekotzt hast Du, sagst Du. Richtiggehend gekotzt.

Es war so. Und nur wir wissen, wie schwer es Dir gefallen sein muss, wieder mit Tim Renner an einem Tisch zu sitzen und einen Vertrag auszuhandeln, der das neue Zeitalter des Verhältnisses Künstler vs. Label einläuten soll. Wir wissen das. Und wir wissen auch, dass diese Entscheidung an Deine Substanz gegangen sein muss. Gekotzt hast Du, sagst Du. Richtiggehend gekotzt. Vor der Vertragsunterzeichnung. Allein aus psychischer Anspannung. Du erzählst die Geschichte so eindringlich, von der emotionalen Aufgewühltheit an diesem Tag, Anfang diesen Jahres, als Du mit Carol von Rautenkranz dort warst, dort in Berlin. Es fiel Dir nicht leicht, es war ein Kampf mit Dir selbst und im Nachhinein bist Du froh, sie gefällt zu haben. Nicht, weil alle Dir zugeraten haben – ganz im Gegenteil. Nein, weil Motor wohlmöglich das beste Label ist, das ein Phillip Boa haben kann.

Dass sie zu Dir hinkommen, ja, dass auch so etwas wie menschliche Wärme seitens des Labels zu spüren war, so sagst Du, das habe den Ausschlag gegeben. Das gebe es nicht mehr so oft. Sagst Du. Zumindest für einen wie Boa. Und wer, wenn nicht die Leute bei diesem Label wüssten, wie sie mit Dir umzugehen haben, was sie mit einem Boa machen können und was nicht und was dazu führen würde, dass Du die besten Platten Deines Daseins als Musiker abzuliefern imstande sein wirst. Sehr viel Worte verlierst Du über Dein neues/altes Label. Sehr viel. Fast liebevoll redest Du über das Label, die Leute, die Deine Musik unters Volk reiben und das nicht nur zumindest mit dem nötigen Sachverstand, sondern offensichtlich auch mit der rechten Hingabe tun. Menschen, die vielleicht wissen, was eine Boa-Platte braucht, um gehört zu werden.

RCA brachte brav Deine Platten raus… Aber am meisten fehlt der Zeit bei RCA der Glamour.

Du klingst zufrieden. Angekommen? Vielleicht. Angekommen in einem neuen Boa-Zeitalter, das da heißt: es gibt ein Leben nach dem emotionalen Tod. Oder besser noch: ein Leben nach dem Tief. Das Tief, dass Deine künstlerische Arbeit die letzten Jahren und zumindest seit „My Private War“ beherrschte. Sicher, das Leben auf RCA als ein Phillip Boa, war mitnichten ein entbehrungsreiches. War keines, das geprägt gewesen wäre, von Budgetstreitigkeiten, von klaren Ansagen oder gar massiven Einschnitten in Deiner künstlerischen Arbeit, von Leuten, die mit Dir arbeiteten und die überhaupt keine Ahnung von dem hatten, was sie tun. Nein, nein. Das alles gab es dort nicht. RCA brachte brav Deine Platten raus. Die Leute gaben sich dort beflissen, wenn es um Deine Platten ging. Deine Platten wurden „durchgearbeitet“, wie man dort so schön sagt. Professionell natürlich. Auf höchstem Niveau. Dem höchsten, das ein Major einem nationalen Künstler gewährleisten kann. Jedoch kein Niveau, das Dir entspricht.
Deine Platten sind keine großen Ereignisse innerhalb der Company, zugegeben. Und das vielleicht auch, da eben nur Euphorie beim Release eines Künstlers mitschwingen kann, wenn man ihn selbst aufgebaut und eben nicht von der Konkurrenz abgekauft hat. RCA entpuppten sich als Bestandsverwalter. Boa ist dort ein „wichtiges Thema“, aber eben keines, dass die Erwartungen übererfüllte. Der Künstler Boa war sogenannt „schwierig“ genug, dass es nicht genügend Reibungspunkte gegeben hätte.
Und. Am spürbarsten vielleicht. Für einen wie Dich: Es fehlte der Glamour. Es fehlen viele Dinge in jener Zeit für den Künstler Boa… sicher nicht nur Pia, als der gesangliche, künstlerische und menschliche Widerpart und nicht nur die mediale Aufmerksamkeit, die eine Boa-Platte wie ehedem „Copperfield“ oder „Philister“ zu einem nationalen Ereignis in der Popmusik gestalten konnte. Aber am meisten fehlt der Zeit bei RCA der Glamour. Wir wissen, was Du meinst. Es war OK, dort. Klar. Aber nichts, was Dich herausfordert. Was Dich bewegt. Was Dich in emotionale Höhenflüge versetzte. Aber genau das hättest Du gebrauchen können.

Dennoch. Man muss fair der Geschichte gegenüber sein: Du nahmst bei RCA Deine bisher beste Platte auf. Und besser noch: es kam die Aufmerksamkeit zurück. Von denen, auf deren Aufmerksamkeit Du immer Wert gelegt hattest. Von denen, die was Wichtiges zu sagen haben. Von denen, die es gibt. „Red“ ist ein unbestreitbarer Meilenstein. Für den Indiegedanken. Für diese Art der Attitüde. Für diese Form der populären Kultur. Ein Meilenstein der deutschen Indiepopkultur, sagen wir. Klingt furchtbar, wie wir finden, so nach Marketing, point of sale-magazine und derlei, aber Du weißt schon, was wir meinen und wir wissen, dass Du den immer machen wolltest. Diesen Meilenstein. Und so ist „Red“ ein Statement. Etwas, das bleiben wird. Vielleicht länger als alle Deine anderen Platten. Und das nicht nur, weil sie musikalisch gelungen ist, sie wird vielleicht auch deshalb bleiben, weil es schier unglaublich ist, WEN sie alles vereint.

Ohne dich gäbe es keine Definition von „cool“ – Deiner Lieblingsvokabel – und sicher auch kein würdevolles Indiealtern.

Wenn „Red“ ein unumstößlicher Beginn war, „C90“ seine konsequente Fortsetzung, dann ist, so sagen wir es Dir gern „Decadence & Isolation“ ein erster Höhepunkt. Du bist zurück. Du bist wieder wer. Du wirst respektiert. Von solchen wie uns. Du bist mehr als eine Ikone. Du bist ein Initiator. Ohne Dich wären wir nichts. Wir würden das hier vielleicht tun. Ohne dich gäbe es keine Definition von „cool“ – Deiner Lieblingsvokabel – und sicher auch kein würdevolles Indiealtern. Du bist der Beweis, dass das alles geht: sich nicht anpassen, überleben, gute Platten machen, Akzente setzten, gehört und respektiert werden und letztlich nach all den Jahren der sein, auf den sich alle irgendwie einigen können. Ohne Dich würden wir das alles nicht wissen.
Ohne uns jedoch, würdest Du keine Platten mehr machen. Ja, wir haben von Dir gelernt.

Wie das alles kommt, resümieren wir. So nach all den Jahren Einsamkeit, Vergessensein von den „respectables“, keine Rolle mehr spielen. Finden wir. Down seiest Du gewesen über die Jahre. Von Selbstzweifeln angegriffen. Ans Aufhören zu denken und die künstlerische Existenzberechtigung in Frage zu stellen, seien förmlich Tagesgeschäft gewesen.
Und nun? Aufbruch. Was mit „Red“ beginnt, mündet jetzt bei „Decadence & Isolation“ endgültig in eine derartige Stimmung. Boa ist zu spüren. Überall. Seine Songs sind wild. Seine Kunst kompromisslos. Seine Musik ist tagesgültig. Boa ist zurück. Alles gut. Alles ist gut. Das ist so beruhigend.
Carol, sagst Du. Und einige andere, natürlich. Aber Carol hat die entscheidenden Momente geprägt die letzten Jahre. Er ist mehr für Dich, als nur der Verleger Deiner Songs. Er habe Dich auch schon mal angeschrieen vor einem Gig, als es wieder überhand nahm, mit den selbstzerstörerischen Fragen nach dem Wert dessen, was man als Boa überhaupt tut. Diese Fragen stellen sich nicht. Sagt Carol. Und überhaupt: geh´ da jetzt raus und spiele. Etwas lauter. Du hast eine Verantwortung gegenüber Deiner Kunst. Das ist eine Verpflichtung. Carol, sagst Du, habe Dir den Respekt vor Dir selbst wiedergegeben. Dankbar seiest Du ihm dafür. Natürlich. Was sonst.

Und, merkwürdig, wir finden, dass man genau das „Decadence & Isolation“ anhört. Ohne den Einfluss der Produzenten schmälern zu wollen. Aber diese Platte ist erst mal geprägt von Deinem Selbstbewusstsein, hier eine Deiner besten Platten aufzunehmen und dann erst von der Fähigkeit dieser beiden so unterschiedlichen, aber für den Sound der Platte nicht unwesentlichen Produzenten. Swen Meyer, aus dem Dunstkreis des „Grand Hotel van Cleef“, der Dir aufgrund seines Engagements für Kettcar und Tomte aufgefallen war. Und natürlich Gordon Raphael, der Strokes-Produzent, dessen Name in diesem Sinne natürlich auch für ihren Reminiszenzsound steht. Letzterer mixt den Song „Burn all the flags“ genau so, wie Du Dein wiedererlangtes Selbstbewusstsein soundlich geerdet haben möchtest: Deine erste Singleauskopplung klingt so dermaßen nach The Clash, dass wir Raphaels Gefangensein in 4-Spur-Klangmustern schätzen lernen. Eigentlich hätten wir unbedingt erwähnen müssen, wie wir finden, dass die zweite Strokes-Platte stinklangweilig klingt, doch Raphael beweist, dass er mehr kann, als nur Popbands aufnehmen und sie nach Garage klingen zu lassen: er erkennt Deine Größe und die Wichtigkeit Deines everlasting Counterparts Pia Lund: „And when the magic fades“ ist der Hit Deiner Platte, unbestritten.

„Der Himmel“. Ein hitverdächtiges Boa-Stück mit deutschem Refrain. Und komisch. Wir konnten uns mit dem Gedanken anfreunden.

Dass alles möglich ist in Sachen Boa, haben wir schon auf einem Deiner Konzerte im letzten Winter erfahren und irgendwie hängt das immer mit den Hits zusammen, an denen Frau Lund keinen unwesentlichen Anteil hat. Im Set dieser Tour tauchte ein Pia-Song auf, der schon einem Boa´schen Grundsatzbruch gleichkam: „Der Himmel“. Ein hitverdächtiges Boa-Stück mit deutschem Refrain. Und komisch. Wir konnten uns mit dem Gedanken anfreunden. Aber alle Hirngespinste an mehr hast Du im Studio verworfen, sagst Du. Boa und deutsch. Das ginge zwar irgendwie, nichts sei auszuschließen und überhaupt sei alles möglich… bloß nur nicht im Moment. Diese Frolleinwunderbands, diese Nena-Reminiszenz-Klone seien schuld daran. Das braucht keine Sau. Sagst Du.
So hätte es der Song beinahe geschafft auf Dein neues Album zu kommen, er hätte gepasst, finden wir, aber Du wolltest um Himmels willen nicht gesagt bekommen, Du hättest es nötig, Dich irgendwo anzubiedern. Boa ist Boa. Das ist konsequent.

Das ist der Virus, den Du uns eingepflanzt hast. Durch Deine bloße Anwesenheit. Die zu sein, die wir sein wollen. Unabhängig in allen Entscheidungen, stolz und frei. Und überhaupt. Wir lieben Dich dafür. Du wirst schon sehen, was Du davon hast.

TOM WEBER

*********************
„decadence & isolation“ findest Du zum Anhören auf PnG online. Ebenso dort auch ein PnG-Dossier zu Phillip Boa & the Voodooclub. Und wer den deutschen Indiegedankenvordenker und sowieso Coolnessdefinierer live sehen möchte (empfehlenswert!), findet ihr hier noch die aktuellen Daten zur Herbsttour seines Ensembles.

Boa On Stage:
19.11.2005 Rostock – MAU *
21.11.2005 Frankfurt – Mousonturm *
22.11.2005 Mannheim – Alte Feuerwache *
23.11.2005 Osnabrück – Rosenhof °
24.11.2005 Berlin – Postbahnhof °
25.11.2005 Cottbus – Gladhouse °
26.11.2005 Dresden – Starclub °
27.11.2005 Erfurt – Spot °
29.11.2005 Hamburg – Grünspan *