Kurt Donald Cobain hatte etwas ganz besonderes, an das er glaubte. Er zeigte es seinen Freunden, teilte es mit ihnen. Dann ließen sie es gemeinsam in die Welt hinaus. Kurts “Geheimnis” wurde größer und größer – es hatte seine Unschuld verloren. Und dann, ja dann überrollte es ihn. Happy End ausgeschlossen. Nun haben seine Freunde von damals die Reste aufgesammelt – ganz behutsam – und sie dahin zurück gebracht, wo sie nach Kurts Meinung immer hin gehörten – in den Underground. Denn die jetzt erschienene Nirvana-Box ‘With The Lights Out’ enthält vornehmlich krachig-lärmendenden Übungsraum-Post-Punk.

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In all der Zeit seit Cobains Tod haben sich Dave Grohl und Krist Novoselic erstaunlich mit Kommentaren zurückgehalten. Sie überwachten noch die Veröffentlichung des ‘MTV Unplugged In New York”-Albums und schwiegen dann für sechs lange Jahre. Jahre, in denen die Demagogen und Schwätzer die Deutungshoheit über Nirvana und die Gründe für das Ableben Cobains übernahmen – und Courtney Love, die vermeintliche ‘böse Witwe’. Unterdessen wurde der Ausverkauf emsig betrieben: unzählige, nicht autorisierte Biographien überschwemmten den Markt, Greatest-Hits und Billig-Merch spülten Geld in die Kassen, die Kuh wurde nahezu totgemolken. Und dann kamen auch noch die Tagebücher – wer Pietät besaß, der wendete sich voller Grauen ab. Während in den Redaktionen mit heißer Nadel am alles überstrahlenden Mythos Cobain gestrickt wurde, war es zudem unmöglich geworden, sich der Musik der Band in normalen Kategorien zu nähern.

Das zehnjährige Jubiläum ihres Jahrhundertwerkes “Nevermind” – die Aufruhr hatte sich inzwischen etwas gelegt – hielten Grohl und Novoselic dann für den geeigneten Zeitpunkt, das Kapitel Nirvana zu schließen – mit einem opulenten Box-Set, auf dem auch der letzte unveröffentlichte Song der Band ‘You Know You’re Right’ enthalten sein sollte. Es kam jedoch ganz anders: Courtney Love ließ die Auslieferung der Box per einstweiliger Verfügung stoppen, es entbrannte eine zermürbende Schlammschlacht um die legitime Verwaltung des Nirvana-Erbes. Schließlich setzten sich Love und die Plattenfirma durch – die Box wurde auf die lange Bank geschoben, ‘You Know…’ erschien 2002 auf der Hitsammlung ‘Nirvana’.

Die Idee, mit einer umfangreichen Werkschau das zentrale Element – die Musik -, wieder in den Mittelpunkt der Diskussion zu stellen und damit gleichsam auch einen Schlussstrich zu ziehen, blieb jedoch bestehen. Und hier ist nun endlich das Ergebnis: ‘With The Lights Out’ erzählt die Geschichte der wichtigsten Band der Neunzigerjahre chronologisch und frei von Pathos aus der Sicht jener, die damals beteiligt waren. Auf drei CDs, einer DVD und in dem 60-seitigen Booklet, mit unbedingt lesenswerten Linernotes von Thurston Moore (Sonic Youth).

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Bei der Gestaltung haben sich die verbliebenen Mitglieder wohl an den letzten Wunsch Cobains erinnert, der sich danach sehnte, dass sich der Trubel um die Band wieder legen und sie auf das Niveau der Pixies zurückfallen würde. Denn trotz der keine Fan-Wünsche offen lassenden Verpackung mit aufgeklebter Metallplatte und dem ungewöhnlichen Format, wirkt das Artwork nüchtern und bescheiden – Hochglanz ist hier gar nichts. Im Gegenteil: Ästhetik, Design und die Sprachwahl in den Texten und Kommentaren sind typisch Achtzigerjahre-US-Indie-Post-Punk; kurz:’SubPop’-Style – jene Plattenfirma, die das Phänomen Grunge ja überhaupt erst möglich machte (und ihm den Namen gab).

Charakterlich ist die Sammlung in erster Linie für Fans und (Musik-)Historiker interessant. Ähnlich angelegt wie die Beatles-Anthology bilden Outtakes, B-Seiten obskure Proberaum-Mitschnitte und Live-Material den Schwerpunkt. Wirklich neu und ergo unbekannt sind aber nur die zahlreichen Coverversionen, die man teilweise sicher nicht erwartet hätte. So covern die vermeintlich Punkrock-sozialisierten drei Led Zeppelin-Songs, sowie Ledbelly und Jaques Brel. Zumindest 80% des Materials sind auf den ersten Blick unhörbar. Man muss schon sehr viel Geduld und aufrechtes Interesse an Nirvana mitbringen, um sich durch die teilweise grottenschlechten Aufnahmen zu kämpfen.

So stellt sich eine Frage: wo fängt der Ausverkauf an, wo hört die Dokumentationspflicht einer derart im Fokus der Öffentlichkeit stehenden Band auf? Dient ein hinter dem Ofen hervor gezerrter, offensichtlich neben sich stehender Kurt Cobain mit völlig zerschossenen Solo-Versionen von Songs wie ‘Pennyroyal Tea’ noch dieser Dokumentationspflicht, oder ist das schon Voyeurismus? Harrison, Starr und McCartney haben die Aufarbeitung des Beatles-Erbes in immer neuem Gewand als die Pflicht verteidigt, ihre Musik für die Nachwelt zu erhalten und neuen Generationen zugänglich zu machen. Ein ähnliches Anliegen ist – zehn Jahre nach dem Ende – sicher auch im vorliegenden Fall legitim. Zumal die Entwicklung der Seattle-Three hier wirklich schön nachvollziehbar ist.

In chronologischer Reihenfolge werden wir auf der DVD Zeuge der Evolution Nirvanas von einer wütenden Krachband zum eigenständigen, souverän aufspielenden Multi-Platin-Act. Vom ersten ‘Konzert’ – einer halb-öffentlichen Probe im Wohnzimmer der Mutter von Krist Novoselic, bei der Kurt mangels Notenständer die Texte an eine Wand geklebt hat, und so die ganze Zeit über mit dem Rücken zu seinen Bandmates steht – bis hin zu einem triumphalen Konzert im OK Hotel in Seattle. Die ‘Nirvana-Werdung’ lässt sich aber auch auf den CDs nachvollziehen. Man hört, was für eine Entwicklung Klassiker wie ‘Smells Like Teen Spirit’ durchmachten, wie sie immer weiter modifiziert und verfeinert wurden, ehe sie in dem uns allen bekannten Glanz erstrahlten.

Der Wendepunkt auf der Suche nach dem eigenen musikalischen Vokabular wird hier eindeutig: Mit ‘About A Girl’ – Kurt hatte die Beatles entdeckt – zog der Pop ein – und fügte sich nahtlos in das vorhandene Korsett aus Metal und Post-Punk. Bereits in der vorliegenden Urversion hatte der Song alle Tugenden, die den Sound der Band definieren und so erfolgreich machen sollten: Das Laut/Leise-Schema, die melodiöse Anmut vermischt mit der verzweifelten Höllenqual des Interpreten. Ein weiterer Quantensprung war zweifellos der Einstieg Dave Grohls im Oktober 1990. Erst durch ihn erhielten die Kompositionen Cobains ihre kompromisslose Urgewalt – Der Mitschnitt vom ersten Gig mit Grohl auf der DVD spricht Bände. Tröstlich für Nachwuchs- und Amateur-Musiker ist vielleicht die folgende, sich aus dem Studium der musikalischen Entwicklung Nirvanas ergebende Erkenntnis: Auch Cobains Genie ist nicht vom Himmel gefallen, sondern das Ergebnis jahrelanger harter Arbeit. Und: Ein Jahrhundertwerk wie ‘Nevermind’ ist immer auch eine Teamleistung, erst die Produktion von Butch Vig verwandelte Rohdiamanten wie ‘In Bloom’ in massenkompatible Blaupausen für das Rock-Songwriting der nächsten zehn Jahre.

Natürlich sagt das Material auch eine Menge über den Seelenzustand des widerwilligen Sprechers der Generation X aus. Nahezu durchweg zeigen zum Beispiel die Filmaufnahmen Cobain als einen sehr ernsthaften jungen Mann, der hier nicht einmal richtig lacht. Trotzdem wirkt der Sänger in den Anfangstagen nicht unglücklich, sondern vielmehr zielstrebig im Erreichen der Umsetzung seiner musikalischen Vision. Dann jedoch ziehen die Drogen ein. Vor allem die kurz vor Kurts Tod aufgenommenen akustischen Solo-Tracks deuten auf den Grad seiner Verwirrung hin. Nichts spricht indes für die angeblich schlechte Stimmung zwischen den Mitgliedern während der Endphase. Die Konzertausschnitte deuten vielmehr darauf hin, dass Grohl, Novoselic und Cobain sich und ihren endgültigen Sound gerade erst gefunden hatten, als das jähe und unschöne Ende kam. Und das ist vielleicht die traurigste Erkenntnis.

Nirvana haben der modernen Rockmusik einen bis heute spürbaren Tritt in den Hintern gegeben. Sie drückten nicht nur perfekt das Lebensgefühl der damaligen Generation aus, sondern etablierten die Musik des US-Untergrundes kurzerhand als den neuen Mainstream – ob einem das gefiel oder nicht. Das dies gelingen konnte, liegt wohl daran, dass es keinen Masterplan, kein Image-Konzept und kein Schielen nach Verkaufszahlen gab. Nirvana waren ‘for real’. Oder, um es mit den Worten von Krist Novoselic auszudrücken: “It was the music, that’s what brought us together…that was the mission.”

Text: Torsten Groß

und jetzt noch was für´s Auge – 10 Nirvana Videos (jeweils in niedriger und hoher Auflösung) – motor.de wünscht viel Spaß beim gucken:

1. In Bloom (low) (high)

2. Heartshaped Box (low) (high)

3. Come As You Are (low) (high)

4. Aneurysm (low) (high)

5. All Apologies (low) (high)

6. Lithium (low) (high)

7. Sliver (low) (high)

8. Smells Like Teen Spirit (low) (high)

9. The Man Who

Sold The World (low) (high)

10. You know you´re right (low) (high)

und zu guter letzt nicht unerwähnt bleiben sollte die umfangreiche Tracklist von “With The Lights Out”:

DISC ONE:

1. HEARTBREAKER (Bonham, Jones, Page, Plant) – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1987 2. ANOREXORCIST – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1987
3. WHITE LACE AND STRANGE (Bond) – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1987
4. HELP ME I¹M HUNGRY – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1987
5. MRS. BUTTERWORTH – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1988
6. IF YOU MUST – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1988
7. PEN CAP CHEW – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1988
8. DOWNER – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1988
9. FLOYD THE BARBER – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1988
10. RAUNCHOLA/MOBY DICK (Moby Dick – Bonham, Jones, Page) – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1988
11. BEANS – PREVIOUSLY UNRELEASED (undated)
12. DON¹T WANT IT ALL – PREVIOUSLY UNRELEASED (undated)
13. CLEAN UP BEFORE SHE COMES – PREVIOUSLY UNRELEASED(undated)
14. POLLY – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1988
15. ABOUT A GIRL – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1988
16. BLANDEST – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1988
17. DIVE – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1988
18. THEY HUNG HIM ON A CROSS (Huddie Ledbetter) – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1989
19. GREY GOOSE (Huddie Ledbetter) – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1989
20. AIN¹T IT A SHAME (Huddie Ledbetter) – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1989
21. TOKEN EASTERN SONG – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1989
22. EVEN IN HIS YOUTH – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1989
23. POLLY – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1989

DISC TWO:

1. OPINION – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1990
2. LITHIUM – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1990
3. BEEN A SON – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1990
4. SLIVER – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1989
5. WHERE DID YOU SLEEP LAST NIGHT – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1989
6. PAY TO PLAY from 1990
7. HERE SHE COMES NOW (Cale, Morrison, Reed, Tucker) from 1990
8. DRAIN YOU – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1990
9. ANEURYSM from 1990
10. SMELLS LIKE TEEN SPIRIT – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1991
11. BREED – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1991
12. VERSE CHORUS VERSE – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1991
13. OLD AGE – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1991
14. ENDLESS, NAMELESS – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1991
15. DUMB – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1991
16. D-7 (Sage) – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1990
17. OH THE GUILT from 1992
18. CURMUDGEON from 1992
19. RETURN OF THE RAT (Sage) from 1992
20. SMELLS LIKE TEEN SPIRIT – from 1991

DISC THREE:

1. RAPE ME (acoustic) – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1992
2. RAPE ME (electric) – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1992
3. SCENTLESS APPRENTICE – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1992
4. HEART SHAPED BOX – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1993
5. I HATE MYSELF AND I WANT TO DIE from 1993
6. MILK IT – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1993
7. MOIST VAGINA – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1993
8. GALLONS OF RUBBING ALCOHOL FLOW THROUGH THE STRIP from 1993
9. THE OTHER IMPROV – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1993
10. SERVE THE SERVANTS – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1993
11. VERY APE – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1993
12. PENNYROYAL TEA – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1993
13. MARIGOLD (Grohl) from 1993
14. SAPPY (retitled ³Verse Chorus Verse² for release) from 1993
15. JESUS DOESN¹T WANT ME FOR A SUNBEAM (Kelly, McKee) – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1994
16. DO RE MI – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1994.
17. YOU KNOW YOU¹RE RIGHT – PREVIOUSLY UNRELEASED from 1994
18. ALL APOLOGIES – PREVIOUSLY UNRELEASED (undated)

DISC 4 (DVD):

1. Love Buzz (Leeuwen)
2. Scoff
3. About A Girl
4. Big Long Now
5. Immigrant Song (Page, Plant)
6. Spank Thru
7. Hairspray Queen
8. School
9. Mr. Moustache
Tracks 1-9 all previously unreleased from 1988
10. Big Cheese – PREVIOUSLY UNRELEASED(1989)
11. In Bloom Sub Pop Video (1989)
12. SAPPY – PREVIOUSLY UNRELEASED (1990)
13. SCHOOL – PREVIOUSLY UNRELEASED (1990)
14. LOVE BUZZ (Leeuwen) – PREVIOUSLY UNRELEASED (1990)
15. PENNYROYAL TEA – PREVIOUSLY UNRELEASED (1991)
16. SMELLS LIKE TEEN SPIRIT – PREVIOUSLY UNRELEASED (1991)
17. TERRITORIAL PISSINGS – PREVIOUSLY UNRELEASED (1991)
16. JESUS DOESN’T WANT ME FOR A SUNBEAM (Kelly, McKee) – PREVIOUSLY UNRELEASED (1991)
17. Talk To Me – PREVIOUSLY UNRELEASED (1992)
18. Seasons In The Sun (Brel, McKuen) – PREVIOUSLY UNRELEASED (1993)