Es ist schwer, sich bei Hurt, der wichtigsten Entdeckung seit Tool, nur auf die Musik zu konzentrieren; zu abgefahren ist die Biographie der Band, vor allem die ihres Masterminds J. Loren Wince. Dieser wuchs in einem strikt religiösen Elternhaus auf, in dem Rock-Musik strikt verboten war, dafür konnte er als Teenager bereits perfekt Violine und Gitarre spielen. Eines Tages lief im Fernsehen der Clip zu ‘Jeremy’ von Pearl Jam, und nichts war mehr so wie es war.

“Ich konnte nicht glauben, was ich da sah. Ich hatte ja keine Ahnung, dass es diese Art von Musik überhaupt gibt. Ich war sofort wie versteinert – bis zu diesem Tag konnte mich nur klassische Musik derart begeistern”, erinnert sich J. Loren, der Antonio Vivaldi, Franz Schubert und Felix Mendellssohn als seine größten Einflüsse angibt, an jenen entscheidenden Tag seiner Kindheit. Er begann sofort, eigene Songs zu schreiben, von denen sich einige auch auf dem grandiosen Debüt ‘Vol. 1’ wieder finden. Jedoch ist die lange Abstinenz von der wunderbaren Welt des Rock nicht die einzige interessante Facette, die Hurts Geschichte aufweist. Mehrere Jahre lang versuchte J. vergeblich, seine Ideen mit verschiedensten Musikern umzusetzen, immer unter dem Namen Hurt, “weil kein Wort die Musik besser beschreibt”, so Wince. Eines Tages traf er dann den Drummer Evan Johns, dessen Vita auch nicht gerade alltäglich ist. Sein Vater Andy arbeitet als Tontechniker und Produzent für Joni Mitchell, Rod Stewart und zahllose weitere Bands. “Es war bei uns nicht unüblich, dass Mitglieder von Cinderella oder Van Halen zum Dinner kamen oder mit in die Ferien fuhren”, erinnert sich der Drummer, mit dessen Hilfe es J. Loren endlich gelang, seine Musik professionell aufzunehmen, um Hurt als Band zu etablieren. Leichter gesagt als getan: “Ich habe dieses Album mit meinen Ersparnissen und denen meines Managers selbst finanziert. Ich habe so fest an meine Musik geglaubt, dass ich es nicht für möglich hielt, dass zunächst kein großes Label Interesse zeigte.” All die Jahre des zermürbenden Wartens bis am Ende ‘Capitol’ zusagte – hätte es denn nicht auch ein kleines Indie-Label getan? “Nein”, fährt J. fort, “Indies haben oft nicht den besten Vertrieb und mehr als alles andere will ich, dass meine Musik von so vielen Menschen wie möglich gehört werden kann.” In der Tat sollte wirklich jeder, der auch nur einen kleinen Funken Interesse an Gitarrenmusik zeigt, eine Stunde seines Lebens investieren, um ‘Vol. 1.’ zu genießen. Unterstützt von seiner Band, neben Johns an den Drums sind das Joshua Ansley (ex Beck) am Bass und der Gitarristen Paul Spatola, gelingt es Wince Musik zu erschaffen, die in ihrer Leidenschaften und Größe zur Zeit einmalig ist. Man muss kein Genie sein, um dieser Band und ihrem musikalischen Mastermind, J. Loren Wince eine ganz, ganz große Zukunft zu prophezeien.


Text: Martin Schmidt